Prozess der Woche

Ein Moment der Ablenkung mit fatalen Folgen

Amtsgericht Symbolbild

Amtsgericht Symbolbild

Foto: imago/ Steinach

Die rüstige Seniorin Anneliese K. wurde von einem Augenblick zum anderen ein Pflegefall. Ein Kleinwagen hatte sie erfasst.

Hamburg. Anneliese K. (alle Namen geändert) konnte, was wahrlich nicht vielen Menschen ihres Jahrgangs vergönnt ist. Die Hamburgerin lebte allein, versorgte sich selbstständig, war noch gut zu Fuß und auch sonst bei ordentlicher Gesundheit – und das im gesegneten Alter von 97 Jahren. Doch aus diesem guten Leben wurde die Seniorin herauskatapultiert, von einem Augenblick zum anderen war die eben noch so rüstige Seniorin ein Pflegefall. Ein Kleinwagen hatte die Frau erfasst, auf der Stresemannstraße, einer von Hamburgs Hauptverkehrsadern. Diese hatte die Seniorin mal eben rasch überqueren wollen. Und plötzlich lag sie da, schwer verletzt, mit jeder Menge gebrochener Knochen, hilflos.

Wenn Sarah W. sich an diese Szenerie vom vergangenen August erinnert, schießen der 20-Jährigen die Tränen in die Augen. Die junge Frau war es, die mit ihrem Kleinwagen die Greisin angefahren hat. Deshalb muss sich die Hamburgerin jetzt wegen fahrlässiger Körperverletzung vor dem Amtsgericht verantworten. Mit bebender Stimme, die Hände wie zum Gebet gefaltet, schildert die Frau im schwarzen Kleid, wie sie auf ihrer Fahrt durch Hamburg wegen einer Umleitung plötzlich nicht mehr genau gewusst habe, „wo ich war“, sagt die Angeklagte. „Also habe ich kurz auf mein Navi geguckt.

Vier Wochen im Krankenhaus

Und dann war es plötzlich passiert. Die Frau war mit dem Fahrrad neben sich über die Straße gelaufen, da habe ich sie erwischt.“ Als die Seniorin dann auf der Straße lag, neben ihrem Rad und ganz offensichtlich schwer verletzt, wählte Sarah W. den Notruf und brachte die alte Frau in die stabile Seitenlage. „Bis der Rettungswagen kam, habe ich ihre Hand gehalten und versucht, beruhigend auf sie einzureden.“ Später habe sie die Seniorin im Krankenhaus besuchen wollen. „Ich hatte Blumen dabei, die ich ihr bringen wollte, aber man ließ mich nicht zu ihr. Sie lag ja auf der Intensivstation. Dann habe ich eine Karte und Schokolade geschickt.“

Daraufhin rief der Neffe des Opfers bei ihr an, sie unterhielten sich lange. Vier Wochen blieb die betagte Hamburgerin im Krankenhaus, seitdem wird sie als Pflegefall in einem Heim betreut. Fotos aus der Akte zeigen den Tatort, auch Bilder, die Blut am Scheinwerfer des Wagens dokumentieren, sind dabei. Die Geschwindigkeit, mit der die Autofahrerin die 97-Jährige erfasste, betrug laut einem Gutachten noch Tempo 10 bis 15. Normalerweise würden Ärzte bei einem Anstoß mit einer so niedrigen Geschwindigkeit eher weniger schwerwiegende Verletzungen wie Hautabschürfungen, Hämatome und möglicherweise auch eine einzelne Fraktur erwarten – und nicht schwere Brüche an fast allen Stellen des Körpers.

Abbau der Knochensubstanz

Doch mit dem Alter kommt es zum allmählichen, natürlichen Abbau der Knochensubstanz. Und mitunter, bei Osteoporose, werden sie sogar sehr brüchig, fast schon wie Glas. Tatsächlich erlitt Anneliese K. bei dem Unfall eine Halswirbelfraktur, einen Beckenbruch, eine Rippenserienfraktur sowie diverse weitere Knochenbrüche, unter anderem des Oberschenkels und der Hand.

Das Sachverständigengutachten hat ergeben, dass die Seniorin mit einem Tempo von etwa drei Kilometern pro Stunde ihr Rad über die Straße schob, nicht an einer Ampel, nicht auf einem Fußgängerüberweg. Sarah W. hätte wenige Augenblicke gehabt, um noch rechtzeitig anzuhalten. „Bei einer Vollbremsung wäre die Kollision vermeidbar gewesen“, so die Schlussfolgerung des Gutachtens. Seit zwei Jahren hatte Sarah W. seinerzeit ihren Führerschein. Sie sei sonst eine „rücksichtsvolle Verkehrsteilnehmerin“, betont die Angeklagte mit Tränen in den Augen. „Und jetzt war ich mal eine Sekunde nicht aufmerksam, weil ich auf mein Navi geguckt habe. Was passiert ist, hat mich sehr mitgenommen. Ich fahre seitdem überhaupt kein Auto mehr.“ Das Schicksal der 97-Jährigen beschäftige sie sehr, „insbesondere, dass die Frau so einen hohen Preis für mein Fehlverhalten zahlen musste“.

Jugendrecht findet Anwendung

Auf Empfehlung der Jugendgerichtshilfe wird bei der 20-Jährigen noch Jugendrecht angewandt. Die Entscheidung des Gerichts: Sarah W. muss fünf Arbeitsleistungen vollbringen. „Das Geschehen ist höchst tragisch, mit extrem tragischen Folgen“, bilanziert die Vorsitzende. „Dass man die Schuld und die Folgen eines solchen Dramas nicht ausgleichen kann, das ist leider so.“ Allerdings sei zu berücksichtigen, dass das Fehlverhalten der Angeklagten „minimal war. Sie haben mal eine Sekunde nicht aufgepasst. Sie haben aber gemerkt, wie wichtig es ist, immer hundertprozentig aufmerksam zu sein“. Durch das Navi abgelenkt zu sein oder sogar zu telefonieren oder auf dem Handy zu spielen: „Es machen sich viele nicht klar, wie gefährlich das ist.“