Hamburg

Hamburger Vater schiebt Sohn Nico im Rollstuhl nach Berlin

Bereit für den langen Weg nach Berlin: Arnold Schnittger mit seinem Sohn Nico vor dem Rathaus

Bereit für den langen Weg nach Berlin: Arnold Schnittger mit seinem Sohn Nico vor dem Rathaus

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Arnold Schnittger will 280 Kilometer zu Fuß in die Hauptstadt. Das ist sein Protest gegen die Pflegepolitik. Treffen mit Jens Spahn?

Hamburg.  Arnold Schnittger sieht am Sonnabend auf die Uhr. Es ist fünf vor 12. „Mensch Leute, ich muss jetzt echt los“, sagt er lachend zu der kleinen Menschenmenge die sich um ihn gebildet hat. Viele dieser Menschen, Krankenschwestern, Mütter, die ihre Kinder pflegen, Menschen im Rollstuhl, jung, alt, sie begleiten die Schnittgers noch ein Stück durch die Hamburger Innenstadt. Schnittger ist gemeinsam mit seinem Sohn Nico, der in seinem Rollstuhl sitzt und ob der ganzen Dinge, die um ihn herum geschehen, vergnügt lacht, auf dem Weg Richtung Bergedorf, der ersten Zwischenstation seiner Reise.

Arnold Schnittger marschiert von Hamburg nach Berlin.

Er hofft, wenn er dort am 6. April ankommt, Gesundheits- und Pflegeminister Jens Spahn zur Rede stellen zu können. Er wolle bei einem Kaffee mit Spahn sprechen, über die Situation von Menschen in Deutschland, die pflegen und von denjenigen, die gepflegt werden, über die eigenen Anliegen und besonders über seinen Sohn Nico.

Nico wurde ein bisschen schief ins Leben gebaut, wie Schnittger sagt. Er ist körperlich und geistig beeinträchtigt. Auf dem Papier steht Pflegegrad 5. Im Alltag bedeutet das, dass Nico rund um die Uhr auf Betreuung und Pflege angewiesen ist.

Jede Nacht schläft Arnold Schnittger neben dem 23-Jährigen. Der Vater steht oft mitten in der Nacht auf, um Windeln zu wechseln. Er macht Nico das Frühstück, zieht ihn an, bringt ihn von der Wohnung in Wandsbek in eine Tagesförderung. Dort bleibt Nico bis 15 Uhr. Danach fährt er wieder mit seinem Vater nach Hause, isst, wird ins Bett gebracht. „An den Wochenenden kümmere ich mich 24 Stunden um ihn“, sagt Schnittger.

Vater lebt von Sozialhilfe

Heute ist Schnittger Rentner. Damals, als festgestellt wurde, dass Nico aufgrund eines Sauerstoffmangels bei der Geburt für immer auf Hilfe angewiesen sein würde, gab der Vater seinen Job als Fotograf auf. Er erhielt Sozialhilfe, später Hartz 4. Das sei Armut durch Pflege. „Aber pflegende Angehörige sind gewiss nicht arbeitslos“, sagt er. Umso entsetzter sei er über Reaktionen von Mitarbeitern des Sozialamtes gewesen, bei denen er nicht auf Mitgefühl, sondern auf Unverständnis stieß. Einmal fragte man ihn, warum er in den Stunden, die Nico außer Haus sei, nicht arbeiten gehe. „Ich sagte: Weil auch ich mich einmal erholen muss“, erinnert sich Schnittger. Darauf habe sein Gegenüber nur abschätzig erwidert, dass auch er selbst drei Kinder trotz Job großgezogen habe.

„Als Elternteil eines behinderten Kindes wird man ein Leben lang gedemütigt“, fasst Arnold Schnittger die großen und kleinen Kämpfe, die er für sich und seinen Sohn ausgetragen hat, zusammen. Davon gibt es viele. Auf Ämtern und Behörden, vor Gericht, als er zum Beispiel Unterstützung für Nicos Transport zur Schule einklagte.

An der Pflege muss sich etwas ändern

Schnittger organisierte auch Spendenaktionen, sodass Nico bereits viermal mit Delfinen schwamm. Der Vater gründete außerdem den Verein „Nicos Farm“ mit dem Ziel, Gemeinschaftswohnraum für Menschen, die Pflege brauchen, und ihre Angehörigen zu schaffen. „Wir haben das Grundstück, jetzt fehlen uns noch Investoren“, sagt Schnittger. Mit diesem Projekt möchte er selbst „im Kleinen“ etwas ausrichten. Für ihn steht fest: „An der Situation pflegender Angehöriger muss sich dringend etwas ändern.“

Davon ist auch Hanneli Döhner von „wir pflegen“, einem Verein, der die Interessen pflegender Angehöriger vertritt, überzeugt. „Pflegende erhalten zu wenig Unterstützung“, sagt sie.

In Deutschland pflegen laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2012 4,7 Millionen Menschen ihre Angehörigen. „Obwohl sie rund drei Viertel der Pflegekräfte in Deutschland ausmachen, haben pflegende Angehörige keine große Lobby“, sagt Döhner.

Angst vor der Zukunft

Wenn man den Vater fragt, woher er all die Kraft nimmt, richtet sich sein Blick auf Nico. „Es ist unglaublich, wie viel ich zurückbekomme.“ Das lässt sich erahnen, wenn Nicos ansteckendes Lachen noch breiter wird, sobald sein Vater mit ihm spricht und ihn gelegentlich humorvoll, aber bestimmt ermahnt. Wenn der junge Mann die Hand seines Vaters sucht, sie lange und fest gedrückt hält. Der Vater lächelt, wird dann aber ernst: „Ich werde nicht ewig hier sein. Irgendwann ist Nico alt – und behindert. Er kann dann nicht für sich sprechen.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Ich habe Angst, dass ihn dann jemand in eine Ecke stellen und mit Pillen füttern wird, damit er ruhig ist.“

Auch deshalb wandert er in den kommenden Tagen nach Berlin. „Diese Aktion ist natürlich plakativ“, sagt Schnittger. Er gehe nicht davon aus, am Ende wirklich mit Jens Spahn Kaffee zu trinken. Es gehe ihm darum, möglichst viele Menschen für das Thema zu sensibilisieren. „Auch wenn ich vielleicht nichts Großes damit bewege, dann habe ich zumindest mich bewegt“, sagt er.