Hamburg

„Bleib dir selber treu und überlege, welche Geste passt“

Das Verhalten vor der Kamera: Wozu die professionellen Berater Hamburger Spitzenpolitikern bei Foto-Shootings raten und wovor sie warnen

Hamburg.  Der Sprecher eines früheren Hamburger Bürgermeisters wachte während dessen Amtszeit mit Argusaugen darüber, dass kein Fotograf eine Aufnahme machte, die seinen Chef mit einem Glas Rotwein in der Hand zeigte. Alkohol und Amtsausübung, so die Überzeugung – das passe nicht zusammen. Das gilt natürlich erst recht für einen angeschäkerten Politiker.

Pressesprecher, persönliche Referenten und andere Einflüsterer werden schnell nervös, wenn Kameras bei Essen oder Stehempfängen gezückt werden. Denn die professionellen Berater von Politikern wissen, dass bei solchen Gelegenheiten gerade die unvorteilhaftesten oder unfreiwillig komischen Bilder entstehen können, die dann ein besonders langes Leben in Internet und klassischen Medien entfalten. „Wehret den Anfängen!“, lautet also das Motto.

Andererseits wird gern die Spruchweisheit zitiert, nach der ein Bild mehr sagt als 1000 Worte. Ein optisch effektiv in Szene gesetzter Politiker kann ein neues Image kreieren und über manche inhaltliche Blässe hinweghelfen. Zwischen dem optischen Scoop (Kanzler Schröder in Gummistiefeln beim Elbhochwasser im Wahlkampf 2002) und dem definitiven Foto-Blackout (SPD-Bürgermeisterkandidat Mirow versucht sich im Wahlkampf 2005 auf einem
Bobbycar) liegen die Grautöne des Alltags der Berater: Ist das Sakko zugeknöpft? Sind die Hände an der richtigen Stelle? Welche Geste passt am besten?

Jörg Schmoll, Sprecher des Senats, hat Olaf Scholz (SPD) als Bürgermeister sieben Jahre lang begleitet und nun Peter Tschentscher (SPD) – zwei eher gestenarme Politiker. „Das Jackett sollte möglichst geschlossen sein, und die Hände dürfen nicht in den Taschen verschwinden. Die Arme sollten nicht vor der Brust verschränkt werden, weil das verschlossen wirkt“, sagt Schmoll. Aber Scholz und Tschentscher seien medienerfahren und wüssten, worauf es ankommt. Schmoll lässt Fotografen viel Spielraum. „Auch ein Fotograf will gute Aufnahmen. Aber die Inszenierung muss auch immer zur Person passen.“ Wer ein öffentliches Amt bekleide, sollte Seriosität ausstrahlen und Vertrauen erwecken. Nichts dürfe albern wirken. Die Idee eines Fotografen, eine ausgestopfte Möwe ins Bild halten zu lassen, sei beispielsweise nicht umgesetzt worden. Aber auch Scholz selbst setzt klare Grenzen: keine gestellten Fotos am Schreibtisch oder im Dienstwagen.

„Wir versuchen, nicht nur Anzugfotos zu produzieren. Und nicht immer im Rathaus, das ist eben sehr prunkvoll. Wir wollen den Menschen zeigen“, sagt Stefan Weidelich, Sprecher von CDU-Oppositionschef André Trepoll. Für ein Foto zum Thema Rote Flora saß Trepoll in legerer Kleidung einmal auf einem Stromkasten in der Schanze. „Da hätte ein CDU-Sprecher vor 20 Jahren noch einen Schweißausbruch bekommen.“ Es sei besser, die Hände nicht hängen zu lassen, sondern auf Bauchnabelhöhe zu halten. „André, nimm die Hände etwas hoch“, der Hinweis sei aber kaum nötig, Trepoll tue aus Erfahrung das Richtige.

Das gilt in besonderem Maße für Katja Suding, zweimal erfolgreiche FDP-Spitzenkandidatin bei Bürgerschaftswahlen und Bundestagsabgeordnete. „Katja kann mit Kameras und Fotos umgehen. Sie ist eine attraktive Frau mit Ausstrahlung“, sagt Alexander Luckow, langjähriger Sprecher der FDP-Fraktion. Es sei nie nötig gewesen, einen Dresscode zu formulieren oder Gesten zu üben. „Meine Ratschläge waren nur: Bleib dir selber treu und überlege, welche Geste zum Auftritt passt“, sagt Luckow. Dabei warne er generell vor zu viel und zu starken Gesten. „Das wird Frauen leicht als zu hektisch ausgelegt.“ Katharina Fegebank hat einen Rollenwechsel hinter sich: von der leicht flippigen Grünen-Politikerin zur Zweiten Bürgermeisterin. „Würdig und angemessen angezogen und keine Freizeitkleidung“, so umreißt der stellvertretende Senatssprecher Sebastian Schaffer den Dresscode. „Von einem Foto im Badeanzug würde ich eher abraten.“

Wichtig sei auch, mit zu bedenken, wie ein Foto sechs oder zwölf Monate später wirken könne. „Allein auf der Senatsbank mag einmal effektvoll sein, doch bei einer Regierungskrise könnte es schnell heißen: Jetzt wird es aber einsam um sie“, sagt Schaffer. Fegebank sei duldsam bei der Umsetzung von Fotografenideen, solange es nicht albern werde. „Die besten Fotos entstehen ohnehin, wenn sie keine Posen einnimmt, die nicht zu ihr passen“, sagt Schaffer. „Und Sprecher haben doch keinen Umerziehungsauftrag.“