Interview

Was ist nur aus Ihnen geworden, Herr Matussek?

Matthias Matussek

Matthias Matussek

Foto: imago/teutopress

Er war der Kulturchef des „Spiegel“. Heute ist er "gefährlicher Bürger" und spricht bei der umstrittenen „Merkel-muss-weg“-Demo.

Hamburg. Wie sehr das Land und seine politische Debattenkultur verroht sind, lässt sich an einer Person beschreiben. Der Hamburger Matthias Matussek schrieb mehrere Bestseller, er leitete lange Jahre das Feuilleton des „Spiegel“, war ein gern gesehener Gast bei Intellektuellenpartys. Heute ist er „gefährlicher Bürger“, ein „führender Kopf einer neuen Rechten“, Hassfigur, menschlicher Sandsack.

Er kokettiert mit dem Radikalen

Vor ihm wird gewarnt, unter Überschriften wie „Perfide Mächte und satanische Geheimbünde“ wie nun im „Tagesspiegel“. Zugleich macht Matussek es seinen Gegnern leicht – er kokettiert mit dem Radikalen, liest in Burschenschaftshäusern, spricht bei der umstrittenen „Merkel-muss-weg“-Demo und versteigt sich in wilden Theorien. Die rechten Seiten im Netz feiern sein neues Buch „White Rabbit“, die meisten Medien schweigen es tot. Wir haben Matussek trotzdem getroffen. Er ist ein unterhaltsamer Gesprächspartner, ein kluger Kopf – und ein Grenzgänger und Radikaler zugleich. Wie sagt er selbst über sich? „Ich hatte drei konservative Themen, mit denen es mir ernst war: Familie, Kirche, Nation. Im Grunde war ich AfD, bevor es sie überhaupt gab.“

Vom Liebling der Feuilletons zum Hassobjekt – Hand aufs Herz, tut das weh?

Matussek : Schön ist es nicht. Man hat nicht so viele Freunde außerhalb unserer Branche, und die Branche ersetzt die Familie. Wenn man da plötzlich draußen ist, tut das schon weh. Jeder Depp darf heute über Matussek herfallen. Sie haben ja auch geschrieben „der einstmals kluge Matussek“.

Da komme ich gleich drauf...

Nur zu. Aber niemand kommt darauf, dass der einstmals kluge Matussek vielleicht immer noch klug ist und der gefeierte Matussek von damals, der „Spiegel“-Titel über Alexander von Humboldt und Heinrich Heine geschrieben hat, derselbe wie heute ist.

Der gefeierte Matussek stand kürzlich bei der Merkel-muss-weg-Demo in Hamburg auf einer Bierkiste und skandierte Lügenpresse. War das klug?

Taktisch klug sicher nicht. Das hat die bürgerliche Mitte nicht verstanden. Aber dennoch war es richtig, weil ich damit Farbe bekannt habe. Unter diesen 150 Leuten sind eben keine Rechtsradikalen. Und ich finde es empörend, wenn der Hamburger Innensenator Andy Grote vor dieser Demo warnt. Er vereitelt damit ein Grundrecht, auf die Straße zu gehen. Dieser Schulterschluss von Regierung und der Antifa als Prügelperser ist doch absurd. Auf diese Pirouette muss man erst einmal kommen.

Aber diese Absurdität nehmen die Leute doch wahr.

Nein, eben nicht. In dem Moment, wo sie sagen, sie sind rechts, sind sie draußen. Sofort. Man darf links sein und sonst nichts – trotz der Verbrechergeschichten, trotz Stalin, Mao, Pol Pot. Links ist erträglich, rechts ist die Stahlwand. Gegen die Zuschreibung „rechts“ kann man sich nicht wehren. Also tue ich es auch nicht.

Naja, nach diesem Auftritt ist die Zuschreibung nicht gewagt. Gehen Sie bald in die Politik?

Nein, niemals. Mein Vater war Kommunalpolitiker für die CDU. Den bewundere ich sehr. Ich hätte ihn zum Schluss nur noch umarmen können, trotz der Prügel.

Matussek erzählt von seiner Jugend, seinem Elternhaus und nennt sich im Rückblick einen „schwer erziehbaren, schwer erträglichen Klugscheißer“. Wenn er über sich selbst spricht, hat er die Selbstironie, die ihm bei der Beobachtung des politischen Alltags abgeht. Sein Buch ist in manchen Passagen urkomisch – etwa wenn er von seiner Festnahme bei einer US-Reise oder seiner Fastenkur in der Buchinger-Klinik am Bodensee erzählt.

Ist Ihr Buch eigentlich Gonzo-Journalismus – nach Hunter S. Thompson also radikal subjektiv und übertrieben?

Eindeutig, etwa die Amerika-Reise mit meiner Verhaftung ist von Hunter S. Thompson „Fear and Loathing in Las Vegas“ inspiriert. Gonzo ist, wenn der Journalismus selbst in die Handlung eingreift und sie verändert.

Wo es um Politik geht, wird dieser Zugang schwierig

Ja, das Buch ist polemisch. Aber das ist doch keine Sünde – gerade, wo ich Heinrich Heine so bewundere.

Polemisch ist das eine, aber Sie überziehen maßlos. „Weltkrieg des Islam“? „Bildungsferne Denunziantenbrut“, „Vasallenparteien“, „Putsch von oben“ ...

Fangen wir beim „Weltkrieg“ an: Nicht nur in den Propaganda-Werken des IS, sondern auch im Koran wünscht man sich die Weltherrschaft des Islam. Wir haben es mit einer Erobererkultur zu tun. Auch gemäßigte Imane wollen die Welt für den Koran gewinnen.

Vom Wunsch zum Weltkrieg ist es aber ein weiter Schritt.

Wir leben in einem asymmetrischen Krieg, den der Islam der Welt erklärt hat...

Dann gibt es aber viele Wehrdienstverweigerer unter den Moslems....

Das stimmt. Aber der Glutkern des radikalen Islam erfasst mehr und mehr auch die moderaten Kreise. Wir sehen doch einen Rollback der zweiten und dritten Generation. Als London-Korrespondent habe ich in der Moschee der Radikalen die jungen Menschen gesehen – mit Nike-Schuhen und Bin-Laden-Shirts. Das Radikale macht die Religion attraktiv – gerade für Verlierer. Im Handgepäck eines IS-Terroristen fand man das Buch „Islam für Dummies“. Was haben Sie sonst noch für Kritikpunkte?

Sie schreiben vom „Krieg der journalistischen Klassen gegen Pegida“.

Der war eindeutig, Ich war auf einer der ersten Demonstrationen, das Buch ist ja ein Reporterbuch, und ich mache zwischendurch ein paar Anmerkungen und essayistische Einschübe. Schon bevor Pegida richtig antrat, hat die Kanzlerin vor ihnen und dem Hass in den Herzen gewarnt. Aber sie ist Kanzlerin aller Deutschen und kann keinen exkludieren.

Aber das ist doch kein Krieg!

Sofern Wörter Krieg sein können, war es ein Krieg der Worte. Im Nachhinein muss man sagen, dass Pegida recht gehabt hat. Die Presse hat einseitig berichtet, wie die Otto-Brenner-Stiftung ja nachgewiesen hat. 80 Prozent waren in der Flüchtlingskrise regierungsfreundlich.

Dann ist der Begriff Einheitspresse oder gleichgeschaltete Presse aber verkehrt, 20 Prozent waren demnach Opposition.

Jetzt sind Sie aber ein Korinthenkacker.

Sein Buch – das kein großer Verlag verlegen wollte – verbindet eine Heiligengeschichte über Gilbert K. Chesterton, Gonzo-Journalismus und eine bitterböse Abrechnung. Matthias Matussek hat ein widersprüchliches Buch geschrieben; mitunter empörend, dann brillant, furchtbar eitel und dann entlarvend. Er hadert mit den Medien: „Wenn alle in die gleiche Richtung marschieren, kriege ich ganz schwere Füße. Und wenn Sprachregelungen getroffen werden, bekomme ich Atemnot.“ Und: „Der Journalismus ist keine pädagogische Anstalt.“ Wer würde da widersprechen? Vielleicht ist Matussek so, wie Thomas Brussig ihn in seinem Roman „Wie es leuchtet“ zur Figur gemacht hat – verrückt, total autistisch, aber ein genialer Reporter. Zum Autismus gehört, andere nicht richtig wahrzunehmen.

Schauen Sie doch mal in die Medien 2015, zum Beispiel in die „FAZ“ oder auch in das Abendblatt. Da ist eben nicht alles gefeiert worden.

Ich habe es so empfunden. Die meisten Journalisten sind eingeschüchtert von der Peergroup, die haben eben nicht so ein breites Kreuz zu widerstehen und zu übernehmen, was gewünscht ist. Das habe ich beim „Spiegel“ so erlebt und bei der „Welt“ auch.

Wenn Sie es so schreiben, dürften einige zustimmen. Aber warum sprechen Sie von einem „kümmerlichen Haufen angepasster Kugelschreiberträger“? Da werden alle Kugelschreiberträger ärgerlich.

Das ist doch eine witzige Formulierung. Ich wundere mich schon, dass manche Kollegen in der AfD kurzerhand „das Böse“ finden und dieser holzschnittartigen Weltsicht niemand widerspricht.

Sie werden sehr persönlich, ziehen vor allem die „Welt“-Chefredakteure Ulf Poschardt und Jan-Eric Peters und alte „Spiegel“-Kollegen wie Georg Diez oder Jakob Augstein durch den Kakao. Arbeiten Sie sich literarisch an Ihren alten Brötchengebern ab?

Nö, ich habe keine besonderen Rachegefühle. Ich finde, was Augstein schreibt, ist gaga. Der behauptet, wir leben im Faschismus. Weiß der eigentlich, was Faschismus ist? Der Faschismusvorwurf wird mit einer großen Konfettimaschine über das Land gepustet. Und dieser ganze selbst ernannte Antifaschismus erinnert mich eher an eine Industrie. Antifaschismus ist, wenn Willy Brandt außer Landes flieht und dort den Widerstand aufbaut oder Fluchthelfer gegen die Tötungsmaschine der Nazis aufbegehren.

Matusseks Ausführungen zur Linken sind bedenkenswert. Der 64-Jährige kennt seine Pappenheimer, war selbst Kommunist. Er greift mit der Kritischen Theorie die Linke an und sieht den Verblendungszusammenhang im „Kampf gegen rechts“. „Das ist der Vorteil der Hysterie um Pegida, AfD und andere neurechte Bewegungen – sie versorgen noch den mittelmäßigsten Spießer nachträglich mit einer Widerstandsvita.“

Matussek ist kein Nazi. Er setzt sich in seinem Buch mit der gebrochenen Sicht zu Deutschland auseinander. „Wir halten Heimat allerdings mittlerweile für eine Nazivokabel. Da wir glauben, dass unser Boden kontaminiert ist, schneiden wir die Wurzel gerne ab und bauen in der Luft und behaupten, genau das sei die Gartenpflege der Zukunft...“

Über die Fußball-WM 2014 schreibt er: „Schon das ganze WM-Turnier über herrscht der Ausnahmezustand, ein Begriff des Staatsrechts nach Carl Schmitt. Im Ausnahmezustand setzt der Souverän (Fußball) bestimmte Rechte außer Kraft (Ruhe, Arbeit), mit dem paradoxen Ziel, genau diese für die Zukunft zu schützen und noch ein andere dazu, das Recht auf patriotische Gefühle“.

Dieses Gefühl, so Matussek, wuchere heimlich und sei unausrottbar in unserer globalisierten Welt. Aber 2014 war ja auch vor der Flüchtlingskrise – das Buch steigert sich in einen Furor, es arbeitet mit Zahlen zur Flüchtlingskriminalität, die nicht belegt sind. Die Flüchtlingskrise nennt Matussek eine „deutsche nihilistische Untergangslust“.

Sie schreiben, im Herbst 2015 habe sich eine Art Wahnsinn über das Land gelegt? Oder über Sie?

Ich habe den Eindruck, dass dieses Deutschland kräftig verrutscht ist, dass keine Regel mehr stimmt. Wir müssen lernen, dass der Bürgerprotest gegen die Regierung nicht böse ist, nur weil er von rechts kommt. Jahrzehntelang haben wir uns an Protest von links gewöhnt – warum soll Protest von rechts jetzt ein Anschlag auf die Demokratie sein?

Sind Sie der Michael Kohlhaas des Journalismus?

Nö, aber ich brenne ja auch nicht alles nieder.

Ihr 2015 für die „Welt“ geschriebener und dort nie gedruckter Text zu Charlie Hebdo – glauben Sie im Ernst, dass die „Welt“ ihn heute noch immer nicht drucken würde?

Heute würde er gedruckt.

Bei der „Bild“-Zeitung kritisieren Sie den Versuch, „aus einem Boulevardblatt einen Liedtext zum Kirchentag zu machen“. Das liest sich heute ganz anders.

Das stimmt. Es zeigt aber auch, wie korrupt und opportunistisch Medien sind.

Oder wie lernfähig...

Oder wie lernfähig.

Sie kommen von ganz links und äußern in dem Buch Sympathie für die Identitären. Mitte ist Ihnen wohl zu lau?

Ich liebe die drastische Formulierung und die Polemik. Das ist der Lorbeerkranz des Journalismus. Mit der lauen Mitte kann ich eher wenig anfangen – vielleicht ist das mein Manko.