OMR-Festival

Die digitalen Rockstars in den Hamburger Messehallen

Wer auf der Bühne der Online Marketing Rockstars steht, wird gefeiert – ganz gleich, ob er Unternehmer wie hier Gary Vaynerchuk oder echter Rockstar ist

Wer auf der Bühne der Online Marketing Rockstars steht, wird gefeiert – ganz gleich, ob er Unternehmer wie hier Gary Vaynerchuk oder echter Rockstar ist

Foto: Julian Heike/OMR

Diese Woche erwarten die Macher des OMR-Festivals mehr als 40.000 Besucher in den Hamburger Messehallen.

Hamburg. Eine Menschenkette. Immer noch am effektivsten, wenn es gilt, in kurzer Zeit Dinge zu bewegen. In diesem Fall eine Palette Jack Daniels und Leibniz Kekse. Von Hand zu Hand werden sie das Treppenhaus hoch bis in die zweite Etage des Hauses in der Lagerstraße transportiert. Ramp 106 GmbH steht etwas unscheinbar am Eingang, doch hier wird eine der weltweit größten Veranstaltungen der Digitalbranche organisiert: das Online Marketing Rockstars Festival, abgekürzt OMR. Am Donnerstag und Freitag findet es in sechs Hallen der Hamburger Messe statt, und jetzt in der heißen Phase muss wirklich jeder der 75 Mitarbeiter mit anpacken, egal, ob Whiskey geschleppt oder Kabel verlegt werden müssen.

Auf der Messe wird mehr Technik verbaut als auf dem ganzen Wacken-Festival, doch zu den Superlativen kommen wir später noch. Erst mal irritieren die Kondome und die Feuchtigkeitsampullen, die neben vielen weiteren Kisten auf dem Flur vor den Büros liegen. „Nicht wundern“, sagt ein Mitarbeiter, „alles Teil des Events.“ Die Kondome werden noch mit Aufklebern versehen und auf den Toiletten der Messe ausgelegt, die Ampullen sollen die Fahrer der Audis, die die Leute abends in die Hotels zurückbringen, mit der Versprechung verteilen: „Tragen Sie das auf, morgen sehen Sie aus wie neu.“

Es sieht so aus, als wollten sie die Welt erobern

Der Anspruch ist, an alles zu denken, den Besuchern nicht nur interessante Vorträge von erfolgreichen Online-Experten und Auftritte cooler Bands zu bieten, sondern ein rundum „Well, das ist ja geil hier“-Gefühl zu vermitteln.

Vergangenes Jahr waren 26.000 Menschen Teil dieser „Experience“ (so sagt man heute, wenn man von besonderen Erlebnissen spricht), in diesem Jahr wollen 40.000 Menschen dabei sein, dazu 300 Aussteller und 300 „Speaker“ (so nennt man heute die Vortragenden); das Event hat sich im Vergleich zu 2017 fast verdoppelt. Wenn man bedenkt, dass das Ganze vor sieben Jahren mit einer „Schnapsidee“ und 200 Teilnehmern begann, erscheint das Wachstum fast größenwahnsinnig. „Nein, wir sind nicht verrückt. Sieht vielleicht so aus, als wollten wir die Welt erobern, wollen wir vielleicht sogar, aber wir wissen genau, was wir tun“, sagt Jasper Ramm. Während sich der Gründer des OMR-Festivals Philipp Westermeyer (siehe Interview) vor allem um die Inhalte des Events kümmert, verantwortet Ramm eigentlich den ganzen Rest.

Der 31-jährige Produktionsleiter trägt Turnschuhe, „unbedingt mit Einlagen“, denn während des Aufbaus, der jetzt gerade läuft, legt er mehr als 100 Kilometer eher joggend als gehend zurück. Als sich in der Nacht von Sonntag auf Montag die Tore der Messe öffneten, schickte Ramm 1314 Arbeiter gleichzeitig auf das Gelände. Dazu 70 Lkw, die die Möbel transportieren, aus denen die Bühnen, die Messecounter und die größte Garderobe der Welt mit insgesamt 40.000 Haken entstehen.

Ramm hatte sich mit ein paar Kollegen lange den Kopf darüber zerbrochen, wie man so viele Besucher durch nur zwei Messeeingänge auf das Gelände bekommt, ohne dass lange Wartezeiten entstehen. Er hat sich mit Schlangentheorien beschäftigt und schließlich ein System entwickelt, bei dem für jeden Besucher 35 Sekunden nach der Akkreditierung vorgesehen sind: Garderobe abnehmen, Ticket kontrollieren, einen „Guten Tag“ wünschen. Vor allem auf Letzteres legt Ramm Wert, sie wären nie so groß geworden, wären sie nicht so freundlich zu allen Besuchern und Partnern, glaubt Ramm.

Hanna Horz hat immer ein offenes Ohr

„Möchtest du einen frisch gepressten Orangensaft, Jasper?“ fragt eine Kollegin. Hanna Horz heißt die aufmerk­same Dame, die eine interessante Berufsbezeichnung trägt: Feel-Good-Managerin. Als solche bereitet sie liebe- volle Frühstücke und Nachmittagssnacks zu, geht durch die Büros mit Getränken, hat auch mal ein Pflaster oder eine Aspirin zur Hand und immer ein offenes Ohr, sollte einen Mitarbeiter ein Problem quälen. „Ich bin wie eine Mutti für alle, das klingt etwas komisch, aber ich finde meine Aufgabe ausgesprochen sinnvoll“, sagt Horz.

Die Kollegen würden wenig schlafen und viel arbeiten. Um bei dieser Belastung nicht krank zu werden, brauche es Vitamine, Massagen und auch mal den Duft von Waffeln, der über den Flur weht. „Jedes Unternehmen profitiert, wenn sich seine Mitarbeiter wohlfühlen“, sagt Horz. Man würde sie am liebsten gleich mitnehmen. „Nee, nee, Hanna bleibt hier!“, sagt ein junger Typ, der gerade 28.000 Rollen Toilettenpapier für das zweitägige Festival geordert hat.

Man will jeden Wunsch erfüllen

Jasper Ramm trinkt artig sein Vitamin C und rechnet mal wieder. Stromverbrauch. Schwieriges Thema. Vor allem für die Aktion, die die OMR-Macher sich für den Platz vor der Messe ausgedacht haben. Mit den stärksten Scheinwerfern der Welt wollen sie Hamburg zum Mittelpunkt des Globus machen. Sollten die Sicherungen halten, wird das Licht sogar aus dem All zu erkennen sein. „Macht wirtschaftlich keinen Sinn, doch alle werden sich fragen, wo dieses Leuchten herkommt“, sagt Ramm.

Doch ganz verrückt sind sie nicht, die digitalen Rockstars. Es gibt Grenzen. In den Verhandlungen mit Künstlern haben sie von Sofafarben bis Blumensorten in der Garderobe schon viele Extra-Wünsche erlebt, die meisten können sie erfüllen. Oft denken sie sich sogar selbst Überraschungen für die Stars aus. Für den Metallica-Drummer Lars Ulrich, der in diesem Jahr dabei sein wird, hat Ramm beispielsweise eigene Schuhe anfertigen sowie einen Abend lang die ganze Etage von „Just Music“ im Bunker reservieren lassen.

Nur für den Fall, dass Ulrich Lust verspürt, ungestört trommeln zu wollen. Aber die Wunschliste des Musikers Snoop Dogg verblüffte selbst den Alles-ist-möglich-Experten Jasper Ramm. Zwölf verschiedene Sorten Marihu­ana inklusive ganz bestimmter Aufbewahrungsboxen soll der amerikanische Rapper gefordert haben.
Da mussten selbst die jungen Wilden passen.