Schanzenviertel

Die Flora kann auch anders: Gastspiel der Schauspiel-Promis

| Lesedauer: 6 Minuten
Yannick Ramsel
Nach den Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel im Schanzenviertel wurden Forderungen aus der Politik nach einem Ende der Roten Flora lauter

Nach den Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel im Schanzenviertel wurden Forderungen aus der Politik nach einem Ende der Roten Flora lauter

Foto: Christophe Gateau / dpa

Denis Moschitto, Pheline Roggan und Kollegen bei Lesung im Autonomen Zentrum. Sie wollen die Kultur wieder in den Mittelpunkt rücken.

Hamburg. Dennis Moschitto sitzt an einem Holztisch im ersten Stock der Roten Flora am Schulterblatt. Zigarettenrauch wabert durch den Raum. Moschitto, der im vergangenen Jahr in Fatih Akins Golden-Globe-prämierten Film „Aus dem Nichts“ mitspielte, lehnt sich zurück. Während draußen die Menschen bei sommerlichen 20 Grad am Schulterblatt flanieren, sagt er: „Nach den G20-Protesten wurde die Rote Flora dämonisiert, das hat man in ganz Deutschland gespürt“.

Genau aus diesem Grund stand er noch wenige Minuten zuvor auf einer Bühne im Erdgeschoss des Gebäudes. Er und seine Schauspielkollegen wollten zeigen, dass die Flora auch anders könne, kulturell etwas bieten könne. Aus diesem Grund führten sie in einer szenischen Lesung das Stück „Bezahlt wird nicht!“ auf. Es stammt aus dem Jahr 1974, geschrieben hat es der mittlerweile verstorbene spätere Literaturnobelpreisträger Dario Fo. Das Stück spielt im Italien der 1970er Jahre – es geht um Streik, Krawall, das Proletariat und allerhand Groteskes.

Großer Andrang in der Roten Flora

Am Abend der Aufführung, die Sonne ist schon hinter dem großen Flora-Bau verschwunden, stehen Menschen davor in einer langen Schlange. Drinnen sagt ein Organisator: „Ich bitte euch, heute nicht zu rauchen, es sind ja doch recht viele Menschen da.“ Mehr als Hundert sind es. Die Flora hatte zwei Tage zuvor eine einseitige Pressemitteilung versendet, auch die Bild-Zeitung hat an diesem Abend eine Reporterin vorbeigeschickt.

Zu Beginn des Stücks stehen Antonia, gespielt von Pheline Roggan („Soul Kitchen“, „Jerks“), und Margherita, gespielt von Gala Winter, auf einer kleinen Bühne in einem großen Veranstaltungsraum der Flora. Vor ihnen stehen mehrere Reihen mit Biertischen, die Luft ist stickig, bis auf die Bühne ist alles duster. In der Mitte des mit Graffiti verkleideten Raumes schießen vier Säulen aus dem Boden, die die mit Holzbalken durchfurchte Decke emporhalten. Auf der Bühne: Ein Holztisch, eine Bank, einige Stühle. Mehr nicht. Auf einer Wand dahinter steht in gelb: „Werft Eier statt Steine.“

Viel Zeit zum Proben blieb nicht

Antonia und Margherita haben mit anderen Frauen des Viertels den Supermarkt geplündert. Jetzt wollen sie in Antonias Wohnung die Waren vor ihrem Ehemann Giovanni (Michael Weber) verstecken, der ein gesetzestreuer Arbeiter ist. Aus einem Megaphon krächzt eine Frauenstimme von unterhalb der Bühne: „Ihr würdet die Sachen jetzt im Schrank verstauen.“ Die beiden schauen sich um. Da steht kein Schrank. „Ja, egal“, sagt die Frauenstimme. So improvisiert wie das Bühnenbild ist auch das Ensemble selbst: Am Wochenende hatten sie drei Stunden geprobt, am Tag der Aufführung nochmal fünf.

Vor Giovanni und Margheritas Mann Luigi (Dennis Moschitto) können die beiden Frauen ihr Diebesgut zunächst geheim halten. Doch kurze Zeit später tritt der Dorfpolizist ein, gespielt von Kai Hufnagel. Margherita hat sich als Versteck einige der Waren um den Bauch gebunden und um einer Wohnungsdurchsuchung durch den Polizisten zu entgehen animiert sie Margherita, eine Frühgeburt vorzutäuschen. Von hier an werden die Geschehnisse immer grotesker – zu einem Zeitpunkt ist der Polizist scheinbar tot, auch ein Sarg kommt vor, und am Ende kommt Giovannis Vater mit einem Räumungsbefehl in die Wohnung.

Was ist erlaubter Protest? Was ist Unrecht?

Vieles in „Bezahlt wird nicht!“ passiert auf der Metaebene. In einer Szene beobachten Giovanni und Luigi einen Lkw, der einen Unfall baut und Waren verliert. Luigi will sie einsammeln und mitnehmen. Giovanni nicht: „Spinnst du? Willst du dich gemein machen mit diesem Lumpenproletariat?“ Luigi erwidert: „Was hätte Lenin in dieser Situation geraten?“ „Lenin hat sich zu LKW-Unfällen nie geäußert“, entgegnet Giovanni. Als Luigi ihm erzählt, dass die Fabrik in die die beiden arbeiten, geschlossen werden soll, überlegt Giovanni es sich anders.

Es geht in dem Stück auch um die Frage: Was ist erlaubter Protest, was ist gegen das Gesetz, was ist schlicht Unrecht? „Ein ganz subtiler Geist könnte denken, dass das Stück etwas mit dem letzten Sommer am Schulterblatt zu tun hat“, sagt Thomas Ebermann, der das Stück inszenierte.

Ebermann spielt auf die G20-Krawalle im Juli 2017 an, für die viele die Rote Flora mitverantwortlich machten. Während der Ausschreitungen waren auch Geschäfte am Schulterblatt geplündert worden. Andreas Blechschmidt, der gelegentlich als Sprecher der Roten Flora auftritt, war Anmelder der Demo "Welcome to Hell", die eskalierte und bei der es zu massiven Ausschreitungen zwischen Polizei und Demonstranten kam.

Der damalige Kanzleramtschef Peter Altmaier brachte eine Schließung der Roten Flora ins Spiel. Und auch der Hamburger Ex-Bürgermeister Olaf Scholz sprach danach von einem Problem für das linksautonome Kulturzentrum. Beim neuen Bürgermeister Peter Tschentscher hörte sich das zuletzt versöhnlicher an. Er wünsche sich, dass die Flora wieder zu einem akzeptierten Stadtteilkulturzentrum werde. Das besetzte Gebäude am Schulterblatt gehört derzeit der Stadt Hamburg, die die Lawaetz-Stiftung als Verwalterin eingesetzt hat.

"Die Flora wurde ja als ein Ort für kulturelles gegründet“

Wie kam es jetzt dazu, dass so populäre Schauspieler wie Denis Moschitto und Pheline Roggan in der Flora auftreten? Inszenator Thomas Ebermann kam die Idee zu der Aufführung im Oktober 2017. Wie Moschitto spricht auch er von einer Dämonisierung der Flora. „Wir wollten zeigen, dass man sich hier auch wohlfühlen kann“. Moschitto, Roggan und die anderen Schauspieler kannte er aus gemeinsamen Projekten. Eine Gruppe aus der Flora, die einmal im Monat einen Kulturabend veranstaltet, habe sie dann eingeladen.

Nach der Veranstaltung sitzt Ebermann mit Moschitto und Roggan zusammen an dem Holztisch im ersten Stock der Flora. Ebermann sagt, das Verhältnis zum Stadtteil und zu Hamburg könne durch szenische Lesungen wie diese normalisiert werden. Er zieht an seiner Zigarette. „Obwohl die Aktivisten diesen Ausdruck wahrscheinlich nicht gern hören.“ Roggan ergänzt: „Normalisieren würde ich nicht sagen. Es geht einfach darum, mal wieder etwas anderes zu zeigen. Die Flora wurde ja als ein Ort für kulturelles gegründet.“

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