St. Pauli

So kämpfen Kiezwirte gegen Alkohol vom Kiosk

Kioskbetreiber für einen Abend: Olivia Jones, die eine Bar an der Großen Freiheit betreibt, und Theater-Unternehmer Corny Littmann

Kioskbetreiber für einen Abend: Olivia Jones, die eine Bar an der Großen Freiheit betreibt, und Theater-Unternehmer Corny Littmann

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Einen Abend lang verkaufen Kneipen und Clubs auf St. Pauli Dosenbier nur vor der Tür. „Kultur und Entertainment gehen vor die Hunde“

Hamburg.  Seit geraumer Zeit herrscht auf St. Pauli dicke Luft. Wirte und Clubbesitzer beklagen immer öfter, dass dort mehr und mehr Kioske eröffnen. Mit ihrer Aktion „Der ganze Kiez ein Kiosk“ protestierten sie am Freitag bereits zum zweiten Mal gegen die rund 60 Büdchen im Viertel, die auch spätabends Alkohol zu sehr niedrigen Preisen verkaufen. Die Kioske seien, da sind sich viele Wirte einig, nicht nur schlecht für das eigene Geschäft, sondern auch für die gesamte Kiezkultur.

Zwischen 18 und 19 Uhr blieben am Hamburger Berg und der Großen Freiheit, am Spielbudenplatz bis 23 Uhr die Türen zahlreicher Bars, Clubs und Kneipen und damit auch die zugehörigen WCs geschlossen. Darunter unter anderem Kiez-Institutionen wie die Große Freiheit Nr.7, die Olivia Jones Bar, und die Wilde Hilde. Die teilnehmenden Gastronomen verkaufen das günstige Bier vor der Tür.

Läden und Clubs Von Kiosken umzingelt

So auch Christian Fong von der Bierstube auf der Großen Freiheit. „Inzwischen gibt es zu viele Kioske und es werden immer mehr, hier geht es ums Überleben“, sagt er. Das bestätigt auch Christiane Bock, die Inhaberin des Sommersalons am Spielbudenplatz. „Viele Läden auf dem Kiez sind inzwischen von Kiosken umzingelt“, sagt sie. Gäste kämen teilweise nur, um die Toilette zu benutzen und gingen wieder hinaus, um dort Alkohol zu trinken.

Haben Sie Verständnis für den Protest der Kiezwirte gegen die vielen Kioske?

Die Kiezbesucher trügen mit ihrem Konsumverhalten zum aktuellen Pro­blem bei, da ist sich auch Julia Staron sicher, die den Protest mitiniziiert hat. „Wir möchten mit dem Protest insbesondere den Gästen des Viertels zeigen, wie es aussehen könnte, wenn wir hier nur noch Kioske hätten“, sagt sie. Viele Besucher geben sich an diesem Abend verständnisvoll.

Eine Gruppe junger Männer aus Belgien, die auf der Reeperbahn feiern und mit einem Bier beim Kiosk beginnen, hätten „großes Verständnis“ für die Situation der Wirte. Allerdings müssten sie auch auf die Reisekasse achten. Zwei befreundete Paare aus Berlin, die Bier vor der Olivia-Jones-Bar gekauft haben, sagen: „Wir kennen das Problem mit den Kiosken von daheim, dort machen sie auch die Gastronomie kaputt.“

Kioskbetreiber nutzen eine Gesetzeslücke

Auch Littmann sieht die Zukunft des Kiezes in Gefahr, sollten „diejenigen, die Regeln und Gesetze machen“, nicht bald etwas ändern. „Kultur und Entertainment werden hier vor die Hunde gehen“, sagt er. Er bemerke, dass beispielsweise ältere Theaterbesucher von den trinkenden Menschen auf der Straße gestört würden.

Den Kioskbetreibern selbst, so Julia Staron, mache sie allerdings keinen Vorwurf, sie nützten lediglich eine Gesetzeslücke. „Seit der Aufhebung des Ladenschlussgesetzes ist es möglich, Alkohol ohne Auflagen auszuschenken.“ Wirte müssten hingegen an Auflagen zu Brandschutz, Schallschutzmaßnahmen und Toiletten erfüllen oder Gema-Gebühren zahlen. Außerdem könnte ihnen, zum Beispiel bei Fehlverhalten der Gäste, im Gegensatz zu Kioskbetreibern auch die Konzession entzogen werden.

Auf der Großen Freiheit beklagt der katholische Pfarrer Karl Schultz von der St.-Joseph-Kirche die „Unkultur“ vieler Touristen, die zuerst in Kiosken tränken und dann an die Mauern der Kirche urinierten. Auch die Gastronomen selbst berichten von Urin, Erbrochenem, Müll, Plastikbechern, die die Kiosk-Saufgelage vieler Besucher mit sich brächten. Davon seien auch viele Anwohner betroffen.

Barbesitzerin Oliva Jones fasst die Situation auf dem Kiez so zusammen: „Die meisten sind nur noch als Kioske getarnte Kneipen, die die Gastronomie-Auflagen umgehen, um Alkohol noch billiger anbieten zu können. Das hat mit Nahversorgung nichts mehr zu tun.“ Einer dieser Lädchen ist laut Julia Staron der „St. Pauli Shop“, an der Reeperbahn. „Dort gibt es eine Außenbestuhlung, innen stehen nur Kühlschränke, nichts anderes.“

Benjamin Glensk, der in dem Kiosk arbeitet, sagt zu den Vorwürfen: „Klar, ich kann den Protest verstehen. Es geht um Existenzen, bei uns ist das aber nicht anders.“ Der St. Pauli Shop und der dazugehörige St. Pauli Shop Reloaded seien nicht so billig wie andere Kioske. „Bei uns kostet das günstigste Bier 1 Euro“, sagt er. Damit sind die Biere, die an diesem Freitag vor vielen Bars und Clubs verkauft werden, nicht günstiger, sondern genauso teuer. Die Protestierenden selbst wollen dennoch nicht locker lassen, bis der Gesetzgeber etwas an der „unfairen Bevorteilung“ der Kioske ändert. „Wir planen weitere Aktionen“, sagt Julia Staron.