Gedenkstätte Neuengamme

Gegen das Schweigen: Veit dankt Opfern bei Gedenkfeier

Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (r.) bei der Gedenkfeier

Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (r.) bei der Gedenkfeier

Foto: Axel Heimken / dpa

100.000 Menschen waren im KZ Neuengamme als Häftlinge registriert. Bürgerschaftspräsidentin ruft dazu auf, das Andenken wach zu halten.

Hamburg. Zum 73. Jahrestag des Kriegsendes haben am Donnerstag mehrere hundert Menschen an einer Gedenkfeier in der KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme teilgenommen. Unter ihnen waren Überlebende und Angehörige von ehemaligen KZ-Gefangenen aus Israel, Belgien, Frankreich, Polen und weiteren europäischen Ländern. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) rief dazu auf, das Andenken an die Ereignisse wach zu halten. „Ich bin sehr dankbar dafür, dass die Opfer von damals heute den Kindern aus dem Volk der Täter vermitteln, was deren Eltern und Großeltern nur zu oft verschwiegen haben“, sagte Veit.

Im KZ Neuengamme und seinen Außenlagern waren nach Angaben der Gedenkstätte zwischen Dezember 1938 und Mai 1945 mehr als 100.000 Menschen als Häftlinge registriert worden. Unter ihnen waren politische Gegner der Nationalsozialisten, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle sowie sogenannte Asoziale und Kriminelle. Ab 1941 kamen zahlreiche Menschen aus den von Deutschland besetzten Gebieten hinzu. Sie machten insgesamt 90 Prozent aller Häftlinge aus. Durch die bewusst herbeigeführten schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen seien nachweisbar mindestens 42.900 Menschen ums Leben gekommen.

Häftling berichtet von unterschiedlichen Begegnungen

Der ehemalige französische Häftling Pierre Valliccioni (91) berichtete in einer Rede, die seine Tochter verlas, von unterschiedlichen Begegnungen mit Deutschen damals. Ein ziviler Vorarbeiter habe ihm während seiner Gefangenschaft im Außenlager Wilhelmshaven mehrmals ein belegtes Brot geschenkt und damit sein eigenes Leben riskiert. Er stelle sich oft die Frage: „Hat dieses Brot geholfen, ein bisschen länger durchzuhalten? Ich denke, ja.“ Als die Gefangenen später im April 1945 in einem Todesmarsch nach Hamburg getrieben wurden, hätten die Bewohner der Städte die Gardinen zugezogen, um nichts zu sehen.

Am ehemaligen Arrestbunker des KZs, wo Häftlinge hingerichtet wurden, legten Vertreter der Stadt Hamburg sowie Russlands und Weißrusslands, die jüdische Gemeinde, antifaschistische Gruppen, die Parteien Die Linke und die DKP Kränze nieder. Es wehten die Flaggen der Amicale Internationale de Neuengamme, der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes sowie des Staates Israel und - am Rande - der Sowjetunion.

Der Kammerchor Altona führte das Stück „8. Mai“ von Ilja Richter auf. Der Schauspieler, Sohn eines ehemaligen Neuengamme-Häftlings, war selbst anwesend, sang aber nicht mit. Enkel Kolja Richter kritisierte, dass der 8. Mai zu oft als Tag der Kapitulation wahrgenommen werde und zu selten als Tag der Kapitulation von Nationalismus und Faschismus.