Prozess der Woche

Gewalttätiger Alkoholiker hält sich für einen netten Kerl

Abendblatt-Gerichtsreporterin
Bettina Mittelacher
schreibt jede Woche über einen außergewöhnlichen
Fall

Abendblatt-Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher schreibt jede Woche über einen außergewöhnlichen Fall

Foto: Andreas Laible / HA

Versuchte Vergewaltigung, Körperverletzung und ein Schlag ins Gesicht: Angeklagter bestreitet, eine Tat begangen zu haben.

Hamburg. Wenn sie ihn sieht, schlägt ihr Herz wie wild. Eine Zeit lang war es sicher die freudige Erregung, die die kardiologischen Turbulenzen auslöste. Heute sind es die Angst – und böse Erinnerungen. „Ich habe schon wieder Herzrasen“, stöhnt die Frau, als sie ihrem Expartner wieder begegnet. Ein Treffen im Gerichtssaal mit dem Mann, von dem sie mit Inbrunst behauptet, er sei ein Psychopath.

Unterschiedlicher können die Einschätzungen kaum sein. Denn der Typ, den sie seit Längerem möglichst meidet, findet sich selber klasse. Eigentlich, meint er, sei er „ein richtig netter Kerl“. Es ist eine ganz spezielle Sicht, wenn man bedenkt, dass Mark N. (Name geändert) unter anderem wegen versuchter Vergewaltigung und Körperverletzung vorbestraft ist. Und nun wird dem ­49-Jährigen erneut der Prozess gemacht, weil er gegenüber einer Frau gewalttätig geworden sein soll.

Streit nach Oktoberfest

Doch gegen den Vorwurf, er habe im September 2016, mit gut zwei Promille Alkohol im Blut, seine damalige Freundin mit einem Schlag ins Gesicht und einem kräftigen Ruck an den Haaren aus dem Schlaf gerissen, verwahrt sich der ehemalige Berufssoldat mit Nachdruck. Er gefällt sich vielmehr als Frauenversteher, der sich rührend kümmert und dann ärgerlicherweise missverstanden wird. Breitbeinig, mit selbstgefälliger Miene sitzt der 49-Jährige da und beteuert, er habe vielleicht „ein Alkoholproblem“, aber er habe „keine Tat begangen“.

An jenem Abend seien er und seine damalige Partnerin auf dem Hamburger Oktoberfest gewesen. „Dort habe ich ihr eröffnet, dass mit uns Schluss ist, weil wir keine Gemeinsamkeiten haben.“ Auf dem Rückweg zu ihrer Wohnung habe sie Herzbeschwerden bekommen. „Ich hatte mein Handy bei ihr vergessen. Also habe ich von dort aus einen Rettungswagen gerufen. Zehn Minuten später war die Polizei da. Ich habe wirklich nichts gemacht.“

„Ich war in Panik“

Ganz anders sieht das seine Exfreundin. Furchtsam blickt die zierliche Zeugin in Richtung des Angeklagten. „Ich wollte schlafen, war schon fast weg“, erzählt die 46-Jährige. „Er wollte Sex, ich nicht. Da bemerkte ich ein kräftiges Ziehen an den Haaren und einen Schlag ins Gesicht.“ Einen zweiten Hieb habe sie abwehren können. „Ich war in Panik.“ Damals habe sie Herzprobleme gehabt. „Und jetzt geht das wieder los: Ich kriege Herzrasen“, sagt die Hamburgerin und fasst sich an die Brust. Ihr Expartner sei „ein Psychopath“, erklärt sie. „Er drohte später, wenn ich meine Anzeige nicht zurücknehme, macht er mich fertig. Er wisse ja, wo ich wohne und wo ich arbeite.“ Mittlerweile sei sie umgezogen. „Ich musste da weg, um mich zu schützen.“

Die Amtsrichterin verhängt gegen Mark N. eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu 10 Euro. Sie sei überzeugt, dass die Zeugin die Wahrheit gesagt habe, betont die Richterin. „Die Frau hatte deutlich Angst vor Ihnen. Sie wirken aber auch wie jemand, der Angst auslösen kann. Wenn Sie darauf abstellen, dass Sie immer an die falschen Frauen geraten und ein netter Mensch sind, haben Sie es noch nicht begriffen“, warnt die Richterin. „Sie haben nicht nur ein Al­kohol-, sondern auch ein Gewaltpro­blem.“

Wenn der Angeklagte wieder eine Grenze überschreiten sollte, sei auch mal eine Zeit im Gefängnis fällig. „Halten Sie sich von der Frau fern!“