Hamburg

Die Kochmütter brauchen dringend Nachwuchs

Die Kochmütter am Gymnasium Meiendorf: V.l.n.r. Fatma Akkan, Uschi Fleck, Christiane Grimm, Regina Meister, Silvia Niefund, Christine Schröder und Angelika Pflesser

Die Kochmütter am Gymnasium Meiendorf: V.l.n.r. Fatma Akkan, Uschi Fleck, Christiane Grimm, Regina Meister, Silvia Niefund, Christine Schröder und Angelika Pflesser

Foto: Klaus Bodig / HA

Schulen bekommen Essen meist geliefert. Anders am Gymnasium Meiendorf: Dort schauen die Kinder in der Pause in bekannte Gesichter

Hamburg.  „Gibt es schon was zu essen?“ Ein blondes Mädchen kommt mit zwei Freundinnen in die Aula des Gymnasiums Meiendorf gelaufen. „Wir haben Hunger“, sagt sie. Die Schülerinnen haben ihre Stunde etwas früher beendet und warten nun ungeduldig darauf, dass die Ausgabe des Mittagessens beginnt. „Es ist gerade einmal zehn Minuten nach elf, Leonie“, sagt Christine Schröder. „Ihr wisst doch, dass wir noch nicht fertig sind. Heute gibt es Fisch mit Gemüsereis, einem Gurkensalat und zum Nachtisch ein Eis.

Das Gymnasium Meiendorf ist mit seinem Essensangebot eine Besonderheit in Hamburg. Und das hat nichts mit der Auswahl zu tun. Wenn an anderen Schulen Caterer Nudeln oder Reis kochen, stehen in Meiendorf im Wechsel rund 100 Mütter, Väter, Omas, Opas, Tanten und Onkel in der kleinen Küche. Schmieren Pausenbrote und bereiten das Mittagessen zu. Eine Portion kostet 2,50 Euro.

Warmes Essen im Angebot

Ins Leben gerufen wurde dieser besondere Service 1975 von einer Elterninitiative. Den Müttern und Vätern war es wichtig, besonders die Oberstufenschüler an ihren langen Tagen mit Essen versorgen zu können. Zuerst wurden noch belegte Brötchen geschmiert und heiße Würstchen dazu gereicht. Aber schon nach kurzer Zeit erweiterten die Eltern das Angebot um ein warmes Mittagessen, die Kocheltern waren geboren.

Seitdem organisieren sie sich selbst, erstellen Speisepläne, kaufen ein und verteilen untereinander die Dienste. Die Schüler können inzwischen online entscheiden, ob und was sie essen wollen. Auch bezahlt wird über das moderne System, sodass das Kassieren beim Abholen wegfallen kann. Jeden Tag werden auf diesem Weg 150 bis 180 Essen bestellt. Viel mehr könnte man in der Küche wohl auch nicht zubereiten.

Auf dem Markt unterwegs

Kopf der Gruppe ist seit acht Jahren Christine Schröder, deren drei Kinder auf das Gymnasium gegangen sind beziehungsweise noch gehen. „Mich hat von Anfang an begeistert, was die Eltern hier an der Schule bewegen“, sagt sie. Beinahe jeden Tag ist die engagierte Frau für die Kocheltern unterwegs. Erstellt Einkaufslisten, macht Bestellungen bei den Lieferanten oder geht selbst mit großen Körben über den Markt. „Das macht viel Spaß. Mit den Jahren wächst man mit seinen Aufgaben und wird schneller.“ Meistens zumindest. „Heute musste ich noch mal los, weil so viele Kinder vegetarisches Essen bestellt haben.“ Unterstützt wird sie von Angelika Pflesser, die für die Einsatzpläne verantwortlich ist.

Den Müttern reicht es dabei nicht, jeden Tag Mahlzeiten für die Kinder zuzubereiten. Die Produkte sollen aus der Region kommen, gern auch in Bio-Qualität sein. „Wir folgen bei unserer Menüauswahl den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und bieten täglich vegetarische Menüs an. Dabei weisen wir immer die enthaltenen Allergene aus. Nur vegane Wünsche berücksichtigen wir nicht.“ Natürlich gibt es aber auch Fisch- und Fleischgerichte.

Die Schule ist stolz auf das Engagement, bezeichnet ihr Angebot als einen Schatz: „Dieser besondere Service zeichnet uns aus“, sagt Marie-Luise Stehr, Leiterin des Gymnasiums. Dabei habe sie die Idee durchaus kritisch gesehen. „Als ich vor acht Jahren hier angefangen habe, hätte ich nicht gedacht, dass das auf Dauer funktionieren kann. Mittlerweile hoffe ich sehr, dass uns die Kochmütter so lange wie möglich erhalten bleiben.“ Dadurch wäre die Bindung der Eltern an die Schule enger als anderswo.

Mehr Schüler, mehr Bedarf

Doch es wird zunehmend schwieriger, den Betrieb aufrechtzuerhalten. „Zum einen haben wir immer mehr Schüler, die Küche wird zu klein. Zum anderen arbeiten die Mütter selbst immer öfter und können nicht mehr so viel aushelfen“, sagt Stehr. Mit einer großen Werbeaktion in der Elternschaft habe man jetzt noch einmal 15 neue Helfer gewinnen können, damit sei immerhin das nächste Schuljahr gesichert. Wie es danach weitergehen soll, weiß die Schulleiterin noch nicht.

Die Behörde führt über die Essenszubereitung an den Schulen keine Statistik, dennoch sagt Sprecher Peter Al­brecht: „Elterninitiativen wie die in Meiendorf – auch wenn sie wirklich toll sind – sind selten geworden.“ Das läge zum einem an dem flächendeckenden Ganztagsangebot, bei dem die Schulen auf professionelle Essenslieferung allein wegen der Menge angewiesen wären. „Und dann sind immer mehr Mütter voll berufstätig und könnten gar nicht mehr helfen.“

Anders sei die Lage derzeit noch an den Grundschulen. Da gäbe es Einrichtungen wie die Milchmütter, die in der ersten großen Pause Getränke ausschenken. „Eine Idee, die wir unterstützen, wo wir nur können. Denn nicht selten kommen Kinder hungrig und durstig zur Schule“, so Albrecht.

Es gibt Wasser, Milch, Tee und kistenweise frische Äpfel

Südlich der Elbe, an der Schule Marms­torf, gibt es diese „Milchmütter“. Hier können die Jungen und Mädchen zwischen Apfelschorle, Wasser, Milch oder Tee, manchmal auch Kakao, wählen. Dazu schneiden die Mütter und Väter kistenweise frische Äpfel auf. „Die Kinder sind begeistert“, sagt Britta Bormüller, die die Gruppe aus rund 50 Eltern mit leitet. „Man hat den Eindruck, ihnen schmecken unsere Äpfel besser als die in ihren Brotdosen.“ Finanziert wird die Initiative von dem Schulverein der Schule. Eltern, Großeltern oder Tanten arbeiten auch hier ehrenamtlich, meist helfen sie einmal im Monat aus. Doch Bormüllers Tochter wechselt im Sommer auf das Gymnasium. Auch hier an der Schule wird es dann darum gehen, die ausscheidenden Eltern zu ersetzen. Damit im kommenden Schuljahr in der großen Pause Milch und Äpfel zur Verfügung stehen.