Hamburg

Haftstrafen für die Raser von Lokstedt

Der schwarze Audi stark beschädigt, der Familienvan auf dem Dach – dieses Bild bot sich den Rettern nach dem Unfall im September 2016  auf dem Lokstedter Steindamm

Der schwarze Audi stark beschädigt, der Familienvan auf dem Dach – dieses Bild bot sich den Rettern nach dem Unfall im September 2016 auf dem Lokstedter Steindamm

Foto: JOTO

Vierköpfige Familie war bei Unfall verletzt worden. Die Angeklagten hatten sich illegales Autorennen geliefert, so das Gericht.

Neustadt.  Selbst in einem wuchtigen Bus fühlt sich der kleine Simon (Name geändert) nicht mehr sicher. Ob so ein Fahrzeug nicht doch umkippen kann, fragt er immer wieder seine Mutter. Die Angst des Vierjährigen sitzt tief. Er hat erleben müssen, wie es ist, wenn ein Wagen geradezu in die Luft geht. Wenn er in die Höhe katapultiert wird und sich im Flug mehrfach überschlägt. Das Familienauto, mit dem Simon, seine sieben Jahre alte Schwester und ihre Eltern an einem Sonntagnachmittag unterwegs waren, wurde gerammt und zu Schrott gefahren, von einem hoch motorisierten Wagen. Dessen Fahrer dürfte sich auf ein brandgefährliches Kräftemessen mit extrem überhöhter Geschwindigkeit eingelassen haben: Er hatte sich, zu dieser Überzeugung kommt ein Gericht, mit einem Kumpel ein illegales Autorennen geliefert – mitten in der Stadt.

Wenn Simons Mutter von diesem Septembertag 2016 erzählt, spiegelt ihr Gesicht das Leid wider, das ihre Familie erlebte. Es grenzt an ein Wunder, dass in dem Familienvan niemand starb. „Es war, als wäre eine Bombe explodiert“, erzählt die Beifahrerin von damals als Zeugin im Schöffengerichts-Prozess gegen die beiden Raser. „Wir kamen vom Sonntagsausflug, die Stimmung war toll. Aber auf einmal knallte es hinten“, erinnert sich die Hamburgerin. „Unser Wagen wurde in die Luft geschleudert, drehte sich mehrfach. Die Scheiben zersplitterten, alles flog durcheinander.“

Die Kinder leiden bis heute und haben Albträume

Das Auto landete auf dem Dach, rutschte noch etliche Meter weit. Irgendwie schafften es Eltern und Kinder, sich aus dem Wrack zu befreien. Sie erlitten Schürfwunden, Hämatome und die Eltern jeweils ein Halswirbelsäulen-Trauma. Viel schlimmer waren die Ängste, die auch heute die Familie belasten. Die Kinder schlafen noch immer schlecht und haben Albträume wegen des damaligen Geschehens, fühlen sich in keinem Fahrzeug mehr sicher.

Den beiden Männern, die für den Unfall verantwortlich sein sollen, wird gefährliche Körperverletzung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr vorgeworfen. Laut Anklage waren beide Wagen so schnell unterwegs, dass Petar M. in seinem Audi A 7 ein Fahrbahnwechsel nicht mehr gelang und er in Lokstedt trotz Abbremsens von Tempo 108 auf 90 von hinten in den Familienvan raste. Der 34-Jährige räumt im Prozess ein, den Unfall verursacht zu haben.

Das Geschehen sei „eine Katas­trophe“, zeigt sich der schmale, bärtige Mann reumütig. Allerdings sei dem Unfall kein Autorennen vorausgegangen, beteuert der Angeklagte. Ein solches Kräftemessen wäre unsinnig, schließlich habe sein Wagen viel mehr PS als der seines Bekannten. Er habe wohl eher seiner jungen Begleitung auf dem Beifahrersitz imponieren wollen. Laut einem Gutachter waren indes beide Wagen hoch motorisiert. Es sei keineswegs ausgemacht, wer bei einem Vergleich den Sieg davontragen würde, bekundet der Sachverständige. Das hänge auch von der Fahrkunst ab.

Zweieinhalb Jahre Haft für Unfallfahrer Petar M.

Gleichwohl weist auch der zweite Angeklagte Mohammed K. den Vorwurf, er habe an einem Autorennen teilgenommen, weit von sich. Er habe seinen Audi A 5 vielmehr vor den seines Kumpels gelenkt, um diesen dazu zu bringen, langsamer zu fahren, sagt der 36-Jährige aus. „Ich bin unschuldig.“

Eine Zeugin, die an jenem Tag mit dem Rad unterwegs war, schildert, wie sie den gerammten Familienvan fliegen sah. „Ich habe den Notruf abgesetzt und geholfen, dass alle Opfer aus dem Wagen rauskommen.“ Der Fahrer des schwarzen Audi habe unbeteiligt gewirkt, geraucht und telefoniert. Und dann habe dieser zu der schockierten Mutter gesagt, sie solle sich nicht so aufregen: Es sei ja niemand gestorben. Ein 30-Jähriger erzählt, er habe gefürchtet, dass der Wagen, der durch die Luft flog, ihn treffe. Mehreren Beobachtern fiel die besonders hohe Geschwindigkeit der Autos auf. „Ich habe schon oft Rennen gesehen, aber keins war so krass wie das hier“, erzählt einer. „Ich habe gedacht, das ist mehr als Tempo 120“, erinnert sich ein anderer Zeuge.

Mohammed K. kommt mit einer Bewährungsstrafe davon

Und einer hat noch genau vor Augen, wie beide Wagen einander regelrecht gejagt haben, wild überholten und beide immer wieder die vor ihnen fahrenden Autos bedrängten und sich zwischen Lücken quetschten. Damit ist insbesondere die Aussage von Mohammed K. widerlegt, der behauptet hatte, er habe ausdrücklich das Tempo aus der Fahrt herausnehmen wollen. Anders als sein Mitangeklagter ist der 36-Jährige nicht vorbestraft. Petar M. dagegen wurde bereits mehrfach unter anderem wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis verurteilt und hatte zuletzt nur einen Führerschein auf Probe.

Das Gericht verhängt schließlich gegen Unfallfahrer Petar M. zweieinhalb Jahre Haft. Sein Führerschein wird für fünf Jahre gesperrt. Mohammed K. bekommt eine Bewährungsstrafe von einem Jahr; seine Fahrerlaubnis ist der 36-Jährige noch 17 Monate lang los.

Es habe definitiv ein Rennen stattgefunden, begründet die Vorsitzende die Entscheidung des Schöffengerichts. „Und beiden Angeklagten war bewusst, dass ihre Fahrweise geeignet war, andere zu gefährden. Und sie haben es billigend in Kauf genommen, dass etwas passiert.“ Das Unfallgeschehen sei erschreckend. „Bei vergleichbaren Unglücken hat es Tote gegeben. Diese Familie hatte einen Schutzengel.“