Ochsenzoll

Das Dorf der Geisteskranken in Langenhorn

Der Wasserturm auf dem Gelände des Krankenhauses im Jahr 1914

Der Wasserturm auf dem Gelände des Krankenhauses im Jahr 1914

Foto: Langenhorn-Archiv

Vor 125 Jahren wurde in Langenhorn eine „Irrenkolonie“ errichtet, die später unter dem Namen Ochsenzoll bekannt war.

Hamburg. Ende des 19. Jahrhundert explodierte Hamburgs Bevölkerungszahl geradezu, und in nie gekannter Geschwindigkeit mussten Wohnhäuser und öffentlich Gebäude wie Schulen und Krankenhäuser gebaut werden. Hatte die Stadt 1880 noch 454.000 Einwohner, waren es 1906 schon 899.000. Naturgemäß stieg auch die Zahl der Geisteskranken, eine Tatsache, die den Stadtvätern zunehmend Sorgen bereitete. Denn um 1890 gab es in Hamburg nur die Irrenanstalt Fried­richsberg, die mit ihren rund 1200 Betten längst an der Kapazitätsgrenze angekommen war.

1888 entwarf der Amtsarzt (Physikus) Carl Reinhardt ein Memorandum, das Senat und Bürgerschaft vorgelegt wurde. Darin berechnete er die Fallzahlen bei „Irren“ in staatlicher Obhut und empfahl dringend den Bau einer weiteren Anstalt. Die Erweiterung der Anlage Friedrichsberg, die zunächst angedacht war, verwarf Reinhardt – mit bemerkenswerten Argumenten. Unter anderem schrieb der Mediziner, dass dort nicht ausreichend Fläche vorhanden sei: „Ohne genügend landwirtschaftliches Areal zur Beschäftigung der Kranken sinkt (…) eine Irrenanstalt auf das Niveau einer bloßen Bewahr- und Siechanstalt herab.“ Ohne die „erzieherische Wohltat eines größeren Maßes von Freiheit und einer regelmäßigen, nutzbringenden Beschäftigung“ liefen die Patienten unter anderem Gefahr, „geistig und moralisch gänzlich zu verkommen“.

Reinhardts Vorstellungen von der Einrichtung waren erstaunlich modern

Reinhardt schlug stattdessen eine landwirtschaftliche Kolonie im Zusammenwirken mit Friedrichsberg vor – sozusagen eine Außenstelle, in der geeignete Patienten wohnen und arbeiten könnten. Seine Vorstellungen von dieser Einrichtung wirkten wiederum erstaunlich modern. Unter anderem schrieb er: „Sodann muss man darauf bedacht sein, dem Ganzen so viel wie möglich den Anstrich eines wohlhabenden Dorfes zu verleihen, weil sich die Kranken dann dort am wohlsten fühlen werden.“

Reinhardts Gutachten überzeugte. Eine städtische Kommission besichtigte kurze Zeit später mehrere infrage kommende Grundstücke und entschied sich nach einigem Hin und Her für ein 75 Hektar großes Gelände in Langenhorn, weit vor den Toren Hamburgs. Für die neuen Häuser veranschlagten Experten 480.000 Mark, für das Inventar 56.500 Mark. Die Kolonie wurde in den Jahren 1892 und 1893 erbaut und bestand zunächst aus neun Gebäuden. Die Anlage erhielt, wie geplant, einen bewusst dörflichen Charakter. Dazu wurden, umgeben von einer Wald- und Heidelandschaft, kreisförmig Straßen angelegt, an denen kleinere Gebäude lagen.

Schon vor der Eröffnung kamen die ersten Patienten

Als offizielles Eröffnungsdatum der „Irrenkolonie“ gilt der 1. April 1893. Allerdings waren 20 arbeitsfähige Patienten und ein Verwalter schon 1892 in die Gegend gezogen und im alten Zollhaus am Ochsenzoll, der Grenze zum preußischen Schleswig-Holstein, untergebracht worden.

Diese Ortsbezeichnung trug wesentlich dazu bei, dass das aus der einstigen Kolonie entstandene Krankenhaus umgangssprachlich oft als Ochsenzoll bezeichnet wurde, obwohl es über viele Jahrzehnte offiziell gar nicht so hieß. Im Lauf der Jahre wurde die Klinik mehrmals umbenannt, unter anderem in Staatskrankenanstalt Langenhorn (1918) und Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn (1938). Erst 1953 folgte der offizielle Name Allgemeines Krankenhaus Ochsenzoll.

Während des Ersten Weltkriegs stieg die Todesrate stark

Da die Anlage weit vom Hamburger Stadtzentrum entfernt lag, konnte sie lange nicht ans öffentliche Wassernetz angeschlossen werden. Stattdessen wurden von 1892 an Brunnen mit einem Pumpenhaus und nacheinander drei kleinere Wassertürme gebaut, von denen heute keiner mehr steht. Wegen des steigenden Wasserverbrauchs ließ die Krankenhausverwaltung 1913 einen großen Wasserturm errichten, der immer noch erhalten ist.

Nach 1914 fielen immer häufiger Schatten auf das ehemals fortschrittliche Krankenhaus. Während des Ersten Weltkriegs stieg die Todesrate stark, allein im Jahr 1917 starben dort 500 Patienten – meist an Unterernährung und Tuberkulose. „Die allgemeine Einstellung zu Geisteskranken brachte es bei der herrschenden Not mit sich, dass Lebensmittel zuerst bei ihnen eingespart wurden“, heißt es in der Kranken­haus-Festschrift zum 100. Jubiläum. Und weiter: „Es zeigen sich hier Tendenzen, die zwanzig Jahre später (...) auf grausame Weise perfektioniert wurden.“

Tausende Insassen wurden in der Nazi-Zeit ermordet

In der Tat begann mit der nationalsozialistischen Herrschaft das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Krankenhauses: Im Rahmen der NS-Euthanasie brachte man fast 6000 Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen aus Hamburg in landesweite Tötungs- oder „Verwahranstalten“, von denen mehr als 4700 nachweislich ermordet wurden. Die überwiegende Zahl dieser Transporte kam aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn.

Außerdem war das Krankenhaus Standort einer der beiden „Kinderfachabteilungen“, in denen Minderjährige mit Behinderung als „lebensunwertes Leben“ getötet wurden. Auch der erste Hamburger Euthanasie-Transport stammte aus Langenhorn: 136 jüdische Patientinnen und Patienten wurden am 23. September 1940 von dort nach Brandenburg deportiert und dort noch am selben Tag in einer Gaskammer ermordet.

Es dauerte sehr lange, bis dieser Teil der Krankenhausgeschichte aufgearbeitet wurde.

Im Jahr 1998 wurden die beiden – bis dahin eigenständigen – benachbarten Allgemeinen Krankenhäuser Ochsenzoll und Heidberg unter der Regie des Landesbetriebs Krankenhäuser (LBK) zum Klinikum Nord zusammengeschlossen, wobei die Bezeichnung Betriebsteil Ochsenzoll (und auch Betriebsteil Heidberg) seitdem weiterhin mit genannt wird.

Mit dem Teilverkauf des LBK an die Asklepios Kliniken im Jahr 2006 erfolgte die erneute Umbenennung: Die Asklepios Klinik Nord ist heute eine der größten Fachkliniken für Psychiatrie und Psychotherapie Deutschlands. Auf verblüffende Weise ist die Betreuung psychisch Kranker am Standort Ochsenzoll also eine Konstante. Und das seit mittlerweile 125 Jahren.

Zum Gedenken

Ein großer Teil des ehemaligen Betriebsgeländes Ochsenzoll wurde inzwischen mit Wohnungen bebaut („Oxpark“), darunter auch das Areal um den Wasserturm. Ein kleinerer Teil ist in der Asklepios Klinik Nord aufgegangen.

Mit der Geschichte des Krankenhauses beschäftigt sich unter anderem die Stiftung „Freundeskreis Ochsenzoll“. Um über Langenhorn als zentralen Ort der NS-Euthanasie zu informieren, wurde dort eine neue Gedenkstätte geschaffen, die im Rahmen eines „Ochsenzoller Nachmittags“ am 2. Mai um 15 Uhr in Anwesenheit von Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks eingeweiht wird.