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Abendblatt-Test: Unterhemden aus Bambus

Daniel Cremer (l.) und Ruslan Seibert mit ihrer Innovation: Unterhemden aus Bambus-Viskose

Daniel Cremer (l.) und Ruslan Seibert mit ihrer Innovation: Unterhemden aus Bambus-Viskose

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Firmen in der Region überraschen mit neuen Produkten. Wir prüfen, wie gut sie sind. Heute: Textilien von Cremer.

Hamburg.  Und was tragen Sie drunter? Nicht unbedingt eine klassische Frage zum Einstieg in ein Interview. In diesem Fall allerdings ist sie nicht anzüglich, sondern geradezu zwingend. Schließlich geht es um Unterhemden. Und ja, natürlich haben Daniel Cremer und Ruslan Seibert ein Hemd unter dem Hemd. Genauer: ihr Unterhemd, das Cremer. „Das Besondere ist die Zusammensetzung des Materials. Wir verwenden ausschließlich Bambus-Viskose“, sagt Daniel Cremer. Baumwolle, eigentlich der bevorzugte Grundstoff von Herrenunterwäsche, hat bei Cremer keine Chance.

Aber der Reihe nach. Für Cremer und Seibert, beide Betriebswirte mit Jobs in Beratung und Vertrieb, gehören Hemden und Anzüge quasi zum Arbeitswerkzeug. Genau wie Unterhemden. Dumm nur, wenn die nicht richtig passen, verrutschen oder sich gar Schweißflecken abzeichnen. Durch Zufall waren die beiden in einem Projekt auf Stoffe aus Bambus gestoßen und erkannten schnell die hervorragenden Eigenschaften: Das Material ist nicht nur weich wie Seide, deutlich feuchtigkeitsregulierender als Baumwolle, sondern stammt zudem aus nachhaltiger Produktion. Da geht noch was, dachten die Hamburger und gründeten ihr eigenes Unterwäsche-Label speziell für den Geschäftsalltag. Seit Ende 2017 ist ihr Cremer-Unterhemd auf dem Markt.

Bei erster Lieferung stimmte Qualität nicht

Der Weg dahin war allerdings länger und schwieriger, als die beiden Gründer sich das vor gut drei Jahren vorgestellt hatten. Dabei war die Entwicklung eines Schnittmusters noch das einfachste. Cremer, 34, und Seibert, 39, hatten genaue Vorstellungen, wie ein gutes Unterhemd aussehen muss. Eng anliegend, blickdicht, mit einem schmalen V-Ausschnitt, Raglanärmeln und hinten länger als vorne. „Damit es nicht immer aus der Hose rutscht“, sagt Ruslan Seibert. Ihr Hemd sollte gut aussehen, auch wenn man das Oberhemd mal auszieht. Sie beauftragten eine Schneiderin, die ihnen den gewünschten Schnitt lieferte. Sie entschieden sich gegen die klassische Unterhemden-Variante ohne Ärmel. „Wir glauben, dass moderne Männer die T-Shirt-Form bevorzugen“, sagt Cremer, dessen Urgroßvater schon in der Textilbranche war und ein Modehaus in Stade betrieb.

Deutlich schwieriger war es, die Unterhemden aus Bambus-Viskose auch in die Realität umzusetzen. „Wir waren am Anfang ziemlich blauäugig“, sagt Daniel Cremer. Mehr als zwei Jahre suchten sie nach einem Textilproduzenten. Deutschland fiel als Herstellungsland schnell aus. Zu teuer. Für die Suche im europäischen Ausland engagierten sie mehrfach Vermittler. Aber auch das klappt nicht. „Wir haben Hunderte von Mustern bestellt, probiert, gewaschen – und verworfen“, sagt Ruslan Seibert und zeigt auf einen Stapel Pappkartons in einer Ecke ihres Lokstedter Büros. Dazu kamen Materialfragen: Soll der Stoff mit einer Siliconschicht überzogen werden, um die Bildung von Knötchen zu verhindern? Oder ist sogenanntes Abflammen besser?

Produzenten in der Türkei gefunden

Schließlich hatten sie im Sommer 2016 einen Produzenten in der Türkei gefunden, der alles richtig zu machen schien. Die Hamburger Shirtmacher bestellten 5000 Unterhemden. Investitionssumme: ein fünfstelliger Euro-Betrag. Doch als die ersten 2500 Exem­plare in Hamburg ankamen, waren alle durch einen Herstellerfehler fünf Zentimeter zu lang. „Das war ein schwerer Rückschlag“, sagt Cremer, der wie sein Geschäftspartner weiterhin als Angestellter in einem Hamburger Unternehmen tätig ist. Das ganze Projekt stand auf der Kippe. Mit der Rückerstattung des eingesetzten Geldes machten sich die Firmenchefs erneut auf die Suche und fanden – ebenfalls in der Türkei – einen Textilhersteller mit Erfahrungen im Unterwäschebereich.

Nun sind die ersten 100 Unterhemden verkauft. Von den Firmengründern noch einzeln aufgebügelt und in feine blaue Schachteln verpackt. Der Markt für Herrenunterwäsche ist nicht einfach. Zwar ist der Umsatz 2016 laut BTE Handelsverband Textil auf knapp 1,9 Milliarden Euro im Vergleich zu den Vorjahren leicht angestiegen, aber Männer sind Einkaufsmuffel. In einer Umfrage gaben 40 Prozent der Interviewten an, nur zwei- bis dreimal im Jahr Unterwäsche einzukaufen. „Wir versuchen jetzt, mit unserem Produkt in kleine spezialisierte Läden zu kommen“, sagt Daniel Cremer. Man müsse das Material schon fühlen können, um überzeugt zu sein. „Die Reaktionen sind positiv.“

Inzwischen eine zweite Marke aufgebaut

Parallel haben die Firmengründer inzwischen eine zweite Marke aufgebaut: Langer Jung nennen sie ihre T-Shirts mit schmaler Passform und fünf bis zehn Zentimetern mehr Länge – für Männer ab 1,90 Meter. In diesem Jahr soll es aber so richtig losgehen mit Cremer. Varianten mit Rundhals, und in weiteren Farben sind geplant. Auch in anderen Ländern wie Holland, Dänemark oder Schweden, wollen die Hamburger ihre Bambus-Unterhemden an den Mann bringen. Damit die Frage nach dem Darunter schnell geklärt ist.

Der Abendblatt-Test – jeden Dienstag im Wirtschaftsteil. Alle bisherigen Folgen gibt es online unter www.abendblatt.de/testserie