Luftverschmutzung

Stickoxid-Belastung in Hamburg höher als bekannt?

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Die Luftmessstation an der Max-Brauer-Allee
in Altona

Die Luftmessstation an der Max-Brauer-Allee in Altona

Foto: picture alliance / dpa

Deutsche Umwelthilfe will bei einer Messung im Februar Überschreitungen der Grenzwerte an vielen Straßen festgestellt haben.

Hamburg.  Die Hamburger sind giftigen Stickoxiden offenbar deutlich stärker ausgesetzt als bisher bekannt. Das jedenfalls zeigen Messungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die dem Abendblatt exklusiv vorliegen. Demnach werden die EU-Grenzwerte von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) pro Kubikmeter Luft nicht nur an Kieler Straße, Max-Brauer-Allee, Stresemannstraße und Habichtstraße überschritten, wie dies seit Jahren bekannt ist. Vielmehr ist die Belastung mit dem vor allem aus Schiffsmaschinen und Dieselmotoren stammenden Atemgift an mindestens sieben weiteren Straßen höher als erlaubt.

Unter dem Motto „Decke auf, wo atmen krank macht“ hat die DUH nach eigenen Angaben vom 1. Februar bis zum 1. März bundesweit in rund 500 Orten die NO2-Belastung messen lassen. Dabei konnten sich alle interessierten Bürger beteiligen und sogenannte „Passivsammler“ außerhalb ihrer Wohnungen oder Häuser installieren.

Höchste Belastung an der Moorstraße

Die Ergebnisse der bundesweiten Aktion, die laut DUH von einem Schweizer Labor ermittelt wurden, werden heute veröffentlicht. In Hamburg wurde im Rahmen des Projekts die Belastung an 16 Straßen gemessen. An neun von ihnen lag die Belastung zum Teil weit über den EU-Grenzwerten, darunter allerdings auch Max-Brauer-Allee und Stresemannstraße, bei denen die hohe Belastung bereits durch das Luftmessnetz der Stadt bekannt war.

Die höchste Belastung wurde von der DUH dabei an der Moorstraße in Harburg mit 52,2 Mikrogramm gemessen. Es folgen Winsener Straße (50,3), Stresemannstraße (49,6), Sievekingdamm (49,4), Erika-Mann-Bogen (47,9) Ludwig-Erhard-Straße (47,5), Max-Brauer-Allee (46,2), Schulweg (45,2) und Hudtwalckerstraße (43,2). Etwas unter dem Grenzwert lagen Fuhlsbüttler Straße (38,6), Karolinenstraße (37,8), Gärtnerstraße (32,8,), Alter Postweg (31,8) und Haubachstraße (30,2). Deutlich unter dem Grenzwert blieben Fruchtallee (29,4) und Langenhorner Chaussee (27,6 Mikrogramm). Die Hausnummern werden aus Datenschutzgründen nicht veröffentlicht.

Jährlich sterben 12.860 Menschen vorzeitig

Nach Angaben der Umwelthilfe sollen die durch die Passivsammler jetzt ermittelten Werte wegen des starken Kälteeinbruchs im Februar etwa zehn Prozent unter den realen Werten liegen. Das hätten die „unabhängigen Experten des Schweizer Analyselabors Passam AG bestätigt“. Deswegen würden „bei allen Messstellen mit einem Wert ab 35 Mikrogramm zeitnah Nachmessung vorgenommen“, so die DUH.

„Nach einer Studie der Europä­ischen Umweltagentur für die EU-Kommission sterben jährlich 12.860 Menschen in Deutschland vorzeitig aufgrund der NO2-Belastung in unserer Atemluft“, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch dem Abendblatt. „Jüngste Studien zeigen, dass bereits die Belastung mit der Hälfte des aktuellen Jahresmittelwertes von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter besonders für Kinder, Schwangere, ältere oder schwache Menschen gesundheitsgefährdend ist."

Dramatische Belastung der Atemluft

Hamburg führt als erste Stadt bereits im April Diesel-Fahrverboten ein. "Die dramatische Belastung der Atemluft in Hamburg, die an deutlich mehr Straßen als bisher bekannt Überschreitungen zeigt, sollte die Stadt dazu veranlassen, diese Fahrverbote auf die Innenstadt auszudehnen“, so Resch. „Nur durch konsequente Diesel-Fahrverbote wird die Autoindustrie ihre schmutzigen Betrugs-Diesel technisch nachrüsten. Nur im Realbetrieb und gerade auch in den Wintermonaten tatsächlich sauberen Fahrzeuge werden künftig von den in Dutzenden Städten notwendigen Fahrverboten ausgenommen sein.“

Wie die Stadt die Qualität ihrer Luft misst

Die Hamburger Umweltbehörde mochte sich dieser Empfehlung nicht anschließen – und übte auch grundsätzliche Kritik an der Erhebung der Deutschen Umwelthilfe. „Die Messreihe der DUH ist nur wenig aussagekräftig und allenfalls eine Ergänzung zu den Daten des Hamburger Luftmessnetzes“, sagte Umweltbehördensprecher Jan Dube.

Problem der DUH-Messreihe

„Nicht nachvollziehbar ist für uns der pauschale Aufschlag und nach welchen Maßstäben die Daten erhoben wurden. Würde man mit den sogenannten Passivsammlern über ein ganzes Jahr lang messen, dürften die Werte nah an den Jahresmittelwerten der offiziellen Luftmessstationen liegen. Ein weiteres Problem der DUH-Messreihe ist, dass die Daten nur über 28 Tage gemessen wurden – und damit nicht aussagekräftig genug sind.“ Dabei beruft sich die Behörde auch auf Einschätzungen des Umweltbundesamtes.

An den geplanten und bereits beschlossenen zwei Durchfahrtsbeschränkungen halte die Stadt fest, so Dube. „Weitere sind nicht geplant und auch nicht notwendig. Für den Luftreinhalteplan hatten wir vorab gründlich berechnet und geprüft, ob es durch die Durchfahrtsbeschränkungen anderorts zu überhöhen Werten kommen könnte“, sagte der Sprecher von Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). „Auf den Ausweichrouten wird es nicht zu neuen Überschreitungen der EU-Grenzwerte kommen.“

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