Fünftes Album

Revolverheld: „Es gibt keine Band wie uns“

Die Revolverhelden
(v. l.) Jakob Sinn,
Kristoffer Hünecke,
Johannes Strate
und Niels Kristian
Hansen

Die Revolverhelden (v. l.) Jakob Sinn, Kristoffer Hünecke, Johannes Strate und Niels Kristian Hansen

Foto: Benedikt Schnermann

Neues von Strate & Co: Revolverheld meldet sich mit „Zimmer mit Blick“ nach drei Jahren „MTV Unplugged“-Phase zurück.

Hamburg.  Wer wie Revolverheld ein Album „Zimmer mit Blick“ nennt, möchte auch beim Interview die Aussicht genießen: Im Ober­geschoss der Strandperle erzählen Sänger Johannes Strate, Gitarrist Niels Hansen und Schlagzeuger ­Jakob Sinn (der vierte Revolverheld Kristoffer Hünecke macht nebenan Telefoninterviews), warum die fünfte Platte nach drei Jahren „MTV ­Unplugged“-Phase elektronischer geworden ist denn je.

Nach dem ­Album ,MTV Unplugged in drei Akten’ vor drei Jahren ist ,Zimmer mit Blick‘ jetzt elektronischer denn je, der erste Song ,Immer noch fühlen‘ ist sogar discotauglich. Ist das die logische Konsequenz nach der Akustikphase?

Johannes Strate: Das hat sich so ­organisch entwickelt. ,MTV ­Unplugged‘, das im Sitzen spielen, das hat uns inklusive Tour drei Jahre beschäftigt. Und als Kris und ich uns danach an neue Songs gesetzt haben und sie uns vorspielten, stellten wir fest: Von den ersten 20 Songs war keiner mit akustischer Gitarre dabei. Wir hatten da wohl einfach Lust auf etwas anderes. Okay, offensichtlich entsteht hier was Neues.

Niels Hansen: Die Akustikphase war schon eine besondere Erfahrung, aber sie hat das neue Album nur unterbewusst beeinflusst.

Strate: Ganz ehrlich: Ich war froh, als vor der ­Gitarre endlich wieder ein Effektpedal lag.

Jakob Sinn: Ich saß im Nebenzimmer und habe elek­tronische Beats produziert. Wenn mir das mal jemand vor 15 Jahren erzählt hätte!

Termine

Eure Bühnen sind immer größer geworden seit dem ersten Album 2005. ,Zimmer mit Blick‘ geht in Dimensionen von Coldplay, The Killers, von Stadionpop. Seid Ihr größenwahnsinnig?

Strate : Mit den Bands kann ich sehr gut leben, die haben uns sicher ­beeinflusst. Natürlich verändern sich mit den Jahren Schreiben und Sound, aber wir konstruieren unsere Songs nicht nach der geplanten Hallengröße.

Jungs mit Wanderklampfen, die über – Zitat Jan Böhmermann – ,Menschen ­Leben Tanzen Welt‘ singen, sind ja auch langsam auserzählt. Mehr Lautstärke ist da ein Mittel der Abgrenzung.

Strate : Darüber haben wir tatsächlich intensiv nachgedacht. Du weißt ja, dass Böhmi ein alter Freund unserer Band ist (lacht). Es gibt so unendlich viel deutschsprachige Popmusik mit Sängern, dass ich sie schon verwechsle, wenn ich sie im Radio höre. Jede Woche kommt eine Platte raus von irgendwas mit Vorname Nach­name, von dem ich nie im Leben ­gehört habe ...

Johannes Strate ...

Strate : Oh ja, der nervt mich auch schon 38 Jahre. Aber es ist verrückt. Und wir haben keinen Bock, wie der deutsche Einheitsbrei zu klingen, sondern wollten ein modernes Bandalbum machen.

Sinn: Ein Album, das nicht wie Singer-Songwriter-Pop klingt.

Aufgenommen wurde es aber auf Föhr, nicht gerade ein Rock-Hotspot.

Hansen : Dafür gibt es da keine ­Ablenkung, keine Termine, und die Jungs von Stanfour haben da ein schönes Studio.

So neu der Sound des Albums auch ist, so ­bekannt sind bis auf das zeitkritische ,Zimmer mit Blick‘ die Themen in den Songtexten. ,Das Herz schlägt bis zum Hals‘, ,Immer geliebt‘. Herzbuben statt Haltung?

Strate : ’Zimmer mit Blick‘ ist ein politischer Song, und in ,Unsichtbar‘ geht es im Prinzip um Glauben.

Hansen: ,So wie jetzt‘ zeigt unsere Generation: Top ausgebildet, welt­gewandt, aber trotzdem unzufrieden.

Strate: Aber Beziehungen werden wie in ,Unsere Geschichte ist ­erzählt‘ immer ein großes Thema bleiben. Ich bekomme diese ­Geschichten nun mal mit, und es werden mehr, was wohl eine Frage des Alters ist. Ich kann sie nachfühlen und daher als meine aufschreiben. Manchmal möchte ich mir Ohropax reinstopfen, um nicht alles mitzubekommen.

Manchmal halten Beziehungen ja auch länger. Wie ist es, als Band länger zu existieren als die Beatles?

Sinn : Oh, krass. Stimmt. Die gab es nur zehn Jahre, uns jetzt 16. Aber eine Band mit Freunden zu haben ist wie eine Beziehung mit Höhen und Tiefen, und das haben wir immer gut hingekriegt.

Hansen: Wir haben viele Bands kommen und gehen sehen, viele haben sich aufgelöst.

Früher hieß es Beatles oder Stones, dann Ärzte oder Hosen, Blur oder Oasis, jetzt Wanda oder AnnenMayKantereit. Wer ist euer Konkurrent?

Strate : Ich glaube, es gibt in Deutschland keine Band wie uns.

Die aufgelösten Jupiter Jones?

Strate : Ja, okay. Aber das war keine Konkurrenz, das waren Freunde. Ich fand den Ausstieg von Nicholas Müller und die Auflösung extrem schade.

Ist es möglich, dass Ihr in fünf Jahren die Nase voll habt vom jetzigen Sound und wieder auf Anfang geht wie Mando Diao zum Beispiel?

Strate : Die haben sich aber auch ­umbesetzt. Aber ich würde es nicht ausschließen, dass wir in fünf Jahren die Elektronik abhaken, die Verstärker auf elf drehen und ein reines ­Gitarrenalbum machen.

Hansen: Jedes Album ist für sich eine ­Momentaufnahme unserer Emotionen, da würde ich nichts missen wollen.

Es gibt also keine Songs, bei denen ihr denkt ,Oh, nicht die blöde Nummer‘, wenn sie auf der Konzert-Setliste näher rücken?

Strate : Nee, diese Songs spielen wir nicht mehr.

Album: Revolverheld ­„Zimmer mit Blick“ (Sony), im Handel