Hamburg

Nagano: Meisterleistungen in der Elbphilharmonie

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Joachim Mischke
Kent Nagano in der Elbphilharmonie (Archiv)

Kent Nagano in der Elbphilharmonie (Archiv)

Foto: Marcelo Hernandez

Die Philharmoniker und Kent Nagano hatten den Pianisten Mikhail Pletnev für ein Schumann-Programm zu Gast im Großen Saal.

Hamburg.  Warum in die Ferne schweifen, wenn der Schumann liegt so nah? Die Ein-Komponist-pro-Programm-Fokussierung, mit der Gene­ral- musik­direktor Kent Nagano ­momentan das Profil seiner Philharmoniker feinschleift, ­bescherte nun drei ­interessante Hörperspektiven auf den Zentral­romantiker aus Sachsen, der nach wie vor gern unter Wert ­abgefertigt wird.

Dessen „Rheinische“ mit dem Klavierkonzert zu verknüpfen ist keine rasant neue Konstellation, doch durch die Hinzugabe einer so hübschen Partikularinteressenten-Spielerei wie dem Konzertstück für vier Hörner und ­Orchester wurde aus diesem Schumann-Schwerpunkt im Großen Saal der Elbphilharmonie eine runde ­Sache, sympathisch hörenswert und vielschichtig.

Exzellente Trefferquote bei den Hörnern

Ganz gegen die gängige, gefürchtete Kiekser-Anfälligkeit ihrer Instrumente – ihr vielsagender Orchester-Spitzname: „Glücksspirale“ – lieferten die vier Hornsolisten Pascal Deuber, Isaak Seidenberg­, Ralph Ficker und Jonathan Wegloop ihre Tollkühnes verlangenden Parts mit exzellenter Trefferquote ab. Hier, da und dort freischützte es fröhlich fanfarend vor sich hin, als wäre ein Jägermeister-Quartett im Wald und auf der Heide unterwegs (auch schön: die Klangklarheit des auf der Bühne nach hinten gestaffelten Orchesters). Nichts für die ewige Bestenliste, dieses Opus 86, aber genau richtig als Abwechslungsdosis.

Eine Entdeckung ganz anderer Art: Mikhail Pletnev, sehr seltener Gast im hiesigen Musikleben, und die lakonisch abgerufene Brillanz, mit der er sich das a-Moll-Konzert zu eigen und zur überraschenden Lektion in konzentrierter Coolness machte. Ein Aha-Faktor war dabei sein eigenes Instrument, ein Shigeru-Kawai-Flügel, der diesem Stück ganz andere klangliche und ­dynamische Facetten gab, als man es von Steinways ­gewohnt ist: ­erstaunlich kräftig sonor, vor allem in der Tiefe, ständig im dicht verflochtenen Zusammenspiel mit dem Orchestersatz präsent, dabei aber nie penetrant auf- oder sich nach vorn drängend. In Verbindung mit Pletnevs Vorliebe, die entrückten Grübel-Passagen in Zeitlupe zu sezieren, entstand eine aufgeraute Schumann-Interpretation, die ihre Ecken, Kanten und Besonderheiten hatte.

Bis dahin war Nagano zwar präsent, aber nicht allzu sehr gefordert, die notwendige Abstimmungsarbeit hatte er offenkundig in den Proben erledigt. Bei der „Rheinischen“ war spielerischer Umgang mit dem Material möglich. ­Gemeinsam skizzierte man, wohlaus­gewogen und straff, fünf Stimmungs­bilder, die mit klassischer Formsicherheit grundiert waren, in denen aber auch immer die existenziellen Zweifel ihres ­Urhebers durchschimmerten. Nagano unterschätzt diese Musik nicht, sondern ließ erkennen, dass das Schöne darin auch eine gut gebaute Fassade ist.

Das Konzert wird heute, 20 Uhr, wiederholt. Evtl. Restkarten an der Abendkasse

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