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Im Abendblatt-Test: Der elektrische Radanhänger

Fahrradanhänger von Nüwiel für den Möbeltransport bei IKEA. Gründer Natalia Tomiyama, Fahad Khan und Sandro Rabbiosi präsentieren ihren Einfall  (v.l.)

Fahrradanhänger von Nüwiel für den Möbeltransport bei IKEA. Gründer Natalia Tomiyama, Fahad Khan und Sandro Rabbiosi präsentieren ihren Einfall (v.l.)

Foto: Marcelo Hernandez

Firmen in der Region überraschen mit neuen Produkten. Wir prüfen, wie gut sie sind. Heute: Die Innovation von Nüwiel bei Ikea.

Hamburg.  Die Konkurrenz war gewaltig. Im vergangenen Jahr bewarben sich 1200 Start-ups aus 86 Ländern um einen Platz beim Ikea-Bootcamp. Der Möbelkonzern suchte innovative Lösungen, die einen besseren Alltag ermöglichen. In einem dreimonatigen Aufenthalt im südschwedischen Älmhult trieben die Gründer ihre Ideen voran. Und entwickelten Lösungen, „die für viele Menschen erschwinglich und erreichbar sind“, sagte Ikea-Manager Tony Sandelius. Zehn Unternehmen schafften den Sprung – darunter das Hamburger Team von Nüwiel. „Wir haben viel von Ikea gelernt, vor allem beim Design“, sagt Natalia Tomiyama, die das Unternehmen mit Fahad Khan und Sandro Rabbiosi vor zwei Jahren gründete.

Nun ermöglichen ihnen die Schweden den nächsten Schritt – den Praxistest ihres intelligenten Fahrradanhängers, der synchron mit dem Fahrer beschleunigt und bremst. Mit dem Einrichtungshaus in Altona ging Ikea vor Jahren einen neuen Weg. In der dicht bebauten Großen Bergstraße stehen deutlich weniger Parkplätze zur Verfügung als Kunden dies von Ikea-Filialen gewohnt sind. Doch die Einkäufe müssen sie trotzdem nach Hause bringen. „Die Filiale in der Fußgängerzone ist ideal für unseren Anhänger“, sagt Tomiyama. Denn stolze 150 Kilogramm kann der Lastentrailer transportieren.

250 Watt starker Motor

Angetrieben wird er durch einen 250 Watt starken Hubmotor. Dieser sitzt im Vorderrad. Die Energie zieht er aus einem Akku, der eine Reichweite von 70 Kilometern haben soll. „Der kann mit dem normalen Hausstrom geladen werden“, sagt Johanna Maasackers, die bei Nüwiel für Marketing und Kommunikation zuständig ist. Nach vier Stunden am Netz ist der Akku voll. Gesteuert wird der Elektromotor über einen Sensor, der an der Deichsel angebracht ist. 1000 Impulse sendet er in der Sekunde. „Der Autotrailsensor versucht, die Nullposition zu halten“, sagt Maasackers. Tritt der Fahrer in die Pedale, erhält der Motor das Signal zu beschleunigen. Bremst der Fahrer, wird die Geschwindigkeit des Anhängers gedrosselt. Ab 25 Kilometer pro Stunde (km/h) riegelt der Motor ab und unterstützt ein höheres Tempo nicht mehr. Im Handwagenbetrieb sind es 6 km/h.

Werkstatt in Harburg

Drei Prototypen baute das zwölfköpfige Team von Nüwiel, das mit den ersten beiden Buchstaben für das Plattdeutsche „neu“ und mit dem Rest für das niederländische „Rad“ steht, in der eigenen Werkstatt in Harburg zusammen. Die 1,70 Meter langen Anhänger stehen nun bei Ikea in Altona und können bis zu drei Stunden lang umsonst ausgeliehen werden (siehe Test).

Vor gut einem Jahr berichtete das Abendblatt erstmals über das Start-up. Seitdem ist die Entwicklung des Anhängers deutlich vorangeschritten. Der Anteil der Komponenten sank um 40 Prozent. Als klassisches Fahrradteil überlebten nur Mountainbike-Stoßdämpfer für das Vorderrad. Der Rest besteht jetzt aus Vespa-Teilen, damit der Trailer robuster wird. Statt einer Holzwanne ist der Anhänger nun aus Stahl. Das schlägt aufs Gewicht. Satte 60 Kilogramm ist das Gefährt schwer. „Wir versuchen, den Anhänger auf 40 Kilogramm abzuspecken“, sagt Maasackers. Statt Stahl soll das leichtere Aluminium verwendet werden – und zwar schon bald. „Wir wollen im Juli die erste kleine Serienproduktion starten lassen, 20 bis 50 Stück“, sagt Maasackers. Wahrscheinlicher Produktionsort werde die chinesische Hafenstadt Shenzhen sein. Dort gebe es eine lange Tradition in der Aluminiumherstellung von Fahrrädern.

Es soll auch einen Anhänger für Privatpersonen geben

Mit einer guten Handvoll Unternehmen kooperiere man, um die Entwicklung voranzutreiben. Darunter seien die Paketlieferdienste UPS und (die Hermes-Tochter) Liefery. Alle Logistikkonzerne beschäftigt angesichts von Diesel-Fahrverboten und wenigen Parkplätzen in Innenstädten die Zustellung auf der sogenannten letzten Meile, also vom Paketauto zum Endkunden. Nüwiels bisher auf den gewerblichen Einsatz ausgerichtete Anhänger könnten eine interessante Alternative sein. Derzeit werde verhandelt, wie es weitergeht.

Etwas fernere Zukunftsmusik ist der Einsatz für jedermann. „Wir wollen auf jeden Fall einen Anhänger für Privatpersonen herstellen“, sagt Tomiyama. Nächstes Jahr solle die Entwicklung beginnen, die rund zwei Jahre dauern werde. Der Preis ist noch offen, soll aber nicht viel höher liegen als ein E-Bike, also rund 2000 Euro.

Der Test:

Angebot: Wer bei Ikea in Altona größere Gegenstände nach Hause bringen will, kann einen Fahrradanhänger von Nüwiel ausleihen. Die ersten drei Stunden sind kostenlos, danach werden pro angefangene 60 Minuten fünf Euro fällig. Als Pfand muss ein Dokument wie Personalausweis oder Führerschein hinterlassen werden. Dafür bekommt man einen Schlüssel, ohne den sich der Anhänger nicht bewegen lässt.
Produkt:
Der mit einem Elektromotor angetriebene Fahrradanhänger erkennt durch eine intelligente Steuerung, wann er beschleunigen und bremsen muss. Bis zu 150 Kilogramm Gewicht können zugeladen werden. Die Ladung kann mit Netz oder Plane gesichert werden. Alternativ ist er auch als Handwagen einsetzbar. Dafür sind an der Kupplungsstange ein Handgriff und eine Klingel angebracht.
Montage:
Zunächst muss der Anhänger mit dem Fahrrad verbunden werden. Dazu dient eine von Nüwiel entwickelte Halterung. Die Montage ist einfach: Halterung um die Sattelstange legen, Schraube um 180 Grad drehen und Flügelmutter festziehen. Ein Gummipolster schützt die Sattelstange vor Lackschäden. Diese Kupplung soll bei fast jedem Rad passen. Der Anhänger wird dann in die Kupplung eingeklickt. Schwachpunkt: Wer einen Kindersitz über dem Gepäckträger hat, kann den Anhänger nicht verwenden.
Fahrgefühl:
Auf Knopfdruck startet der Elektromotor. Aufsteigen, normal in die Pedale treten – und los geht es. Dass man einen mit Klappstuhl, Blume, Tisch etc. beladenen Anhänger zieht, merkt man nicht. Nächster Härtetest: Ein Kantstein. Das Fahrrad rollt rüber, jetzt kommt der Anhänger – aber der Fahrer spürt davon nichts. Während ein normaler Anhänger erst nach hinten zieht und dann schiebt, rollt der Nüwiel-Trailer einfach weiter.
Fazit:
Das Fahrgefühl ist sehr angenehm, fast vergisst man das 85 Zentimeter breite Gefährt. Auch der Handwagenbetrieb funktioniert einwandfrei. So ist ein umweltschonender Transport von (kleineren) Möbeln möglich – und das kostenfrei! Zwar ist der Anhänger nur ein Prototyp und muss sich im täglichen Einsatz noch bewähren, aber dennoch lautet das Abendblatt-Urteil fünf von fünf Sternen.

Der Abendblatt-­Test – jeden Dienstag im Wirtschaftsteil. Alle bisherigen Folgen gibt es online unter www.abendblatt.de/testserie