Lange Nacht des Yoga

Yoga – Es kann helfen wie Medizin, nur ohne Nebenwirkung

Ali Alizada, ein junger Afghane, der durch Yoga in die Ruhe nach der Flucht gefunden hat. Zu Hause in seiner Küche praktiziert er mehrmals in der Woche Yoga.

Ali Alizada, ein junger Afghane, der durch Yoga in die Ruhe nach der Flucht gefunden hat. Zu Hause in seiner Küche praktiziert er mehrmals in der Woche Yoga.

Foto: Mark Sandten

Depressionen, Stress, der Umgang mit Krebs – hier erzählen Hamburger, wie Yoga ihnen durch eine Krise hilft. „Lange Nacht“ des Yoga.

Hamburg. Die Luft brennt, Sommer für immer herrscht im Bikram City Yoga Studio in der Langen Reihe. Clivia Spindler öffnet die Fenster. Gerade hat sie ihre Schüler 90 Minuten lang bei 40 Grad Raumtemperatur durch verschiedene Körperübungen geführt. Wer da nicht ins Schwitzen kommt, der ist wahrscheinlich die Schneekönigin von Hans Christian Andersen. Oder Elsa aus Disneys Film „Die Eiskönigin“. Oder eine Kugel Erdbeereis.

Allen anderen hier ist jedenfalls warm, Clivia Spindler lüftet ihr T-Shirt ein bisschen. Man sieht einen kleinen Hubbel unter dem rechten Schlüsselbein, und während man sich gerade noch im Märchen bewegte, findet man sich nun in der knallharten Realität wieder. Ein Port.

Unter der Haut, der Schnitt kaum sichtbar, aber er verrät eben, was hier los ist. Ein Port stellt einen festen Zugang in die Venen für Krebspatienten dar. Die Chemotherapie immer zu spritzen, da sähen die Armbeugen bald aus wie die von Heroinkranken aus ganz schlimmen Filmen.

Eine 83-Jährige turnt jeden Tag in der ersten Reihe

Uh! Muss das jetzt so hart werden? Leider ja. Denn in diesem Text geht es mal nicht um das Lifestyle-Yoga, in dem alle immer „Om“ säuseln, sich sexy Lululemon-Hosen anziehen und am perfekten Glow arbeiten. Yoga vermag mehr, als einen gut aussehen zu lassen. „Es hat mir wirklich geholfen, mein Schicksal anzunehmen“, sagt Clivia Spindler.

Sie entdeckte ihr Schicksal selbst. Gerade hatte die Hamburgerin eine Stunde gegeben, morgens um 7 Uhr an einem Donnerstag, da ertastete sie beim Duschen den Knoten. Vier Zentimeter. Eigentlich hatte sie vorgehabt, schon bald mit Freundinnen von Peking bis Moskau zu reisen in der transsibirischen Eisenbahn. Stattdessen Chemotherapie, Operation, Antikörpertherapie, Hormontabletten und jeden Morgen ein Büschel Haare in der Bürste. Schwarze lange Haare überall. Zeichen des Verfalls. „Aber ich bin nicht ausgerastet. Ich habe mich nie gefragt: Warum? Durch jahrelanges Yoga hatte ich ein solches Vertrauen in meinen Körper aufgebaut, dass ich wusste: diese Krankheit bewältigt er“, sagt Spindler.

Dinge annehmen, wie sie sind

Nicht bewerten, sondern die Dinge so annehmen, wie sie sind – das hatte Spindler gelernt. Eine große Kunst. Während der Krankheit durfte sie nicht unterrichten, zu groß wäre die Infektionsgefahr für sie gewesen. Aber jetzt steht die 50-Jährige seit einer Woche wieder auf der Matte. Glücklich. Geschafft. „Schicke Kurzhaarfrisur“, sagt eine Frau zu ihr. „Ja, ich hatte Krebs.“

Es sei wichtig, Yoga bei den Menschen bekannter zu machen, glaubt Spindler, weil es immer helfe. „Ich gebe natürlich kein Heilsversprechen ab, aber irgendetwas Positives geschieht bei jedem.“ Yoga ist das, was passiert, während du versuchst, deine Zehen zu erreichen. Man kann nichts falsch machen, kann nie zu alt sein. In Spindlers Bikram Studio kommt jeden Tag eine 83-jährige Dame und turnt in der ersten Reihe. Mit 80 erst entdeckte sie Bikram Yoga für sich, heute bewegt sie sich eleganter als manche 20-Jährige. Aber stopp! Nicht vergleichen. Das tut ein echter Yogi nicht.

Sonnabend Lange Nacht des Yoga

Wer so einen Yogi oder Yogi-Anwärter mal treffen möchte, der kann am Sonnabend bei der Langen Nacht des Yoga mitmachen. Jeder soll sich eingeladen fühlen, egal ob dick, dünn, fit oder Couchpotato. Außerdem tut man etwas Gutes dabei. Positives Karma ist also inklusive. Alle Einnahmen der Yoganacht kommen dem gemeinnützigen Verein Yoga für alle e.V. zugute, der in Hamburg sogenanntes „soziales Yoga“ ermöglicht. Das sind kostenlose Unterrichtseinheiten für Menschen, die in einer sozialen oder staatlichen Einrichtung sind.

In Hamburg bietet Yoga für alle e.V. Kurse im Frauenhaus, für Menschen mit psychischen Erkrankungen, bei Essstörungen, bei Trauer und im Strafvollzug an. Für Menschen also, die nicht in ein schickes Studio gehen können. „Manche von ihnen werden nie wieder arbeiten können, aber Yoga unterstützt die positiven Prozesse ihrer Heilung“, sagt Cornelia Brammen, Vereinsvorsitzende und selbst Lehrerin.

„300 Kilo von den Schultern gefallen“

Kürzlich sagte ein Straftäter zu ihr, ihm seien bei ihrem Kurs „300 Kilo von den Schultern gefallen“, und ein schwer depressiver Architekt erklärte nach einer anderen Stunde: „Nun habe ich mich zum ersten Mal seit Jahren nicht allein gefühlt.“

1500 Besucher nahmen 2017 bei der Langen Nacht des Yoga teil, Brammen hofft, dass es in diesem Jahr noch mehr werden. Noch mehr Erweckungen. Wie die von Marcel Rabenstein, der 2015 durch die Lange Nacht des Yoga Kundalini Yoga kennenlernte. Seit der Nacht vor drei Jahren praktiziert der 39-Jährige täglich: „Kundalini hat für mich nichts mit dem klassischen Hatha-Yoga zu tun, es ist eine sehr dynamische Form. Es lässt mich zu mir kommen“, sagt Rabenstein.

Raus aus dem Kopf und rein ins Herz, so funktioniert das

Zur Zeit arbeitet der Lebensmitteltechnologe unter der Woche an einem Projekt in Köln, dort legt er einfach ein Handtuch auf den Hotelboden, und los geht’s. Durch die Übungen werden Muskeln angesprochen, die sonst kaum verwendet werden, dennoch würde Rabenstein Yoga nicht als Sport bezeichnen: „Für mich ist es eine Lebensphilosophie. Yoga wirkt auf körperlicher, mentaler und spiritueller Ebene.“

Seit seiner Kundalini-Entdeckung hat sich der Schenefelder stark verändert. Bart und Haare sind nun lang, sein Gemüt ausgeglichen: „So etwas wie Stress kenne ich nicht mehr. Ich bin viel besser drauf. Auch Stimmungstiefs gehören der Vergangenheit an. Meine Abwehrhaltung gegenüber meinen Mitmenschen ist kaum noch vorhanden, ich akzeptiere andere Ansichten besser, meine enge Sicht hat sich geweitet.“

Die Mauern nach außen abreißen

Auch beruflich will er sich umorientieren. Neben einer Yoga-Ausbildung besucht er neuerdings am Wochenende eine Clownschule. Dort werden Personen geschult, die in Krankenhäusern Kinder oder Demente aufheitern. Die Parallelen zum Yoga liegen für Rabenstein auf der Hand: „Clowns arbeiten mit Emotionen, raus aus dem Kopf und rein ins Herz. Und dabei geht es auch beim Kundalini Yoga: die Mauern nach außen abzureißen und sein Herz zu öffnen.“

Denn Herzen können manchmal sehr verschlossen und verletzt sein. Ali Alizada litt unter heftigen Albträumen. Immer wieder begegneten ihm nachts Szenen vom Krieg in seiner Heimat Afghanistan, von seinem toten Vater, den die Taliban ermordet hatten, weil er ihnen seinen damals 15 Jahre alten Sohn Ali nicht als Kämpfer geben wollte. Von seiner Mutter und den beiden kleinen Schwestern, die er auf der Flucht in Pakistan zurücklassen musste. Seine Mutter hatte ihren ganzen Schmuck verkauft und das Geld dafür einem Schlepper gegeben: „Der Schmuck ist mir nicht wichtig, Ali. Du bist wichtig“, sagte sie zu ihrem Sohn. Fünf Monate lang irrte Ali von einem Land zum nächsten, ertrank fast im Mittelmeer, landete in der Türkei im Gefängnis, kam wieder raus, versuchte es erneut.

Endlich mal ein Sport, der kein Kampf ist, wie toll

Norwegen lautete das Ziel, dort hatten Freunde, die er auf der Flucht kennenlernte, Verwandte. Ali landete schließlich 2015 in Hamburg. Er machte einen Deutschkursus und ein Praktikum bei der Zeitschrift „Fit for Fun“. Dort wurde Yoga in der Mittagspause angeboten. „Ich hatte in Afghanistan noch nie von Yoga gehört, aber als ich es zum ersten Mal probierte, dachte ich: ein Sport, der kein Kampf ist, wie toll“, sagt Alizada. In seiner ersten richtigen Yogastunde in der Kaifu Lodge schlief er am Ende ein, da wusste er, dass er eine Lösung für seine innere Unruhe gefunden hatte. „Yoga ist für mich wie Medizin ohne Nebenwirkungen“, sagt der 20-Jährige. Er schlafe dadurch viel besser und könne sich wieder besser konzentrieren.

Ali Alizada macht inzwischen eine Ausbildung zum Konditoreifachverkäufer im Schmidtchen Ahrensburg, er will so vielen Menschen wie möglich begegnen, sich „nicht in irgendeinem Lager verstecken.“ Die Wohnung teilt er sich mit einem Freund, die Küche dient dabei als Yogastudio. „Für diesen Sport braucht man eigentlich nichts, sogar auf die Matte könnte ich noch verzichten“, sagt Alizada. Wenn sein Atem und sein Herz ganz ruhig werden, dann gibt es sogar eine kurze Zeit am Tag, in der er sich nicht fragt, wo seine Mutter und seine Schwester sind. Ob sie leben. Wie gern er ihnen sagen würde, dass er es geschafft hat, dass es ihm gut geht.

Yoga kann keine Wunder bewirken, nicht die großen Probleme unserer Zeit lösen. Aber hier und da ein Pflaster aufkleben, das vermag es.

Yoganacht Hamburg

Am Sonnabend veranstaltet der gemeinnützige Verein Yoga für alle e.V. zum fünften Mal die Yoganacht Hamburg. 42 Studios, die Sie in der Übersichtskarte oben sehen, öffnen von 17 Uhr bis teilweise Mitternacht ihre Türen, um verschiedene Yogaformen zu präsentieren.

Die Einlassbändchen gibt es für 20 Euro in einer Filiale von Reformhaus Engelhardt, dafür kann man so viele Kurse besuchen, wie man will. Der Erlös der Nacht geht komplett in soziale Yoga-Projekte.

Mehr Informationen unter:
www.yogahilft.com
www.yoganacht.de/hamburg.