Ausstellung

„The Polaroid Project“: Die Magie der Momentaufnahme

Den Moment festhalten, und das sofort: Das ging im Prä-Smartphone-Zeitalter am besten mit einer Polaroid-Kamera

Den Moment festhalten, und das sofort: Das ging im Prä-Smartphone-Zeitalter am besten mit einer Polaroid-Kamera

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Die neue Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe erzählt von den vielfältigen Möglichkeiten des Sofortbilds.

Hamburg.  Es war die reine Magie, damals, anno 1947, als der Physiker ­Edwin Herbert Land am 21. Februar bei einer Veranstaltung der ­Optical Society of America in New York auf einen Knopf drückte. Zuerst war Land sprachlos, 90 Sekunden nach ihm das Fachpublikum. Denn auf der leeren Folie, die Land aus seiner Spezial-Kamera gezogen hatte, materialisierte sich aus dem vermeintlichen Nichts dank eines neuen Chemie-Gebräus aus dem vermeintlichen Nichts ein Polaroid-Bild. Ein Urknall der modernen Fotografie.

Gut 70 Jahre später ist dieser Trick kinderleicht auf ­jedem Smartphone nachmachbar; man kann für höchstens einige Euro entsprechende Apps kaufen, die das analoge Kamera-Geräusch zur Nostalgiesättigung des Nutzers reproduzieren, und etliche Filtereffekte, um liebenswürdig ­unvollkommenen Retro-Schimmer auf die immer perfekteren Display-Farben zu ­legen.

Wedeln oder unter die Achsel schieben

Jedermann sein eigener Fotograf. Kein tagelanges Warten mehr auf den Umschlag aus dem Labor und die teuer ­erkaufte Enttäuschung danach. Wie bei der ewigen Grundsatz-Frage „Stones oder Beatles?“ gab es zwei Philosophie-Schulen für die Polaroid-Wartezeit: Wedeln, das kommende Bild, oder es als schnellen Brüter unter die Achsel schieben? Sofortige Ergebniskontrolle jedenfalls, und was da nicht gefiel, wurde einfach nochmal ­abgelichtet. Das Foto als eben noch vorhandener und schon aufs Papier ­gebannter Moment.

In den Boomzeiten dieser Kulturtechnik soll in rund 60 Prozent aller US-Haushalte eine Polaroid-Kamera vorhanden gewesen sein. Kein Wunder, dass sich nicht nur Künstler aus allen Sparten der Bildenden Kunst, sondern auch Wissenschaftler mit Begeisterung über dieses neue Material hermachten. Und dann war da noch eine andere bahnbrechende Eigenschaft: „das Foto als soziales Event“, wie Esther Ruelfs, Leiterin der Sammlung Fotografie am Museum für Kunst und Gewerbe (MKG), die verbindende Gruppendynamik des Wartens und Staunens nannte, bevor es Instagram und Snapchat gab.

„The Polaroid Project“ erzählt viel über die Kunstform Sofortbild

„The Polaroid Project“, eine in ihrem Konzept-Inneren buntschillernde Hommage an das Sofortbild und seine Möglichkeiten, erzählt jetzt im MKG nicht nur viel über die Kunstform Polaroid, die schon so oft totgesagt und dennoch zurück ins Leben geliebt wurde, sondern auch das steile Auf und das tragische Ab ihrer Marketing-Idee. Denn Polaroid ist stets auch ein optimistischer, klassischer american dream gewesen, der sich verkaufen sollte. Eine der cleveren Ideen war das „Artist Support Program“ – Gratis-Filmmaterial an Künstler verteilen, verbunden mit der Bitte, einige der Resultate zu ­erhalten. So entstanden im Laufe der Jahrzehnte wild wuchernde Sammlungen, die den Grundstock der internationalen Wanderausstellung bilden.

Als Land sein Unternehmen an den Markt brachte, engagierte er Ansel Adams, den vor ­allem für seine elegisch majestätischen Panoramen bekannten Landschaftsfotografen, um der neuen Marke Polaroid den nötigen Glamour und Glaubwürdigkeit zu verleihen. Ein kleines, fast übersehbares Bergmassivchen, ­typisch Adams, erinnert in gehobener Briefmarken-Größe daran.

Auch Warhol ist mit einigen Kleinformaten vertreten

Als es aber bergab ging mit Polaroid, weil es bergauf ging mit diesem neumodischen Internet, wurde das Pop-Sternchen Britney Spears gebucht. Sie machte für eine Print-Anzeige mit dem rundgelutschten Kameramodell I-Zone rührend alberne Bilder von ihrem Gesicht und ihrem Bauch­nabel. Das Wort „Selfie“ hätte man ­damals höchstens für einen schlimmen Schreibfehler gehalten.

Beim Abgehen der Fotowände, die Bilder in so ziemlich allen Formaten zeigen, kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wie viel Schöpfungskraft in den Filmkassetten verborgen war, als hätte es nur darauf gewartet, freigelassen zu werden. Natürlich dürfen Klassiker des Genres nicht fehlen, ikonische und porentief ausgeleuchtete Promi-Porträts wie ­jenes, das Chuck Close von Hillary Clinton machte. Der weißblonde Dauerschnappschütze Andy Warhol ist mit einigen Brieftaschenformaten ebenso vertreten, auch Robert Mapple­thorpe, erstaunlich ­jugendfrei. Wirklich spannend, weil komplett unerwartbar wird es allerdings jenseits der populären Namen, wenn die Vielfalt ihrer Verfremdungs-Ideen ins Sofortbild tänzelt: Für einen Matrjoschka-artigen Zyklus hat Damien Hustinx eine Farbpalette wieder und wieder fotografiert, bis nur noch eine endlose Rahmen-Flucht übrig bleibt.

Ein kleiner Klick für Charles Duke. Ein großer für die Menschheit

Das vielleicht rührendste, übermenschlich größte, großartigste, auf ­jeden Fall aber weitestgereiste Bild in der Ausstellung entstand im April 1972. Es kommt wie eine graue Maus ­daher: staubiger Boden wie in der Wüste, dazu der Teil eines Fußabdrucks. Doch das Hauptmotiv des Fotos ist das luftdicht verpackte Foto seiner Familie, das der NASA-Astronaut Charles Duke beim Mond-Besuch der Apollo-16-Mission ablichtete. Ein kleiner Klick für ihn. Ein großer für die Menschheit.

„The Polaroid Project“ bis 17. Juni im Museum für Kunst und Gewerbe. Der Katalog ist bei Hirmer erschienen, die Museumsausgabe kostet 39,90 Euro, die Buchhandels-Aus­gabe 49,90 Euro. www.mkg-hamburg.de