Schüsse in Neuallermöhe

Schwager erschossen: War es Mord, oder war es Totschlag?

Ermittler der Polizei fotografieren am Tatort (Archivfoto)

Ermittler der Polizei fotografieren am Tatort (Archivfoto)

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Staatsanwaltschaft und Nebenkläger wollen erreichen, dass der Mann im neuen Prozess wegen Mordes schuldig gesprochen wird.

Hamburg. Immer wieder drückte der Mann ab. Zehn Schüsse feuerte er so auf seinen Schwager, aus einer Distanz von wenigen Metern. Sechs Kugeln trafen das Opfer in Kopf und Rumpf, der 28-Jährige erlag kurze Zeit später seinen schweren Verletzungen. War diese Tat vom 5. Juni 2016, verübt an einem Sonntagnachmittag in einem Wohngebiet in Neu-Allermöhe, ein Mord, der eine lebenslange Freiheitsstrafe zur Folge hätte? Oder war es Totschlag?

Diese Frage soll nun in einem erneuten Prozess vor dem Schwurgericht geklärt werden. In einem ersten Verfahren vor einem Jahr hatte der 35 Jahre alte Angeklagte Alexander R. eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren und drei Monaten wegen Totschlags sowie Verstoßes gegen das Waffengesetz erhalten. Der Täter habe das Opfer „quasi hingerichtet“, hatte die Vorsitzende Richterin seinerzeit betont. Allerdings seien Mordmerkmale bei dem Verbrechen nicht festzustellen, so die Kammer damals. Insbesondere sei das Opfer nicht arglos gewesen, weil es schon längere Zeit vor der Zeit Streitigkeiten sowie eine Bedrohung gegeben habe. Der 28-Jährige habe „erkannt, dass sein Schwager ihn angreifen“ könne, er habe „damit gerechnet“, hieß es seinerzeit in dem Urteil. Damit liege keine Heimtücke vor. Dagegen gingen Staatsanwaltschaft und Nebenklage in Revision; der Bundesgerichtshof hob daraufhin das Urteil auf. Zu bedenken sei, so die höchsten Richter, dass das Opfer dem Angeklagten zum Zeitpunkt der Tat den Rücken zugewandt habe. Das könne „ein Zeichen für Arglosigkeit“ sein.

Zum Auftakt der neuen Verhandlung betonte der Vorsitzende Richter: „Wir fangen bei Null an.“ Das gelte sowohl für die Frage, welcher Tathergang im Prozess festgestellt werde als auch für die rechtliche Würdigung.

Angeklagter wollte seinen Schwager zunächst zur Rede stellen

Wie schon im ersten Prozess räumte Alexander R. am Montag ein, auf seinen Schwager geschossen zu haben. Vorausgegangen sei ein länger andauernden Konflikt innerhalb der Familie, so der kräftige Mann mit dem rasierten Schädel. Das spätere Opfer habe wiederholt Drohungen ausgesprochen und sei auch gewalttätig gegen dessen Frau, die Schwester des Angeklagten, geworden. Auslöser für die Eskalation sei an jenem Tag eine Unterhaltung mit seiner Nichte gewesen, die ihm erzählt habe, der 28-Jährige habe „Mama geschlagen. Und ich habe das gesehen und geweint“, soll das Mädchen demnach gesagt haben, schildert Alexander R. Dann habe er bei seiner Schwester „ein überschminktes Veilchen“ gesehen. Daraufhin habe er seinen Schwager zur Rede stellen wollen.

Als Alexander R. den 28-Jährigen später traf, war dieser mit dem Rad unterwegs. „Ich sagte: Lass meine Familie in Ruhe“, erzählte der Angeklagte nun. Doch sein Widersacher habe abfällig reagiert. Daraufhin habe er gedroht, er werde seinen Schwager erschießen, wenn die Übergriffe nicht aufhören. „Ich habe ihm meine Waffe gezeigt und gesagt, ich meine das Ernst.“ Doch der 28-Jährige habe nur gelacht und sei weggeradelt. Daraufhin sei bei ihm wohl „eine Sicherung durchgebrannt“, formulierte der Angeklagte. „Ich habe einfach die Waffe gezogen und geschossen.“ Später zu Hause habe er „erst realisiert, dass ich ihn getötet haben könnte“. Der Prozess wird fortgesetzt.