Wer hat wirklich die Macht auf dem Kiez?

Der Kiez bei Nacht

Der Kiez bei Nacht

Foto: Bertold Fabricius

Rotlicht, Rocker, Reeperbahn, Party-Volk: St. Pauli wandelt sich tief greifend. Welche Menschen und Organisationen heute wo das Sagen haben.

Hamburg. Genau hier wurde er zum König von St. Pauli, sagt Werner. Club 88, benannt nach der Hausnummer auf der Reeperbahn. Eine schlauchförmige Disco, schwirrende Hostessen, überall Brüste und Paillettenkleider, Bassgewummer, Luden, auch er, Werner, mit Cowboystiefeln an den Füßen und dem Cadillac vor der Tür. „Hab einfach getanzt“, sagt er, „und alle haben nur zugeguckt“. Werner der „Ficker“ hätten sie ihn auf dem Kiez genannt. „So war das, ne.“ Er deutet einen Tanz an, der Hüftschwung stockt.

So war das mal. In den späten 70ern. Als er noch selbst zwei Läden hatte, immer vier Frauen an der Hand, die ihn geliebt hätten; er sie weniger. Als die Dinge noch einfach waren, der Unternehmer Willi Bartels alle Immobilien auf dem Kiez hatte und die Luden wie Werner das Sagen. Er trägt längst graue Haare, grauen Pulli, Wollmütze, fleckige Laufschuhe; von seinem einstigen Ruf ist er weit entfernt: ein Ficker a. D., wenn man denn so will. Aber Werner ist noch hier und nicht – wie die allermeisten anderen Könige von früher – tot oder Schlimmeres: Der „Schöne Klaus“ zum Beispiel, noch so eine alte Kiezgröße, liegt morgens schon mit den langen Haaren in Pfützen herum oder dirigiert den Verkehr, ohne dass Autos da wären. Werners Augen sind jung geblieben. „Ich weiß schon noch, was abgeht, ne.“

18 Uhr, St. Paulis Kiez. Knapp 900 Meter Straße, 10 Sexshops, 26 Diskotheken, 57 Kioske, 40 Bordelle, 20 Millionen Besucher im Jahr. Im 20. Stock des Empire Riverside werden die ersten Manhattan-Cocktails des Abends gemixt, im Goldenen Handschuh fließt schon wieder der Fanta-Korn. Rentnergruppen ziehen mit geröteten Wangen und Fremdenführer durch Sexshops. Ein Mittzwanziger verschwindet hinter einer Tür ohne Klingelschild, sein Bentley verschließt sich auf Knopfdruck.

Wer hier Einfluss hat, kann reich werden, sehr reich. Und steuert zugleich eine Traummaschine. Es sind immer nur ein paar Geldscheine, ein paar Getränke, dann kann jeder alles sein. Herrin der Nacht, Tänzer, Liebhaber einer Göttin, Entdecker, Ganove, Held, Gebrochener, alles auf einmal oder kurz hintereinander. Der Kiez ist noch immer das größte Versprechen dieser Stadt, ein routinierter Menschenfänger. Manche spuckt er im Morgenlicht berauscht wieder aus, manche erst nach Jahrzehnten oder nie.

Werner macht jetzt Rundgänge, will zeigen, wie der Hase heutzutage läuft, wer das Sagen hat. „Im Grunde gibt es nur zwei Typen: die Soliden, die sich schön ans Gesetz halten, und das Milieu.“ Aber die Grenzen sind fließend wie noch nie. Wer sich auf die Suche danach macht, wem der Kiez gehört, trifft auf eine neue Art von Königen, einen Kampf zwischen Kultur und Kiosk, tritt eine Reise von den Bühnen bis in die Unterwelt an; auf einer weltberühmten Meile, die gleichzeitig stirbt und neu entsteht.

Schmidt-Theater - Die Littmanisierung von St. Pauli

Über die LED-Fassade des Klubhauses schwappt eine Welle, ein Hauch von Broadway. Werner zeigt auf den Eingang des Schmidt-Theaters daneben. „Die Kunst auf dem Kiez ist, ein Fuchs zu sein und alle zu überleben. Corny ist einer. Vielleicht der Größte von allen.“

Disco-Licht an, Anlage laut, die Frau auf der Bühne schmettert drei Zeilen auf Schlager-Beats. Dann reicht es Corny Littmann: „Ist gut jetzt, Schluss mit Soundcheck.“ Noch eine Stunde bis zur Show „Cindy Reller“, im Saal des Schmidt-Theaters wuseln sie. Littmann raucht eine Lucky Strike ohne Zusätze und will eigentlich nicht über Macht sprechen. „Blödsinn, mit dem Begriff kann ich nichts anfangen“, brummt er dann. Die Frau hat wie vom Donner getroffen zu singen aufgehört.

Der Corny, wie ihn hier alle nennen, ist ein kleiner Herr mit Kapuzenpulli, rasselndem Husten und einem Imperium. Schmidt-Theater, Schmidts Tivoli, das Klubhaus, Spielbudenplatz, Beteiligungen an Gaststätten. Mehr als 400.000 Besucher in seinen Betrieben, pro Jahr. Die Stücke heißen zum Beispiel „Königs vom Kiez“, grellbunte und leicht frivole Musicals. „Voll ins Ohr und mitten ins Herz!“ lautet der Untertitel der heutigen Show.


Wenn jemand sagt, das sei doch keine Kunst, kann Littmann böse werden. Dafür steckt zu viel Arbeit darin. Wenn ein Witz nicht funktioniert, wird er bei ihm kaum ein zweites Mal gerissen. „Ich kann auch nicht erkennen, was jetzt falsch daran sein soll, dass auch Familien auf dem Kiez ihren Spaß haben“, sagt Littmann. Zuschüsse von der Stadt hat der Theatermacher nie gebraucht, aber er kennt den Olaf Scholz und alle anderen Politiker, meist seit der Zeit, als sie noch nicht ständig Anzüge trugen. „Ich muss da natürlich nicht erst die Vorzimmerdame anrufen, wenn ich etwas möchte. Weiß nicht, ob das dann schon Macht ist“, sagt Littmann.

Er sitzt jetzt in der Garderobe, ein junger Darsteller hilft ihm bei der Maske. Littmann spielt selbst mit bei „Cindy Reller“, wann immer er kann. Das Foyer füllt sich mit Publikum, der Durchschnittsgast ist 44 Jahre alt und kommt aus Hamburg und dem Umland.

Auf dem Kiez habe schon immer der Wandel regiert, sagt Littmann, als ihm die Perücke an den Schläfen festgeklebt wird. „Es kann sein, dass ich den auch mitgestaltet habe.“ Mit der Zuhälter-Nostalgie kann er wenig anfangen. „Es gibt auch kein Rezept, um erfolgreich zu sein. Wichtig ist nur, eine Chance auch zu nutzen, wenn sie sich ergibt.“ Das ist die Littmannisierung von St. Pauli: den Leuten zu geben, was ankommt.

Noch sieben Minuten, krächzt es aus einem Lautsprecher. Der ruhige, alte Littmann wird in dem Märchen auf der Bühne den knorrigen Vater des Romeo spielen, mitsingen und mittanzen und strahlen. In der Pause wird Littmann sagen, das Publikum sei heute etwas zu hanseatisch, und eine Mitarbeiterin zum Zigarettenholen schicken. Sie geht vorbei an den Fassaden seines Reiches, auch ein „Escape Game“ betreibt der Corny nun ganz erfolgreich. Littmann geht zurück auf die Bühne, im Saal wird Bier nachgeschenkt. Die Zuschauer werden mitsingen und klatschen und ausschauen, als hätten sie nie einen schöneren Dienstag erlebt.

St. Pauli Kiosk - es ist genug für alle da

Vor Haspa-Geldautomat 206-3 stehen die Kunden in der Schlange. Der Schlitz spuckt in engem Rhythmus Geld aus, 24 Stunden am Tag, genauso wie sein Zwilling am Südende der Meile, Nummer 206-4. Bis zu 29 Millionen Euro insgesamt jährlich, heißt es. Mehr als irgendwo sonst in Deutschland.

Noch ist die Lage entspannt, neben dem Tresen steht das Hochprozentige mit kleinen Plastikkappen zum Sofortausschank. Eslef Almaglu reicht eine Packung Zigaretten an einen Kunden, kassiert, atmet durch. Je später der Abend, desto mehr billiger Alkohol wird in seinem Kiosk den Besitzer wechseln. Die anderen Gewerbetreibenden sagen, Männer wie er machten den Kiez kaputt. Almaglu sagt: „Die Klientel, die hierherkommt, hat doch gar nicht genug Geld, um in einem Club was zu trinken.“

Nur 30 Meter weiter steht der nächste Kiosk, 100 Meter dahinter sind es an einer Straßenecke gleich zwei. „Es gibt da keine Konkurrenz“, sagt Almaglu, und jeder Kiosk sei ein Familienbetrieb, schaffe zwei oder drei neue Arbeitsplätze. Kundschaft ist für alle genug da.

Burlesque-Bar - die Schutzgelderpressung des 21. Jahrhunderts

Zum letzten Hurra platzt der Laden fast. Die Gäste umarmen sich auf den Tischen, eine volltätowierte Punkerin weint. Die Künstlerin Undine LaVerve steht im Slip in einer Ecke und wirft Luftküsse, Strasssteine verdecken ihre Brustwarzen. „Eine Ära geht zu Ende“, hieß es in der Einladung.

Wo, wenn nicht hier, dachte Sven Petersen. „Die Idee war, nicht der alte Kiez zu sein, nur seinen Charme zu verbreiten.“ Petersen ist Kieler, aber einer dieser Typen, die schon nach St. Pauli gehörten, bevor sie es selbst wussten. Fleischiges Gesicht, schwarzes Shirt, kein Chichi, aber viel Herz. Vor zehn Jahren öffnete die Bar, er erzählt frisch verliebt davon. „Die Burlesque-Künstlerinnen schneidern ihre eigenen Kleider, entwickeln Geschichten. Die Kunst feiert die Freiheit der Frauen.“

Es lief ordentlich in dem kleinen Laden in der Gerhardstraße. Dann kaufte vor zwei Jahren ein Investor die Immobilie. Erhöhte die Miete. Um 85 Prozent auf einen Streich. „Das hat uns erstmals ins Straucheln gebracht“, sagt Petersen. Die Laufkundschaft brach weg, zu viele versackten an den Kiosken und in anderen Läden, bevor sie das Home of Bur­lesque erreichten. „In so einer Atmosphäre will das Publikum mit den feineren Klamotten auch nicht mehr her.“

Petersen wurde es zu eng, deshalb die Einladung zu der letzten Feier. „Kiez-Legende macht dicht“, schrieb der Boulevard, man gewöhnt sich daran. Zuletzt schien es Schuh Messmer zu erwischen, wo schon der berühmte Zuhälter Lackschuh-Dieter seine Fußbekleidung kaufte. Die Eigentümerin wollte nicht über ihre Probleme sprechen, der Vermieter soll aber plötzlich bis zu 10.000 Euro Miete pro Monat verlangt haben. Noch ist ihr Geschäft allerdings geöffnet.

"Da wäre die Politik gefordert"

„Bei Wohnungen gibt es wenigstens noch die Mietpreisbremse und Erhaltensverordnungen – beim Gewerbe nur das Recht des Stärkeren“, sagt ein Händler, der anonym bleiben will. Der Bezirk hat registriert, dass zunehmend Investoren aus ganz Europa auf dem Immobilienmarkt an der Reeperbahn mitmischen. Einige Eigentümer haben Verbindungen ins Milieu. „Wer nicht genug zahlen kann, muss gehen. Das ist die moderne Form der Schutzgelderpressung“, sagt der Händler, selbst ein Betroffener. Früher knatterten Milieugrößen mit Harleys in die Läden, um einzuschüchtern, heute erhöhen sie einfach die Miete.

Sven Petersen lässt seinen Traum Anfang Februar noch nicht los, irgendwie muss es doch weitergehen. „Wichtig ist, den Namen zu erhalten. Wenn man zu lange raus ist, wird man hier vergessen.“ Er hege keinen Groll gegen die Kioske oder den Vermieter. „Da wäre einfach die Politik gefordert.“

Bezirksamt Mitte - Neu erfinden muss sich der Kiez schon selbst

Die Tabledance-Läden sind verrammelt, am ehemaligen World of Sex prangen nur noch Graffiti, die Heiße Ecke liegt schon seit 1991 brach. „Reeperbahn wird zur Leerstands-Meile“, schreibt die „Mopo“. Werner sagt, stilvoll sei hier gar nichts mehr.

Luftlinie ein Kilometer, von seinem Büro im zehnten Stock im Bezirksamt bis zu den Tanzenden Türmen. Falko Droßmann (SPD) ist ein handfester Typ, früher war er Fallschirmjäger, die Abzeichen hängen noch an der Wand. Privat eigentlich gar kein Kiezianer, St. Georg gefiel ihm immer besser. „Trotzdem ist der viel hier und kümmert sich“, sagen die Freunde auf dem Kiez. Weil St. Pauli auch für jeden Bezirkschef besonders ist. Und na klar, sagen sie, will der Falko auch Karriere machen.

Droßmann braucht im Gespräch nicht lange, um ernst zu werden: „Die Kultur St. Paulis steht auf dem Spiel“, sagt er, die Sache mit den Kiosken treibt ihn um. Wenn es nach Droßmann ginge, würde auch der Schlagermove einmal durch Bergedorf ziehen statt immer über den Kiez. Genossen und Unternehmer rufen ihn oft aufgeregt an, sobald sie wieder solche Sätze von ihm in der Zeitung lesen. Für Alarmstimmung gebe es doch gar keinen Grund. Aber Droßmann ist keiner, der ruhig bleibt, wenn er das Gefühl hat, dass er gefordert ist.

Er hat den Regierungsfraktionen längst einen Vortrag gehalten, wie man die Kiosk-Epidemie stoppen wolle. Ein zeitlich begrenztes Alkoholverbot könnte Wunder wirken. Ein Gesetzentwurf soll in Arbeit sein, aber das wird noch dauern, eine neue Regelung frühestens im Jahr 2019 greifen. Auch bei anderen Problemen hat Droßmann kaum eine Handhabe: Die Mieten und den Leerstand reguliert der Markt. Und die Zahl der Touristenführungen auf dem Kiez nimmt zwar längst überhand, aber eine Straftat ist das Ausschlachten des Mythos von St. Pauli wohl kaum.

Droßmann sagt, als Bezirkschef dürfe man sich nicht anmaßen, auf dem Kiez das Sagen haben zu wollen. „Die Situation ist derzeit so, dass das alte St. Pauli nicht mehr in dieser Form existiert, die Idee von der Zukunft aber noch nicht greifbar ist. Wir können diesen Prozess nur begleiten.“ Er habe aber das Gefühl, sagt Droßmann, dass der Kiez selbst mehr Verantwortung übernehme.

Hooter's - In kleinen Schritten zu einem besseren St. Pauli

„Wenn du solide bist“, sagt Werner in Höhe der Großen Freiheit, „kannst du hier ganz normal leben oder einen Laden haben. Aber eine richtig große Nummer wirst du fast nie ohne das Milieu.“

Lars Schütze sieht der Kellnerin nur in die Augen. Die Bedienung im Hooters trägt Hotpants und nimmt die Bestellung auf, zwei Kaffee für Lars Schütze und Peter Kämmerer, Vorstandsmitglieder der Interessengemeinschaft St. Pauli. Nebenan futtern sich Männer durch Berge an Pommes und Burgern, der Erfolg der US-Restaurantkette baut auf halb nackten Kellnerinnen und Grillfett. „Das ist wirklich ein tolles Konzept hier, das gut zu St. Pauli passt“, sagt Schütze; er trägt Dunkelblau, einen Ankerring und ein treues Lächeln.

Aufwendige Sanierung

Wenn ein neuer Laden wie dieser funktioniert, fühlt sich das auch für Schütze und Kämmerer wie ein kleiner Sieg an. In der IG St. Pauli sind 180 Gewerbetreibende organisiert. Sie haben etwa neue Mülleimer auf der Reeperbahn aufstellen lassen, über deren Fassungsvermögen Schütze und Kämmerer heißblütige Elogen halten können. „Insgesamt hat sich die Reeperbahn positiv entwickelt, auch wenn man bestimmte Dinge vermisst“, sagt Schütze.

Neben dem Hooters öffnet das Ahoi, die Reeperbahn wird mehr und mehr zur gefragten Restaurantmeile. In kleinen Schritten versuche man, an der Zukunft von St. Pauli aus dem Viertel heraus mitzubauen, sagt Peter Kämmerer. Er war jahrelang SPD-Bürgerschaftsabgeordneter, kennt die Kunst des Konsenses und hat ein prall mit Kontakten gefülltes Smartphone. Es laufen da Gespräche, schon bald soll der Bezirk nach Abendblatt-Informationen offiziell den Senat darum bitten, eine aufwendige Sanierung zu finanzieren.

Nach dem Kaffee geht es zum Hans-Albers-Platz, hier will die IG St. Pauli für ansprechenderes Flair sorgen, den Baum und das Denkmal etwas vorziehen lassen. Noch scheint die Sonne; keine Prostituierten zu sehen und auch keine breitschultrigen Männer, denen der Platz in einer anderen Welt von St. Pauli gehört. Kämmerer kennt alle Größen des Rotlichtes, das bleibt nicht aus, aber keiner von ihnen ist Mitglied der IG St. Pauli. Sven Petersen, der Betreiber der Burlesque-Bar, hat kurz nach der Schließung eine Übergangsbühne gefunden. Im St.-Pauli-Museum, ebenso Mitglied der IG. Die „St.-Pauli-Familie“, sagen Schütze und Kämmerer, ist noch vorhanden. Und für fast jede Geschichte des Niedergangs gibt es eine des Aufbruchs.

Olivia Jones Bar - die Harten wollen jetzt für Olivia laufen

An der Kiez-Alm hängt ein Porträt von Olivia Jones, Werner gerät plötzlich in Rage. „So eine Transe hätte hier früher keinen Fuß in die Geschäftswelt bekommen. Die hat gar keine Ahnung, was den Kiez ausmacht. Die hat ihn nie gelebt.“

„Das ist quasi mein Wohnzimmer“, sagt Olivia Jones, hinter der Fensterfront glänzt pure Hafenromantik in der Sonne. Das späte Frühstück hat geschmeckt, ­Jones lümmelt im Sessel, als gehöre ihr das ganze Hotel. Niemand erkennt sie. Noch ist sie Oliver, ungeschminkt, ein Durchschnittsgesicht, graue Jeans, inkognito. Sie genießt das.

Ach, diese Luden-Nostalgie und das Gerede vom Niedergang, sagt Jones dann. „Für mich ist das Schöne an St. Pauli, dass jeder schrille Vogel seinen Platz findet. Und ich bin stolz darauf, es als besonders schräges Exemplar zu etwas gebracht zu haben“. Ihre Kiez-Touren brummen, genau wie ihre drei Bars. „Keiner vermarktet sich so gut wie sie“, sagen Vertraute. Beim Sender RTL wissen sie noch, wie ­Jones sie so lange bedrängte, bis sie ihr einen Platz vor Millionenpublikum im „Dschungelcamp“ gaben. Zufall brauchte Jones nie.

Inzwischen ist sie das größte laufende Aushängeschild St. Paulis in der Republik. „Hier nicht nur Anwohner zu sein, sondern auch etwas auf die Beine zu stellen, war am Anfang schwer“, sagt Jones. Eine laute Dragqueen war eine Neuheit unter den Kiezgrößen; wer sich wie Jones auch an der Großen Freiheit breitmacht, braucht dafür zumindest die Akzeptanz des Milieus. „Ich bringe natürlich auch einen Schwung von Leuten nach St. Pauli“, sagt Jones. Sie genießt auch deshalb Narrenfreiheit.

Royale Parade

Am Abend laufen gleich mehrere Touren über den Kiez; zu den Guides der sogenannten Olivia-Jones-Familie gehören auch Lilo Wanders und Eddy Kante, der ehemalige Leibwächter von Udo Lindenberg. Bei ihrem Management gingen auch immer wieder Anfragen von alten Luden und Koberern ein, sagt Jones, Typen wie Werner. „Wir haben das ein paarmal versucht, aber von manchen kamen dann etwas frauenfeindliche Sprüche bei der Tour. Geht gar nicht.“ Jede Tour solle als Bühnenprogramm denkbar sein, besagt die hauseigene Qualitätskontrolle; zu den Themen zwischen Sexshop, Museum und Großer Freiheit zählen auch das Kiosk-Problem und die Gentrifizierung, das ist der Chefin wichtig.

Jones selbst bricht vom Spielbudenplatz in voller Montur zu ihrer eigenen Tour auf, wie immer war sie früh ausverkauft. Wo der Tross langzieht, ist sie die Hauptattraktion, es hat etwas von einer royalen Parade. „Es wird zum Glück nicht mehr wild auf dem Kiez geschossen“, sagt Jones vor der Ritze. Dann geht es weiter, bis zum Abschlussschnaps vor ihrem Showclub in bester Lage. „Husch, husch“, sagt Olivia Jones.

Diskothek Halo - Zwischen Ober- und Unterwelt auf dem Kiez

Die Haare glänzen ölig im Licht der Schilder an der Großen Freiheit. Der Erfolg des Abends, die Aussicht auf Frauen entscheidet sich hier. Einigen sieht man an, wie sie sich beherrschen müssen. Zwei Hünen stehen Wache. „Früher hätten die Türsteher sich nicht so viel bieten lassen“, findet Werner.

Ein dumpfer Knall, Aufwärtshaken, abblocken, „noch mal“. Zwischen den Schülern in seinem Boxkeller sieht Axel Wagner noch mehr aus wie ein Riese aus einer Fabel. „Das macht hier mehr Spaß als bei null Grad nachts draußen“, sagt er dann. Sein Lächeln zeigt, wie entspannt es macht, in jedem Kampf der Stärkere zu sein. Axel Wagner hat 20 Jahre „Tür“ in den Knochen, die letzten elf davon vor dem Halo. Er hat das immer so gesehen: Ein Club betreibt großen Aufwand, um dem Publikum etwas zu bieten, und auch der Türsteher ist ein Service. Das sollte man als Gast dann bitte schön auch zu schätzen wissen. „Das Milieu ist nicht gefährlicher geworden, aber die ganz ,normalen‘ Leute schon.“

Da seien Nordafrikaner, die ständig Stress machten und gleich losgrapschten; das habe gar nichts mit ihrer Herkunft zu tun, sondern mit einem bestimmten Menschenschlag. Und da seien die jungen Einheimischen, die in der Woche brav lernen oder arbeiten und sich Freitagnacht plötzlich aufführen, als wären sie ein muskelbepackter Koloss aus einem Videospiel. „Diese Typen sind das, was St. Pauli kaputt macht.“ Die ganz Gefährlichen, mit Messer oder Schlimmerem, „verhaften“ sie selbst und bringen sie zur Polizei. „Das mit den Blauen ist auch immer eine Hassliebe. Wie oft haben wir etwa gehört, dass sei ganz toll, was wir da machen, wie wir für Ordnung sorgen. Und dann gab es auf einmal eine Sammelklage gegen die halbe Türsteherszene.“ Türsteher bewohnen das Geschoss zwischen Ober- und Unterwelt auf St. Pauli, es ist nicht immer ein angenehmer Ort.

Axel Wagner hat eine Bierflasche an sein Auge gekriegt, ein Messer in den Ellbogen. Und 135 Strafanzeigen in seinem Türsteher-Leben „kassiert“, aber keine Verurteilung. Es gehe darum, schnell Entscheidungen zu treffen, im Sinne der Gäste. Das gilt auch, wenn die schwereren Jungs aufmucken, von den Hells Angels oder den Südosteuropäern, mit Koks in der Nase und mit dem Gefühl, der ganze Kiez habe ihnen zu gehören. Inzwischen hat er sich fast komplett aus der Szene verabschiedet, für 25 bis 30 Euro Stundenlohn tut er sich das nicht mehr an. Ob er sich jemals mächtig gefühlt habe? „Nein, das habe ich mir nie eingebildet“, sagt Axel Wagner schnell.

Mit den Größen im Milieu versteht er sich noch immer prächtig, aber Kontakt gebe es kaum. „Denen geht es wie mir“, sagt Axel Wagner, zur Verabschiedung gibt es einen Unterarmgriff. Als der Türsteher ihre Jungs aufgemischt hat, hätten sie ihm nicht etwa Rache geschworen, „sondern denen selber noch was gehustet“. Die neue oberste Regel im Milieu lautet: Ball flach halten.

Zur Ritze - der Kiez-Pate auf seiner Insel

„Die haben sich von allem nur das Beste genommen“, sagte eine Polizistin, als sie die Beweise sicherte. An Autos, Frauen, Waffen, Immobilien. Ein Leben in Rotlicht und Reichtum. Die Marek-Bande, das war noch „alte Schule“, sagt Werner. Dann schlug die Justiz doch zu, vor elf Jahren. Aber fast alle Mitglieder kamen mit Bewährungsstrafen davon.

Der Pate empfängt an einem Holztisch in der Ecke im simplen schwarzen T-Shirt. „Moin! – Carsten.“ Carsten Marek hält mit zwei Händen eine Flasche Wasser fest und will wissen, worum es hier gehen soll. Marek kann einer für ein gemeinsames Bier sein, ein Kumpeltyp, mit warmem Lachen. Bei Dingen wie Boxen oder Fußball. Geht es um die falschen Themen, sagt Marek kein Wort mehr als nötig. Auch deshalb hat er hier Jahrzehnte überlebt.

Das hier sei sein „Baby“, sagt Marek, am Ende eine Gefühlsgeschichte. Die Ritze ist die Königin aller Kiez-Kaschemmen, man meint die Geschichten aus den Fugen der Holzbretter kratzen zu können. Hier wurde „Chinesen-Fritz“ erschossen und mehrere Boxer zu Weltgrößen, hier ist von dem ganzen Ballermann und der Moderne draußen gar nichts zu spüren.

Marek führt den Laden, seit vor bald sieben Jahren der legendäre „Hanne“ Klein starb. Ein Freundschaftsdienst und ehrliche Arbeit, sagt er. „Es ist auch unser Anspruch, das hier zu erhalten und nur behutsam zu verändern“, sagt Marek. Sein silberner Scheitel wippt; eine kleine Ähnlichkeit zu Frank-Walter Steinmeier hatte Marek schon immer, inzwischen klingt er auch fast genauso präsidial.

Mit dem Rotlicht auf St. Pauli, sagt Marek, „habe ich nichts mehr groß am Hut“. Als Kickboxer kam er ins Milieu, er hat die großen Zeiten erlebt, 27 Millionen Euro Gewinn soll seine Bande gemacht haben. Heute konzentriert er sich ganz auf das Babylon in Hammerbrook, sein Taj Mahal von einem Bordell mit knapp 3000 Quadratmetern. Die Freier zieht es ohnehin in die Fläche, nicht mehr auf den Kiez. Die Prostituierten stehlen hier PIN-Nummern und zocken ab, das hat auch überhandgenommen. „Es ist ein ganz anderes Umfeld als früher“, sagt Marek. Mehr könne er da gar nicht zu sagen.

Carsten Marek führt gern hinab in den Keller, in den legendären Ring. Ständig kommen jetzt Gruppen, von Firmen wie Apple, und feiern in der Ritze wie Stars. Marek genießt das und spielt den Grüßaugust in der Nachbarschaft, zur Eröffnung des Hooters war Marek im Anzug zu sehen, aber seinen Maybach fährt er hier nicht mehr aus. Wer denn jetzt im Milieu das Sagen habe? Falsches Thema. „Mein Lebensmotto waren immer die drei Affen, kennst du die?“, fragt Marek zurück. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Ob er da eine Verantwortung für St. Pauli spüre? „Nein.“

Dann sagt Carsten Marek den einzigen Satz, der erahnen lässt, welche Rolle Marek tatsächlich spielt. „Ich habe nur eine Verantwortung für meine Freunde.“ Und die sind sehr wohl noch aktiv im Rotlicht, sagt ein Milieufahnder der Polizei, alle alten Gestalten aus der Marek-Bande, etwa 50 Mann. Der Bereich um die Herbertstraße gehöre ihnen, genau wie ein Teil der Davidstraße.

Restaurant Vespucci - die Gentlemen und das Phantom

Die Reeperbahn ist auch eine Grenze, sagen sie im Milieu. Auf der Seite des Hans-Albers-Platzes haben eher die Deutschen das Sagen, auf der Große-Freiheit-Seite die Südosteuropäer. „Als die Albaner in den 80ern auf den Kiez kamen“, sagt Werner, „haben die sich erst mal totgelacht.“

Wo Sefi steckt, weiß niemand so genau. Vielleicht zurück auf dem Balkan. Vielleicht auch noch in Hamburg, vielleicht an der Süderstraße, wo für ihn mit dem Lusthaus sein Aufstieg anfing. Es gibt ein älteres Rap-Video, das ihn, 43 Jahre, Typ Al Pacino, inmitten von testosteronschwangeren Männerbären zeigt. „Sefi ist der Boss / eine lebende Legende“, heißt es da. „Alles unter Kontrolle / Er zieht die Fäden im Spiel.“

Sefi galt als der Chef im Eros Center, jenem Laufhaus, das immer so etwas wie der Königspalast auf dem Kiez war. Autorität gab ihm schon seine Familie, sein Onkel „Albaner-Toni“, der im Bereich der Großen Freiheit sein Reich etabliert hatte. Sefi sollte ihm nachfolgen, der unumstrittene Kiezpate sein, aber die Sache ging schief. Es kam zu Schüssen auf der Großen Freiheit, es soll um Streitigkeiten zwischen Sefis Leuten und Türstehern gegangen sein. Als Zeuge geladen, erschien Sefi nie vor Gericht. Vier Mitglieder der „Eros-Center-Gang“, seiner Bande von Bären, wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt. Seitdem ist Funkstille, zumindest an der Oberfläche.

„Er ist nicht weg“, sagt einer, der ihn gut kennt. Als einer der wenigen konnte Sefi noch immer Kiez-Verbote erteilen, die auch immer noch eingehalten werden. Wenn wieder Halbstarke aufmucken, die dem Chef gefallen wollen, sprächen Männer wie er ein Machtwort, heißt es von der Polizei. „Da reicht eine Geste, dann sind die handzahm, wie im Film.“ Die Albaner waren schon immer diskret, heißt es, nie ludenmäßig, immer im feinen Anzug. Der Kontakt zu den alten deutschen Luden, auch zu jenen aus der Marek-Bande, ist respektvoll. Und die alten Grenzen gelten noch. Nur das Geschäft hat sich verändert. Es sind jetzt die Immobilien, weniger die Prostitution, sagen Milieukenner. Zur Familie von „Albaner-Toni“ soll seit einer Hochzeit im Jahr 2005 auch ein anderer Clan gehören, der einen Namen wie Donnerhall genießt: die Osmanis.

Im Restaurant Vespucci werden Kaffee und Pasta gereicht, der Laden ist meist gut besucht, ein Osmani-Gebäude, heißt es, auch wenn im Impressum der Internetseite nur eine Immobilienverwaltung aus Tostedt eingetragen ist. „Dem gehört nach wie vor die halbe Reeperbahn“, hört man über Burim Osmani, dessen Karriere mit nicht mehr als zwei Plastiktüten und brutalem Geschäftssinn begonnen haben soll.

Osmanis sind heute gerne unscheinbar

Darunter sei die Heiße Ecke, sagt man, die seit den 1990ern leer steht und trotz eines Bauvorbescheids nicht in Angriff genommen wird – genauso wie ein Kiosk am Hamburger Berg, der mit seinem Billig-Alkohol die benachbarten Studentenkneipen in Not bringt. „Der Osmani lebt in seiner eigenen Welt“, sagen Gewerbetreibende; sie sehen ihn öfter auf der Meile, aber was er plant, das ist reine Mutmaßung. Als das Abendblatt Burim Osmani auf seinem Handy erreicht, sagt er schnell, dass er nur „ein kleines Licht“ auf St. Pauli sei. „Wenn ich etwas für den Stadtteil tun könnte, würde ich das machen, von Herzen. Aber eine Blume macht noch keinen Frühling.“ Auf Details zu seinem Besitz will er nicht eingehen.

Sie seien keine Rotlichtgrößen, nur normale Unternehmer, haben die Osmanis gern von sich erzählt. Früher feierten sie ihre Geburtstage ausgiebig, traten vor Gericht rüpelhaft auf, als sie wegen Wirtschaftsverbrechen angeklagt wurden. Heute machen sich die Osmanis am liebsten klein und unscheinbar.

Pink Palace - Ein Königreich ohne König?

Werner hetzt durch die Gänge des Laufhauses, durch lauten Elektropop und LED-Lichter, es riecht nach Chlor. „Wenn man zu lange guckt, lassen die Mädels einen nicht mehr weg.“ Der große Willi Bartels (siehe Kasten auf Seite 22) hat das Gebäude als Bordell entworfen – es war die Idee seiner Frau.

Alles glänzt weiß und rot im Halogenlicht, bis hin zur Glatze von Thorsten Eigner. „Sieht man ja, alles sauber hier“, sagt er hessisch dahingeschnoddert und lacht laut; über die Bildschirme im Überwachungsraum flimmern krisselige Bilder von Männern, die langsam über die vier Stockwerke schlurfen. Die Frauen hocken auf Stühlen an ihren Zimmern und bieten sich selbst feil.

Eigner arbeitete hier schon, als es noch das Eros Center war. Aber darüber will er nicht sprechen, „ich lasse die Vergangenheit gern ruhen“. Jetzt ist er der Chef des Pink Palace. Luden wollten sie hier nicht mehr, sagt Eigner, auch keinen Stress, keinen Kontakt zum Milieu. Über Kameras werden die falschen Kandidaten schnell identifiziert und zurück auf den Bordstein gebeten. Für 100 Euro am Tag können selbstständige Prostituierte ein Zimmer mieten, für eine halbe Stunde verlangen sie 80 Euro aufwärts von den Freiern. „Die ehrliche Adresse auf der Reeperbahn“ ist der neue Slogan des alten Palastes. Der letzte Inhaber des Eros Centers musste wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis, danach gab es einen Neustart.

Pink Palace macht noch guten Umsatz

Fragt man ihn danach, was für eine Sorte Kiez-Unternehmer er sei, sagt Eigner fest: „Ich bin ein Solider.“ Richtig viel Interesse an dem Geschehen auf dem Kiez habe er nicht. „Ist ja alles Ballermann draußen, leider“, sagt er. Verbindungen ins Viertel hat er, aber alles ganz harmlos. Nur so viel: Er wohnt fast nebenan, in einem der selten schönen Hinterhofhäuser, wo der Kiez plötzlich an Paris erinnert. Und er macht Kampfsport, auch im Keller der Ritze.

Das Pink Palace macht noch guten Umsatz, dank der stinkbesoffenen Touristen an den Wochenenden, aber auch dank Einheimischer, die wieder verstärkt zu den Damen kämen. „Natürlich war es nicht ganz einfach, dieses Nepp-Image loszuwerden“, sagt Eigner. Eine frisch geduschte Prostituierte schlurft an der Rezeption vorbei, Eigner nimmt den Schlüssel entgegen. „Eigentlich wie ein Hotel hier.“ Keine einzige Strafanzeige wegen Abzocke und PIN-Diebstahls gebe es, sagt Eigner. „Da kannste gern die Polizei fragen.“

Davidwache - Vergiss die Romantik, es geht nur um's Geld

Da war die Sache mit den Flüchtlingen aus Nordafrika, sagt ein Beamter. Vor drei Jahren lungerten sie auf dem Kiez herum, bestahlen Freier, nahmen Drogen, in aller Öffentlichkeit. „Dann wurden die gegriffen, nachts, halb totgeschlagen und uns schön als Geschenk vor die Wache gelegt. Das passiert, wenn man dem Milieu ans Geld geht.“

Gerhard Kirsch ist zurück und bekommt sofort gute Laune. „Moin, Mensch!“, ruft der Kriminaloberkommissar scheinbar normalen Passanten zu, die sich als Polizisten in Zivil entpuppen. Herzlicher Händedruck, warme Worte, so geht das jede 50 Meter. Eigentlich arbeitet Kirsch längst im Präsidium, Verkehrsprävention, und sitzt der Gewerkschaft der Polizei (GdP) vor. In sein altes Revier zieht es ihn trotzdem immer wieder, manchmal trägt er dann seine alte Lederjacke wieder. „Klar macht der Dienst auf St. Pauli was mit einem, völlig klar“, sagt Kirsch.

In der Davidwache tragen einige Beamte selbst wildes Brusthaar und auffällige Ketten. Auf den Fluren sagen sie aber auch: Der einzige Herrscher, den St. Pauli hat, trägt eine Uniform. Und es sei recht ruhig im blauen Königreich. Früher, da hätte die Mordkommision gleich ein eigenes Büro am Hamburger Berg eröffnen können, so wild und regelmäßig wurde da geschossen. Heute sind das größte Problem die alkoholisierten Horden, spontane Gewalt, auch sexuelle Übergriffe; die Bereitschaftspolizei kommt zur Unterstützung.

Alles im Griff also? „Wir sind natürlich nicht naiv. Diese ganze Seemannsromantik kann man ja vergessen. Natürlich geht’s hier nur ums Geld, die ganze Zeit.“ Aber einerseits sind die Strukturen schwerer zu erkennen als früher, Immobiliengeschäfte keine Straftat – und viel „Sabbellage“, etwa Gerüchte über Geldwäsche in den Kiosken. Und andererseits helfen Führungsfiguren der Unterwelt dabei, um etwa die aufgepumpten Muskelberge der unteren Milieuebene im Zaum zu halten.

Kaum noch Revierkämpfe

Die bringe man mit polizeilichen Mitteln kaum zur Räson, sagt ein Beamter aus der Davidwache. Deshalb sei ein gewisser Dialog nur pragmatisch. Der Amtsrichter Johann Krieten, der die Verhandlung nach den Schüssen im Türstehermilieu um den Albaner Sefi leitete, attestierte Teilen der Polizei dagegen eine „teilweise überaus bedenkliche Nähe zur Organisierten Kriminalität“. Es ist eine Frage der Grenzziehung. Im Hintergrund werden ständig Informationen über das Milieu gesammelt, die Fäden laufen in der Abteilung 65 des Landeskriminalamts zusammen. Dort sind sie stolz darauf, dass die Milieugrößen sich nun meist hinter Strohmännern verstecken müssen: „Das ist Resultat unserer Arbeit“, sagen sie.

Der Kuchen ist längst verteilt in der Unterwelt. Auch wenn die Zahl der Prostituierten auf St. Pauli nur noch bei etwa 500 Frauen liegt und stetig sinkt, seien da kaum noch Revierkämpfe. Wenn er das Gejammer der Kiezgrößen hört, wie die Abzocke von Freiern das Geschäft kaputt mache, entfährt einem LKA-Mann ein mildes Grinsen. „Als ob das nicht gesteuert wäre und es keine klaren Strukturen mehr gebe. St. Pauli ist immer auch ein bisschen Märchenstunde.“ Wenn es ausufere, wenn es Schüsse oder Tote im Milieu gebe, dann werde die Polizei immer entschieden reagieren, sagt Gerhard Kirsch. „Das Milieu komplett trockenzulegen ist aber einfach nicht realistisch.“ Es gibt Organisationen, mit denen auch die Polizei nur selten den offenen Konflikt sucht.

Bar "Champions" - Schweigen und Herrschen

Die Trauerzeremonie zeigt ihre Stärke. 800 Rocker, Weggefährten und Kiez-Größen sind im April 2017 gekommen und verstopfen eine Zufahrt zum Friedhof Ohlsdorf. Männer in Kutten tragen den weißen Sarg mit roter Aufschrift heraus. „My Way“ von Frank Sinatra ertönt. Zum Abschied lassen sie ihre Motorräder röhren. Mario Amtmann, Begründer der Hells Angels in Hamburg, ist gestorben.

Die Kneipe Champions an der Silbersackstraße hat kein Schild, keine Tafel mit Öffnungszeiten. Die Fenster sind foliert, nur ein Spielautomat von außen zu sehen. Eine Stahltür schützt den Eingang, sie steht nur unregelmäßig offen.

Auf dem Kiez ist Southport tonangebend

Selbst in einem ihrer Wohnzimmer geben sich die „Höllenengel“ ruhig. Dass sie wieder unangefochten sind auf dem Kiez, sieht man daran, dass man wenig von ihnen sieht. Da sind keine breiten Kerle, die in Kutten über den Hans-Albers-Platz streifen, das Machtzentrum der Hells Angels. Keine abgestellten Motorräder in den Seitenstraßen. Keine Drohgebärden und keine Rocker anderer Gruppierungen, die so wahnsinnig ­wären, sich in Kluft nach St. Pauli zu trauen. Nur die Farbe verrät einiges, wenn auch längst nicht alles. Was auf dem Kiez in Rot und Weiß gehalten ist, ob Steige für Prostituierte, Tätowier­studio oder Kneipe, steht in aller Regel mindestens unter dem Einfluss der Hells Angels.

Die Kennzeichnung sei eigentlich ein Spleen; „die haben die Hosen an, das ist völlig klar, nach wie vor“, sagt einer, der seit Langem im Milieu unterwegs ist. Zwei sogenannte Chapter der Rocker gibt es in Hamburg, auf dem Kiez ist Southport tonangebend. Eigentlich „junge Wilde“, viele mit Migrationshintergrund, heißt es von der Polizei, die Gruppierung wurde als schnelle Antwort auf die rivalisierenden Bandidos geboren. Das Kerngeschäft ist Prostitution, es gilt als offenes Geheimnis, dass Frauen der Angels auch im Babylon von Carsten Marek und dem Pink Palace anschaffen.

Wer bei den Angels die Fäden zieht, ist schwer zu durchschauen, auch für die Polizei. Einzelne Rocker werden auch auf St. Pauli manchmal auffällig, wenn sie ihre Contenance verlieren und Gewalt anwenden. „Aber man bekommt sie nur einzeln, nie in der Gruppe.“ Sie haben ihren eigenen Wertekanon, eine strenge Hierarchie; am Gesicht so wenig zu erkennen wie ein ADAC-Mitglied, aber in Teilen paramilitärisch organisiert. Nur selten blitzt die wahre Struktur auf, zuletzt vor zwei Jahren.

Erkan U., einer aus dem Umfeld des Eros Centers, forderte die Hells Angels offen heraus. Mit der Gruppierung Mongols stolzierte er über die Reeperbahn, bis sich die Höllenengel offenbar gezwungen sahen, ein Zeichen zu setzen. Mehrere Täter schossen siebenmal auf ein Taxi am Nobistor, verletzten einen Mongol-Rocker schwer. Der starke Mann der Hells Angels soll am Tatort gewesen sein: Dariusch F., Ex-Elite-Soldat der Bundeswehr, ein bulliger Mann mit Glatze. „Sergeant at arms“, so sein damaliger Rang bei den Rockern, der Mann für die Waffen und die Sicherheit. Er gilt als jemand, der auch dadurch Autorität genießt, dass er in heiklen Momenten selbst feuert – oder dazu bereit wäre. Verurteilt wurde Dariusch F. nicht, die Mongols in Hamburg waren bald Geschichte.

Rocker verloren etwas an Einfluss

Die Folgen des damaligen Streits sind aber noch heute spürbar. Die Soko „Rocker“ überzog die Angels mit Razzien am Pink Palace, am Straßenstrich und an Kneipen, das schon angespannte Geschäft litt weiter, auch auf dem Kiez verloren die Rocker etwas an Einfluss. Im Pink Palace sollen sich die Angels nicht mehr herumtreiben, heißt es, nicht einmal mehr ihre Autos in der dortigen Garage parken. Aus dem Bezirk verlautet, dass es immer wieder Versuche des Milieus gebe, neue Etablissements zu eröffnen. „Es geht immer nur um Prostitution, Prostitution, Prostitution“, sagt ein Mitarbeiter. Aber schon ein Brandschutzparagraf kann ausreichen, um die Rocker politisch auszubremsen.

Der König von St. Pauli und sein Erbe

Dariusch F., so heißt es, wird nur sehr selten auf dem Kiez gesehen. Für ihre Prostituierten haben die Milieu-Anführer eine Sechs-Tage-Woche eingeführt. Der mutmaßliche Anführer der Hells Angels residiert in der HafenCity. Unter dem Hintern meist keine Harley. Sondern wahlweise Ferrari oder Bentley.

St. Pauli Museum - die Gespenster von St. Pauli

Nach seiner Tour zeigt Werner auf eine junge Frau, die sich aufgetakelt in Richtung Große Freiheit bewegt. „Am Ende gehört alles denen da. Es geht immer um die Frauen, machen wir uns doch nichts vor.“ Und ob man es ihm glaube oder nicht, er habe noch Schlag beim anderen Geschlecht. Neulich habe eine junge Dame, die er vor dem Hotel Monopol anquatschte, mit ihm und ihrer Mutter einen Kaffee getrunken. Mehr passiert ist nicht. Aber es war fast wie früher.

Werner schlendert den Kiez zurück hinauf in Richtung seiner kleinen Wohnung; wenn er in die Fassaden blickt, wird sein Blick trüb, als sehe er gar nicht, was dort ist, sondern nur, was einmal war. „Hab nichts zu bereuen“, hat er gesagt, ein Leben wie seines hätten nicht viele geführt. Dabei nahm seine große Zeit auf dem Kiez kein glorreiches Ende: Im Suff habe er Mitte der 80er-Jahre seinen Laden am Hans-Albers-Platz verschenkt, sagt Werner, viel mehr will er dazu nicht erzählen. Aber es sei sowieso an der Zeit gewesen, die Umsätze damals nicht mehr fett und die große Ära vorbei.

Mit den übrig gebliebenen Milieugrößen seiner Zeit hat er keinen Kontakt, es gibt auch keinen Laden mehr, wo man gemütlich in alten Zeiten schwelgen kann. Und vom Alkohol lässt Werner seit Jahren die Finger. Vor Kurzem saß er mit einem Freund und dem „Schönen Klaus“ im Café May zwischen den Jungspunden. „Halt die Fresse“, entfuhr es einem bei den ausschweifenden Erzählungen der anderen. Dann schwiegen sie. Ihm kommt eine Gruppe junger Männer entgegen, einparfümiert, strahlende Augen. Sie sehen Werner nicht, würden durch ihn hindurchgehen wie ein Gespenst. „Junge, komm ran, die anderen sind schon da“, ruft einer, sie beschleunigen den Schritt. Sie machen sich auf, den Kiez heute Abend zu erobern.

Ein Stück Kiez-Geschichte erzählt auch Abendblatt-Chefreporter Jens Meyer-Odewald in dem Buch „Zur Ritze“ (114 Seiten, zahlreiche historische Fotos, 10 Euro). Erhältlich in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32 (Mo–Fr 9–19, Sa 10–16 Uhr), oder zu bestellen unter abendblatt.de/shop (zzgl. Versand)