Elbphilharmonie

So opulent und breitwandig meldet sich Albert Gilbert zurück

Alan Gilbert dirigierte verbindlich und sorgte für (Vor-)Freude im Großen Saal der Elbphilharmonie

Alan Gilbert dirigierte verbindlich und sorgte für (Vor-)Freude im Großen Saal der Elbphilharmonie

Foto: Peter Hundert

Der Chefdirigent und das NDR-Elbphilharmonie-Orchester wurden mit Vehemenz für ihr Mahler-Konzert gefeiert.

Hamburg.  Wenn du es in New York schaffst, schaffst du es überall, sang Frank Sinatra den Erfolgshungrigen aufmunternd ins Gesicht. Acht Jahre lang hat der New Yorker Alan Gilbert das New York Philharmonic geleitet und eine Menge geschafft, viel höher kann man dort in seiner Branche nicht kommen. Mahler, Toscanini, Bernstein, Boulez, das waren einige der Giganten-Vorgänger. Und nun, von 2019 an: Hamburg. NDR-Chefdirigent, Elbphilharmonie. Wiedersehen, Wiederhören nach elf Jahren als Erster Gastdirigent beim NDR vor und während der Zeit in New York, und jetzt soll hier gern alles schnittig Spitzenklasse sein oder wenigstens werden.

Opulenter und breitwandiger als mit Mahlers Dritter kann man sich dafür kaum zurückmelden: Seine längste und – schönes Timing – die letzte der regulären neun Sinfonien, die noch nicht in der Elbphilharmonie gespielt wurde, 90 Minuten und damit auch ein Konditionstest für alle, insbesondere die Solo-Blechbläser; Frauen- und Knabenchor, Solistin und Posthorn-Solo als spektakulärer Special Effect von oben herab aus der Höhe des spektakulären Konzertraums; zwei Sätze mehr als die üblichen vier und ein philosophischer Exkurs über Gott und die Welt, die Natur, die Tiere und die Liebe an sich als Hintergedankengerüst. Das Schöne bei diesem Kraftakt: Man kann eigentlich nur gewinnen, schon des monumentalen Formats wegen.

Noch nicht großartig

All das lag zusätzlich zur normalen Vorabspannung mit in der Luft des Großen Saals, als Gilbert den ersten Einsatz gab und die acht Hörner das erste von Dutzenden Motiv-Ideen scharfkantig herausmeißelten. Gut anderthalb Stunden später wurden Gilbert und das Orchester mit einer Vehemenz gefeiert, die wohl auch Vertrauensvorschuss für ihn und das Residenzorchester war: so weit, so gut, so noch nicht großartig (wie soll das gehen in der üblichen Probenzeit), aber ein Signal, ein aufrichtiges Versprechen, dass man sich weiter um Mehr, Höher, Weiter bemühen will.

An Gilbert soll es handwerklich eher nicht scheitern, wenn es um solches Repertoire geht, behauptete dieses auf hohem Niveau interessante Konzert. Denn er konzentrierte sich auf die genaue Umsetzung der Musik, auf diesen überbordenden Schöpfungsakt einer Welt aus Noten, Stillen und Abgründen. Er wusste, dass es etliche Stellen gibt, die klein, aber wichtig für den Gesamteindruck sind. Es war eine Freude mitzuerleben, wie extrem der Toyota-Saal diesen Episoden zur gewünschten Wirkung verhalf. Haarfein erkennbar der allererste Marschrhythmus-Hinweis in der Großen Trommel als eines von vielen Omen, das in vielen anderen Sälen höchstens vernebelt zu hören gewesen wäre. Auch das Posthorn-Solo, durch den BR-Gasttrompeter Martin Angerer anrührend aus einem der Ränge abgeliefert, schuf aus seiner Distanz innige, idyllische Nähe.

Vermittler zwischen Noten und Orchester

Andererseits standen immer wieder auch Ideenverläufe unverwandt nebeneinander, gerade in den kleinteiligeren ersten Sätzen der zweiten Abteilung stellte sich so der spannungsmindernde Eindruck ein, hier werde das Geschehen noch durchbuchstabiert statt bereits flüssig erzählt. Die trennschärfende Akustik brachte auch bei diesem Konzert nicht automatisch alles zusammen, was zusammen komponiert wurde. Andererseits ließ Gilbert seinen Solisten große Freiräume, um sich ins Freie zu spielen: Solo-Oboist Kalev Kuljus zu Beginn des blumig naiv daherkommenden Menuetts, Solo-Hornistin Claudia Strenkert praktisch ununterbrochen, Solo-Posaunist Simone Candotto in seinen Einwänden, die requiemfinster an die schnelle Vergänglichkeit des Seins erinnerten.

Mittendrin und zentral regelnd: Gilbert, als Vermittler zwischen Noten und Orchester. Sein Mahler-Bild ist kein exaltiertes Spiegelbild eigener Befindlichkeiten, sondern ein genau beobachtendes Porträt. Den vierten Satz, mit der Vertonung der „O Mensch! Gib acht!“-Passagen aus Nietzsches „Zarathustra“, nahm Gilbert als einstimmende Ouvertüre für den sechsten und letzten Abschnitt, als mahnende Etappe auf dem steilen Weg ins erlösende, allumarmende Finale. Gerhild Rombergers Alt leuchtete hier verhalten und solide, bevor der Knabenchor Hannover brav brillierte. Ziel und Höhepunkt: die Umsetzung von Mahlers drei ersten Spielanweisungen für den letzten Satz: „Langsam. ruhevoll. Empfunden“. Aufgabe genug, um daran zu verzweifeln. Gilbert blieb verbindlich und eindringlich bei der hymnisch, himmlisch schönen Sache, ohne ins Gefühlige abzugleiten.

Großer Applaus also, große (Vor-)Freude. Dieses Konzert war Alan Gilberts erster Auftakt.