Jungfernstieg-Doppelmord

Was bringt einen Vater dazu, seine Tochter zu töten?

Blumen und Plüschtiere erinnern am Tatort an die beiden Todesopfer

Blumen und Plüschtiere erinnern am Tatort an die beiden Todesopfer

Foto: Andreas Laible

Das Familiendrama am Jungfernstieg sorgt in Hamburg weiter für Entsetzen. Ein Psychiater versucht, Antworten zu geben.

Hamburg.  Noch immer hallt der grausige Doppelmord eines Vaters an seiner ein Jahr alten Tochter und ihrer Mutter (34) wie ein dunkles Echo durch die Stadt. Am Wochenende bleiben viele Menschen am Tatort stehen, verharren schweigend im Getöse der ein- und ausfahrenden S-Bahnen am Jungfernstieg. Eine Frau kniet auf dem Bahnsteig nieder und legt eine pinkfarbene Rose zu den anderen Blumen, Kerzen, Stofftieren und Beileidskarten. „Wenn man hier so durchgeht, ist das sehr bedrückend“, sagt die Hamburgerin, selbst Mutter von vier Kindern. „Das geht ans Herz, weil es ein Kind war“, sagt eine andere Frau aus Barmbek. „Für die Geschwister tut’s mir leid.“ Sandra P. hinterlässt vier Söhne im Alter von drei bis 15 Jahren.

Am Donnerstag hatte Mourtala M. (33) im Bahnhof Jungfernstieg Mutter und Tochter mit einem Messer angegriffen. Das Kleinkind starb noch auf dem Bahnsteig, Sandra P. wenig später im Krankenhaus. Im mahnenden Gedenken an die Opfer hat jemand am Tatort ein Blatt Papier neben all die Blumen und Kuscheltiere gelegt, darauf steht: „Wieder bleibt die Frage nach dem Warum.“ In der Tat: Was geht nur in einem Menschen vor, der seine eigene Tochter und die Mutter auf diese denkbar brutalste Weise ermordet?

Guntram Knecht ist Leiter der Forensischen Psychiatrie der Asklepios-Klinik Nord Ochsenzoll, er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, was Menschen zu Mördern macht. Natürlich ließe sich, basierend auf Medienberichten, keine seriöse Diagnose stellen, sagt Knecht. Doch Vorgeschichte und Verlauf des Doppelmordes folgten einem durchaus bekannten Muster – der Verdacht liege nahe, dass die Angst um den drohenden Verlust seiner Tochter bei Mourtala M. blitzartig in rasende Wut umschlug und in einem Affekt mündete.

Wie berichtet, hatte das Familiengericht am Mittwoch, dem Tag vor der Bluttat, deutlich gemacht, dass es Mourtala M.s Antrag auf ein gemeinsames Sorgerecht für die einjährige Tochter ablehnen werde. „In seinem Kopf spielte sich wohl folgendes Szenario ab: Wenn ich sie nicht haben darf, dann soll sie auch niemand anders haben“, sagt Knecht. Sandra P. war an jenem Morgen zudem mit ihrem neuen Partner unterwegs. Vermutlich habe ihn schon dessen Gegenwart unter „Stress“ gesetzt.

„Archaisches Rollenbild“

„Wir haben hier also eine Risikoaufladung durch eine insgesamt kritische Partner- und Lebenssituation“, so Knecht. „Da reicht schon ein kleiner, weiterer Stressfaktor – eine unpassende Bemerkung –, um die Situation komplett eskalieren zu lassen.“

Hinzu komme ein „archaisches männliches Rollenbild“, in dem sich der Verdächtige möglicherweise durch eine Rachetat „behaupten“ und einen „Gesichtsverlust infolge der drohenden Niederlage vor Gericht“ abwenden wollte. „Dann lief eine archaische Reaktion mit ungehemmter Motorik ab.“

Auch Täter trauern um ihre Opfer

So unfassbar es klingen mag: Die abscheuliche Tat bedeute keineswegs, dass der Mann nicht um sein Kind trauern könne, so Knecht. Nachdem der Zustand blinder Wut, dieser kaum steuerbare Erregungszustand, abgeklungen sei, habe Mourtala M. die Polizei alarmiert.

Ein ähnliches Phänomen ließ sich gerade im Gerichtssaal beobachten. Der Pakistaner Sohail A. steht wegen Mordes vor dem Landgericht, weil er seine zwei Jahre alte Tochter mit einem Küchenmesser nahezu enthauptet hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, die Tat aus „Wut und Rache“ begangen zu haben, um seine Partnerin für deren unbotmäßiges Verhalten abzustrafen. Von Weinkrämpfen geschüttelt, brach der 34-Jährige bereits zweimal zusammen, als vom Tatgeschehen die Rede war. Wieder und wieder stammelte er: „Ich habe meine Tochter umgebracht.“

Psychiater: Man hätte Täter engmaschig betreuen können

Man hätte Mourtala M. im Vorfeld wohl engmaschiger betreuen können, sagt Knecht. Es sei bekannt gewesen, dass er gegenüber seiner Ex-Partnerin mehrfach übergriffig geworden sei und ein Kontaktverbot missachtet habe. Anfang 2018 erstattete Sandra P. deshalb Strafanzeige gegen Mourtala M., daraufhin richtete die Polizei eine Gefährder­ansprache an ihn.

„Die Mutter hatte Angst“, sagte ein Gerichtssprecher. Wegen seines aggressiven Auftretens hatte das Jugendamt einen begleiteten Umgang mit dem Kind angeregt und das Gericht ihm die Teilnahme an einem Antiaggressionstraining aufgetragen.

Am Freitag erließ das Gericht Haftbefehl wegen zweifachen Mordes aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen gegen den 33-Jährigen. Er gehörte der sogenannten Lampedusa-Gruppe an, die 2013 über Italien nach Hamburg gekommen war und ein dauerhaftes Bleiberecht begehrt. Dem Asylbewerber aus dem Niger war wegen seiner Vaterschaft eine Aufenthaltserlaubnis bis 2019 erteilt worden.

Lampedusa-Gruppe reagiert

Am Wochenende reagierte die Gruppe auf die Tat. „Wir verurteilen diesen brutalen Akt auf das Schärfste“, heißt es in der Erklärung, „es bricht uns das Herz, auch nur über diese inakzeptable Tat zu sprechen.“ Mourtala M. habe der Gruppe, die in Hamburg Kirchenasyl fand, bis 2014 angehört, bevor er einen Asylantrag gestellt habe. Danach habe er sie verlassen, „sodass wir bis zu diesem schrecklichen Vorfall nichts mehr von ihm gehört haben“. Auf Antrag der CDU-Fraktion soll sich im Mai der Innenausschuss der Bürgerschaft mit dem Messerangriff befassen.

Was passiert nun mit den hinterbliebenen Kindern? Nach Abendblatt-Informationen befindet sich der dreijährige Sohn der ermordeten Mutter – er musste die Bluttat mit ansehen – in einem Kinderschutzhaus. Die sechs und sieben Jahre alten Söhne wollen bei ihrem leiblichen Vater leben. Auch der älteste, 15 Jahre alte Sohn will auf eigenen Wunsch zu seinen Halbbrüdern ziehen. Zusätzlich stehen Experten zur psychologischen Betreuung bereit.

Wichtig sei jetzt, dass die Kinder in einem stabilen Umfeld aufwachsen. „Die Mutter auf derartige Weise zu verlieren, kann ein starkes Trauma auslösen“, so Knecht. „Aber Kinder können solche Einschnitte verarbeiten, wenn sie über eine hohe Bindungssicherheit verfügen.

Allerdings müsse die Erklärung für das plötzliche Fehlen der Mutter und Schwester „langsam und äußerst behutsam entwickelt werden“, so Knecht. „Nicht wenige Kinder können sich die Schuld dafür geben.“