Fegebank & Co.

Experte seziert die Körpersprache Hamburger Politiker

Katja Suding (FDP) betont
leger in T-Shirt und Jeansjacke;
CDU-Fraktionschef André
Trepoll mit verschränkten
Armen und Trenchcoat; Wissenschaftssenatorin
Katharina
Fegebank von den Grünen mit
einem „Rote-Teppich-Auftritt“
und Bürgermeister Peter
Tschentscher mit vor dem
Bauch gefalteten Händen

Katja Suding (FDP) betont leger in T-Shirt und Jeansjacke; CDU-Fraktionschef André Trepoll mit verschränkten Armen und Trenchcoat; Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank von den Grünen mit einem „Rote-Teppich-Auftritt“ und Bürgermeister Peter Tschentscher mit vor dem Bauch gefalteten Händen

Foto: Laible / HA

Wohin mit den Händen? Diese Frage stellt sich wohl jeder, der fotografiert wird. Ein Wissenschaftler zu Fotos von Prominenten.

Hamburg. Hoch die Hände, Wochenende! Oder: „Und dann die Hände zum Himmel, komm lasst uns fröhlich sein!“ In Sprüchen und Liedern wird bereits klar, dass die Emporhebung unserer Gliedmaßen ein Ausdruck großer Freude ist. Klingt jetzt ungewollt doppeldeutig, aber wir reden hier von unseren Händen, nur um Missverständnissen vorzubeugen.

Warum sind Hände so wichtig, warum können wir mit ihnen Emotionen zeigen und hervorrufen? Weil nur wir Menschen sie in dieser Form besitzen. Hände heben uns von der Tierwelt ab, es war einer der größte Clous, dass unsere Spezies sich aufrichtete, um die Hände für wichtigere Dinge als die Fortbewegung freizuhaben. Erst einmal zum Kämpfen und Nahrung beschaffen, inzwischen wissen wir weitaus mehr mit ihnen anzufangen. So wurden sie zu einem Erkennungszeichen. Nicht durch ihre Form an sich. Wohin es führen kann, wenn Menschen anhand angeborener Äußerlichkeiten bewertet werden, hat der Nationalsozialismus gezeigt. Es kommt auf die Bewegungen an, die wir mit ihnen vollführen, auf unsere Haltung.

Vielen Politikern ist das inzwischen bewusst, sie achten bei öffentlichen Auftritten und bei Fototerminen auf ihre Handhaltung - oder auch nicht, wie wir später sehen werden, und das hat meistens Nachteile. Wir haben einem der gefragtesten Körpersprachen-Experten Bilder von Hamburger Spitzenpolitikern vorgelegt und ihn gebeten, ihre Gesten zu deuten. Stefan Verra ist Universitätsdozent und Bestsellerautor. Seine Vortragsreisen führten ihn bisher in 13 Länder auf vier Kontinenten. In Bezug auf unsere Landespolitiker könnte der 45-Jährige als objektiv gelten, denn der Österreicher kennt unsere Kabinettsmitglieder persönlich nicht, hatte ihre Namen bis auf Olaf Scholz noch nie gehört, zieht seine Schlüsse also ausschließlich aus den Fotos, die Sie hier auf der Seite sehen. Ladys first:

Sie wirkt nicht, als würde sie zur Waffe greifen

Beim Blick auf das Bild von Katharina Fegebank sagt Stefan Verra: „Das könnte eine Grüne sein, dieses Non-Konformistische, das die Dame ausstrahlt. Dadurch, dass sie eine Hand in die Hüften stemmt, wird ihre Körperachse zu einem leicht geschwungenen S. Für sie ein Zeichen der Zugehörigkeit: Ich bin eine Frau! Männer würden sich so nicht hinstellen, das Foto hat einen Hauch von Red-Carpet-Auftritt. Für sie passt es aber. Würden beide Hände runterhängen, käme sie zu lasch rüber, hätte sie beide Hände in die Hüften gestemmt, sähe sie zu sehr wie ein Bauarbeiter aus. Aber sie wirkt eben auch nicht so, als würde sie notfalls zur Waffe greifen. Aber in der Politik geht es nicht nur darum, eine Zugehörigkeit zu markieren, sondern Entscheidungsstärke zu vermitteln.“

Als nächstes Peter Tschentscher. Stefan Verra scheint irritiert, als man ihm sagt, dass es sich dabei um den neuen Ersten Bürgermeister Hamburgs handele. Auf dem ersten Foto begeht der Politiker aus Sicht des Körpersprachexperten einen großen Fehler: Er zeigt seine Hände gar nicht: „Das wirkt genauso, als trüge er eine Sonnenbrille. Extrem unangenehm für diejenigen, die ihn anschauen. Der Experte hat die Erkenntnis gewonnen, dass wir nur schwer Vertrauen aufbauen, wenn wir Hände und Augen unseres Gegenübers nicht sehen.“ Auf dem Foto unten sind Tschentschers Hände vor dem Bauch gefaltet.

Das bedeuten die Gesten von Politikern:

Das sei schon besser, Angela Merkel ist mit einer ähnlichen Geste weit gekommen. Verra erklärt, dass Linien des Körpers, die nach unten zeigen, Inaktivität signalisieren. Herabhängende Schultern, Haare, Augenbrauen und Mundwinkel markieren das Gegenteil von Dynamik. Nimmt man seine Hände hoch, wird der Gesamteindruck ein aktiverer; Moderatoren halten ihre Moderationskarten zum Beispiel gerne vor dem Bauch.

Verra stellt außerdem fest, dass Tschentscher seinen Mund beim Lächeln selten öffnet. „Das machen die Damen auf den Bildern viel besser. Will ich bei den Bürgern Begeisterung und Zusammengehörigkeit vermitteln, oder will ich nur Aufgaben abarbeiten? Den braven Abarbeiter traue ich diesem Politiker zu, seine Hosenfalten signalisieren auch, dass er viel am Schreibtisch sitzt. Aber wie der beste Übersetzer zum Volk erscheint er auf den Fotos nicht. Der Körpersprache fehlt die Emotionalität. Harte Fakten sind das Ding dieses Mannes, das erkenne ich. Würde er hingegen zusätzlich Emotionen und Humor zeigen, umso mehr Menschen könnte er für sich gewinnen.“

Gestreckter Zeigefinger hat Karrieren beendet

Das Foto von Katja Sudings in der Jeansjacke gefällt Verra, weil Suding die Hand nach vorne streckt: „Ein gutes Signal, wenn jemand zeigen möchte, dass er etwas tun will. Die Politikerin wirkt dynamisch, durch den offenen Mund gleichzeitig sympathisch. Ihre Kleidung scheint sie bewusst nichts staatstragend gewählt zu haben, die grundsätzliche Aussage der Frau scheint zu sein: Ich lasse mir nichts vorschreiben.“

Das sei zum einen gut, zum anderen bestünde die Gefahr, zu dominant zu wirken, den Wunsch, als Alphatier rüberzukommen, zu übertreiben. „Hillary Clinton beispielsweise hat genau dadurch ihren Wahlkampf gegen Barack Obama verloren. Ihre Körper war bei allen Reden bis in die Fingerspitzen gestreckt, ihr Zeigefinger fast nach außen durchgebogen. Was Kraft signalisieren wollte, wurde als Aggressivität wahrgenommen, vor allem bei den amerikanischen Frauen. Niemand mag einen erhobenen Zeigefinger. Gegen Obama mit seinen eleganten Handbewegungen hatte Clinton keine Chance. Den Intellekt lesen wir unbewusst an der Gestik eines Menschen ab. Wer seine Hände elegant bewegt, wird als geistig fitter eingeordnet.“

Revier markieren

Von der Körpersprache her betrachtet macht André Trepoll auf seinem Foto eine gute Figur. Stefan Verra findet, der CDU-Politiker wirke sehr dynamisch: „Das Bild sendet eine Reihe toller Signale: Die Kleidung hat starke Kontraste, das lässt ihn kompetener erscheinen. Er verschränkt die Arme, aber wir sehen immer noch seine Hände. Dieser Mann weiß, was er will, hat aber gleichzeitig nichts zu verstecken. Es wirkt so, als ob dieser Mann weiß, was zu tun ist.“

Wie dynamisch er wirklich sei, dafür müsse man ihn allerdings bei einer Rede beobachten. Hält er sich beispielsweise starr am Rednerpult fest, oder variiert er seine Bewegungen? Das Gesetz der erforderlichen Vielfalt besagt, dass derjenige, der die höchste Vielfalt in der Kommunikation hat, die größte Zustimmung bekommt. Ein Lümmler wie der Christian Lindner, der lehnt sich gerne mit einem Ellbogen auf das Pult. Als würde er an einer Bar stehen.

Starkes Alphasignal

Ein ganz starkes Alphasignal: Das hier ist mein Territorium, während Merkel das Pult immer sehr steif umfasst, wodurch sie wenig volksnah wirkt und wenig Begeisterung weckt.“ Die Wahl gegen Schulz habe Merkel nur gewonnen, weil der SPD-Kandidat in seinen Bewegungen noch ärmer gewesen sei. Außerdem habe er einen entscheidenden Fehler gemacht. Wer Glaubwürdigkeit zeigen will, dessen Bewegungen kommen immer vor dem Wort. Wer Zorn demonstrieren will, der haut beispielsweise auf den Tisch – und ruft dann: „Und eins sage ich Ihnen gleich!“ „Schulz hat beim Auf-den-Tisch- hauen aber immer kurz vorher abgestoppt“, sagt Verra. „Außerdem hatte er seine Hände nie in der Luft.“ Freudensprünge gehen bekanntlich nach oben, nie nach unten.

Im Euphorieerzeugen kann auch Angela Merkel kein Vorbild sein, doch durch ihre typische Handhaltung, an der man sie inzwischen unter Tausenden Politikern erkennt, strahlt sie Souveränität aus. „Achten Sie mal auf ihre Fingerspitzen“, sagt Verra. „Die berühren sich immer ganz sanft, selbst in Stresssituationen, wenn andere anfangen, rumzuhampeln. Merkel signalisiert damit Stabilität. Während andere rumfuchteln und den erhobenen Zeigefinger auspacken, bleibt sie ruhig, hat die Lage wortwörtlich im Griff.“ Hände gut, alles gut.