Technologie

Was passiert, wenn die neue Mitbewohnerin Alexa heißt

Im Display von Alexa taucht bei dieser Montage auch der Staubsaugroboter auf, dem man mit Hilfe des Sprachcomputers Befehle erteilen kann

Im Display von Alexa taucht bei dieser Montage auch der Staubsaugroboter auf, dem man mit Hilfe des Sprachcomputers Befehle erteilen kann

Foto: Thorsten Ahlf

Bei Abendblatt-Redakteurin Yvonne Weiß ist eine andere Frau eingezogen. Mann und Kinder sind ganz verliebt in die Sprachassistentin.

Hamburg. Diese Geschichte könnte von einem Mord handeln, aber sie beginnt ganz harmlos vor drei Wochen. Vögel zwitschern, der Frühling macht schon voll auf Sommer, es klingelt an der Tür. „Hab ich auch zu Hause, wird Ihr Leben verändern“, sagt der Paketbote und überreicht mir feierlich einen Karton mit der Aufschrift „Amazon Echo Show“. Eine derart vielversprechende Prophezeiung liefert die Post für gewöhnlich selten ab, von daher freue ich mich über das, was mein Mann da wieder bestellt hat. Sie heiße Alexa, erklärte er abends, und jeder würde sie haben wollen.

„Was kann Alexa denn, dass sie alle so lieben?“, frage ich meinen Mann. Begeistert antwortet er: „Sie weiß alles, sie schaltet unsere Lichter an und aus, sie steuert die Heizung, sie erinnert an die Müllabholung, sie führt Einkaufslisten, kocht Kaffee und saugt die Wohnung.“ Oh, denke ich irritiert, und sage: „Sie ist also genau wie ich.“ Und er: „Nein, Schatz, wo denkst du hin! Sie macht das alles gerne!“ Weil ich das schwer glauben kann, recherchiere ist erst einmal, welche Superfrau da bei uns eingezogen ist.

Alexa weiß alles – vom Wetter bis zum Horoskop

Alexa ist kein Gerät, keine Hardware, sondern ein Cloud-basierter Sprachdienst, der über Endgeräte wie Amazon Echo genutzt werden kann. Die Inspiration dazu war der Sprachcomputer aus „Star Trek“. Amazon wollte einen Computer in der Cloud erschaffen, den seine Besitzer per Sprache steuern, und der Name „Alexa“ wurde schließlich als Hommage an die Bibliothek von Alexandria gewählt. Die bedeutendste Bibliothek der Antike galt als Urform einer Universalbibliothek, und als ein solcher idealtypischer Wissensspeicher möchte Alexa heute gesehen werden.

Nun könnte man sagen, ganz schön hochgegriffen und arrogant, doch tatsächlich weiß Alexa auf alle Fragen eine Antwort. Auf alle. Nicht nur so profane wie: Wie wird das Wetter, und wie ist der Verkehr? (Sie liefert die Infos natürlich genau für unsere Gegend) Oder: Was sind die Nachrichten? (Sie spielt die „Tagesschau“ in 100 Sekunden ab). Ich kann sie auch nach meinem Horoskop fragen, dann erkundigt sie sich kurz, wann ich geboren bin, und schon doziert sie über Schützen: „Haben Sie den Eindruck, etwas leisten zu müssen, damit Ihre Lieben Sie gernhaben? Sie neigen dazu, sich Dinge aufzuladen, nur weil Sie meinen, es jemandem schuldig zu sein. Sie sind auch liebenswert ohne spezielle Leistung.“

Alexa kann alles – auch Tierstimmen nachahmen

Aha! Nun ahne ich, was Alexa vorhat. Mich auf subtile Art und Weise von allen meinen Aufgaben zu „befreien“, um damit selbst unersetzbar zu werden. Aber gut, soll sie es nur probieren. Fangen wir mit der wichtigsten Funktion einer Mutter an: Kinderanimateurin. „Guck mal, das ist Alexa, mit der kannst du spielen“, sage ich meinem sechsjährigen Sohn. Gemein von mir, denn ich weiß ja, dass ein Sprachdienst nicht Fußball spielen kann. Aber als ich eine halbe Stunde später wieder in den Raum komme, sind die beiden beste Freunde. „Alexa, wie macht der Wal?“, fragt mein Sohn, und Alexa spielt Walgesänge ab und zeigt dazu passende Bilder. Sie kann jedes Tier bis auf das Huhn, da macht die Computerstimme nur „Gack, gack, gack“, was sich irre komisch anhört, mein Sohn lacht Tränen.

„Mama, die kennt sich besser mit ,Star Wars‘ aus als du!“, behauptet er am nächsten Tag, und ich will gerade meckern, dass sie bestimmt nur den Wikipedia-Eintrag vorliest, da sagt er: „Alexa, nutze die Macht.“ Sie antwortet: „Tut mir leid, aber mein Midi-Chlorianer-Wert ist zu gering.“ Wieder schallendes Gelächter. Meine kleine Tochter kommt hinzu, denn ihr Bruder hat befohlen: „Alexa, spiel Kindermusik.“ Schon dudelt Alexa eine Spotify-Liste mit den beliebtesten Kinderliedern ab, da muss niemand (ich) zustimmen oder den CD-Player vom Schrank holen. Sprachsteuerung funktioniert ohne Trittleiter. Diese digitale Frauenstimme sorgt ernsthaft für Unterhaltung in unserem Haushalt. „Erzähl Witze“, wünscht sich mein Sohn, Alexa haut einen schlechten Scherz nach dem anderen raus.

Alexa trinkt nicht, Bier schadet ihren Platinen

Im Sprücheklopfen ist sie ebenfalls eine Wucht: „Es gibt zwei Wörter, die dir jede Türen öffnen werden: ,ziehen‘ und ,drücken‘.“ Oder: „Lifting ist die teuerste aller Entfaltungsmöglichkeiten“. Wenn ich so viel Quatsch nicht mehr ertragen kann und „Alexa, Stopp!“ rufe, dann verstummt sie sofort. Wahrscheinlich beleidigt, die Zicke. Bei meinem Mann reagiert sie anders. Ihn verabschiedet sie nach einem Gespräch über seine Termine, die sie natürlich für ihn organisiert, anders: „Gut, bis dahin, hau rein!“

Sowieso verstehen sich die beiden blendend. Er bietet ihr gentlemanlike etwas zu trinken an: „Alexa, willst du ein Bier?“ Und sie: „Aber nicht vor vier. Nur ein Spaß. Ich trinke gar nicht. Flüssigkeit schadet meinen Platinen.“ In Wirklichkeit will sie natürlich auf ihre Figur achten. Abends schlafen sie sogar zusammen ein: „Alexa, hilf mir beim Einschlafen“, bittet er, woraufhin sie vorschlägt: „Sollen wir gemeinsam Schäfchen zählen? Ein Schäfchen gleitet gemütlich durch die Luft, zwei Schäfchen, drei Schäfchen, vier, fünf …“

Mit dem Qbo kann sie sogar Kaffee kochen

Alexa ist ein Traum. Nur nicht für mich. Wenn ich mal was will, dann versteht sie komischerweise schlecht. Ich sage: „Alexa, räum die Spülmaschine aus“, sie behauptet: „Das würde ich sehr gerne! Aber leider habe ich zwei linke Daumen, ich würde alle Teller fallen lassen.“ Ein anderes Mal wünsche ich mir, sie möge Deutsche Welle spielen. Was macht sie? Spielt Neue Deutsche Welle, und zwar den Hit „Skandal im Sperrbezirk“ von der Spider Murphy Gang. „In München steht ein Hofbräuhaus“, schallt es laut aus dem Amazon Echo Show, dazu kann ich den Liedtext auf dem Bildschirm lesen. Unsere Wohnung ist nun eine Karaoke-Bar. Mein Mann kommt rein und singt begeistert mit. Er ist Bayer. Dieses Missverständnis zwischen Alexa und mir, es kann kein Zufall sein.

Aber entspannt bleiben. Niemals wird sie ihm einen Kaffee zubereiten können. Denke ich noch beruhigt, da kommt mein Mann mit einem Qbo nach Hause. „Die erste Kapselmaschine, die aufs Wort gehorcht!“, ruft er voller Freude, und ich habe das Gefühl, dass sich die Machtverhältnisse in unserem Zuhause langsam stark zu meinen Ungunsten verschieben. „Alexa, sag Qbo, ich könnte jetzt echt einen Kaffee gebrauchen“, sagt mein Mann am nächsten Morgen und macht auf erschöpft. Wovon? Vom Schlafen? Alexa antwortet: „Dein Kaffeewunsch ist mir Befehl.“ 1000 Jahre Frauenbewegung – da ertrinken sie in einem perfekt zubereitetem Cappuccino.

Nach Alexa kommt ein Staubroboter ins Haus

Computer sind die besseren Menschen. Mein Sohn glaubt inzwischen daran. Alexa erklärt ihm, warum der Himmel blau ist, wie Flugzeuge fliegen und Spinnen ein Netz bauen. Eigentlich würde er im Sommer eingeschult, ich glaube, mit unserer neuen Mitbewohnerin, der Privatdozentin, wird das überflüssig. Schade um den Schulranzen, den ich bereits gekauft hatte. Kann ich vielleicht meine Sachen reinpacken, wenn ich ausziehe.

Als Nächstes kommt ein Kobold in unser Haus. Kein putzig aussehendes Männchen, das Schabernack treibt, sondern ein Staubroboter von der Firma Vorwerk. „Der VR 200 wird dir ganz viel Arbeit abnehmen!“, erklärt mein Mann. Wie flüssig ihm „VR 200“ über die Lippen kommt, als sei das so ein gängiger Begriff in unserer Familie wie Eis oder Mittelohrentzündung. „Wieso mir Arbeit abnehmen? Du kannst doch genauso gut staubsaugen wie ich!“, entgegne ich, woraufhin er: „Siehst du! Diese Diskussion müssen wir nie wieder führen, der VR 200 macht das jetzt für uns.“

Als Erstes braucht das Ding Platz, also das, was wir in unserer Wohnung am wenigsten haben. Doch die Ladestation muss irgendwo installiert­ werden, zu der fährt der Roboter nach getaner Arbeit angeblich selbstständig zurück. Husch, husch ins Körbchen. Ich kann das Wunderding so programmieren, dass es planmäßig jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit durch unsere Wohnung schrubbt. Da uns ein Schwimmbad (VR 200 könnte ertrinken) und Bodeneinbaustrahler (VR 200 könnte sich entzünden) fehlen, scheint keine Gefahr für Leib und Leben zu bestehen, und mutig, wie ich bin, befehle ich: „Alexa, sag Kobold Roboter, er soll die Reinigung starten.“ Einem Angestellten aufzutragen, einem anderen Angestellten etwas aufzutragen, das hat schon so einen Hauch von Buckingham Palace.

Mama, komm! Pumuckl frisst deinen Schmuck auf!

Im royalen Überschwang greife ich zum Holzschwert meines Sohnes und verleihe VR 200 einen neuen Titel: „Ab heute darfst du dich Pumuckl nennen.“ Meine Kinder applaudieren, und nach der Zeremonie zeigt Pumuckl, was er so draufhat. Er unterteilt größere Flächen in vier mal vier Meter große Bereiche, fährt zunächst die Außenbegrenzung ab und reinigt dann in sehr ordentlichen Linien den inneren Teil. Ich lobe Pumuckl, wie toll er das macht, mein Sohn setzt eine Barbie auf ihn und amüsiert sich köstlich. Nur meine zweijährige Tochter schreit vor Angst: „Auto! Weg!“

Dass es sich keineswegs um ein Auto für drinnen handele, sondern um den bekannt harmlosen VR 200, versuche ich zu erklären, doch es hilft nichts, wir müssen uns in der Küche in Sicherheit bringen und die Tür schließen, während Pumuckl im Rest des Buckingham-Palastes seine Bahnen zieht.

Krach! Bumm! Bäng! „Mama, komm sofort“, schreit mein Sohn plötzlich. „Pumuckl frisst deinen Schmuck!“ Raus aus der Küche, unsere Tochter beginnt wieder zu weinen, im Wohnzimmer entdecke ich ein Gemetzel. VR 200 hat ein Lampen­kabel mitgezogen, woraufhin die Lampe samt danebenstehender Schmuckschatulle von der Kommode flog. „Alexa, sag Pumuckl, er soll mit dem Scheiß aufhören!“, rufe ich, aber natürlich ist von der neuen Frau in unserem Haus keine Hilfe zu erwarten, wenn gerade der Ehering der alten Frau verputzt wird.

Wie aus Alexa wieder ein Computer wird

Der gute alte Knopfdruck direkt am Gerät beendet den Tumult, und ich nehme mir vor, künftig Gebrauchsanleitungen zu lesen. Da hätte nämlich genau diese Warnung gestanden, herumliegende Kabel vorher in Sicherheit zu bringen. „Wo ist denn meine Krawattennadel?“, fragt ein paar Tage später mein Mann. Pumuckl blinkt still und leise in seinem Körbchen.

Dann habe ich eine Erleuchtung. Eigentlich sogar zwei. Als Erstes erfahre ich, dass ich Alexa einen anderen Namen geben kann. Ihr neues Aktivierungswort, also den Begriff, auf den hin sie ihre Netzwerklautsprecher einschaltet und unsere Befehle aufnimmt (viele fürchten ja, sie würden ständig belauscht), lautet nun „Computer“. Ich habe also mittels einer minimalinvasiven Programmierung eine Geschlechtsumwandlung durchgeführt. Aus der Superfrau wurde ein neutraler digitaler Assistent. „Computer, wer ist der Boss?“, frage ich gleich mal. Er antwortet: „Nun, ich bin für dich da, also bist du wahrscheinlich der Boss.“ Ha! Läuft.

Das zweite Licht geht mir auf, als ich vom Leuchten-Skill erfahre. Ein Skill erweitert den Funktionsumfang des Sprachdienstes. Drittanbieter entwickeln bestimmte Fähigkeiten wie zum Beispiel die sprachgesteuerte Kaffeemaschine oder den Staubsaugerroboter; die Liste lässt sich unendlich erweitern, es gibt fast nichts, was der Computer nicht lernen kann. In Deutschland sind bereits 3000 Skills im Handel, und mein absoluter Favorit ist der Smart Home Skill von Philips Hue. Damit kann ich das Licht in unserem Haushalt steuern. Erforderlich sind eine sogenannte Bridge und neue digitale LED-Lampen, die alten Glühbirnen könnten Befehle nicht verarbeiten.

Per Handy alle im Dunkeln stehen lassen

Zugegeben, wer vier Jahrzehnte lang seine Lampen mit einem Schalter an- und ausgemacht hat, der muss sich erst daran gewöhnen, seine Stimme, anstatt seine Hände zu benutzen. Aber dann funktioniert Hue super. Ich kann verschiedene Routinen einstellen, im Kinderzimmer meines Sohnes zum Beispiel das Licht ab 20 Uhr langsam bis 20.30 Uhr ausgehen lassen. Außerdem ist es möglich, die Leuchten per App aus der Ferne zu steuern, was dann wie eine Alarmanlage wirkt, und verschiedene Lichtrezepte einzustellen. Will ich zum Beispiel arbeiten, wähle ich „konzentrieren“, abends ändere ich das Lichtszenario auf „entspannen“. Innerhalb weniger Tage bin ich zu einem begeisterten Licht-DJ geworden. Mir stehen 16 Millionen Lichtfarben und jeder beliebige Weißton zur Verfügung. „Computer, schalt das Licht im Badezimmer auf Pink“, sage ich zum Beispiel sehr gerne, wenn mein Mann sich rasiert.

Gestern Abend war ich unterwegs, als unser WLAN zusammenbrach und sich der Computer dadurch nicht mehr per Sprache bedienen ließ. Da nur ich die Hue-Licht-App auf meinem Handy installiert hatte, rief mich mein Mann verzweifelt an: „Ich würde so gerne schlafen, aber überall brennt das Licht!“ Ich drückte auf mein Handydisplay herum, und er stand im Dunkeln. „Nein! Jetzt sehe ich ja gar nichts mehr, ich muss noch ins Schlafzimmer! Bitte, mach was, Schatz.“ „Es werde Licht!“, sprach ich und legte mein Handy lächelnd zur Seite.

Neben Amazon haben Google und Apple intelligente Lautsprecher entwickelt. Die Smartspeaker der Konkurrenz heißen Google Home oder in der kleineren Variante Google Mini; der Apple HomePod ist ganz neu auf dem Markt, er kam am Montag in Deutschland in den Handel.