Hamburg

Mehr Fußgängerunfälle, aber weniger verunglückte Kinder

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Im September 2017 schleuderte ein Auto bei einem Verkehrsunfall auf dem Steindamm gegen einen Fußgänger

Im September 2017 schleuderte ein Auto bei einem Verkehrsunfall auf dem Steindamm gegen einen Fußgänger

Foto: Michael Arning / HA

Innensenator Grote und Polizeipräsident Meyer haben die Verkehrsunfallbilanz 2017 vorgestellt. Die Ergebnisse – und Reaktionen.

Hamburg.  Die Verkehrssicherheitsbilanz für das Jahr 2017 hat gleich mehrere erfreuliche Nachrichten: Zum ersten Mal seit drei Jahren hat es auf Hamburgs Straßen im vergangenen Jahr seltener gekracht – die Zahl der Verkehrsunfälle ging um 551 oder 0,8 Prozent auf 67.881 zurück. Bei diesen verunglückten 242 Menschen weniger als im Vorjahr. Und: Die Zahl der verunglückten Kinder sank auf einen neuen historischen Tiefststand. Das geht aus der Straßenverkehrsbilanz 2017 hervor, die Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD), Polizeipräsident Ralf Martin Meyer und der Leiter der Verkehrsdirektion, Ulf Schröder, am Donnerstag vorstellten.

Auffällig ist der Rückgang der Anzahl der Unfälle mit Personenschaden um 3,1 Prozent (9596 Verletzte). Dafür stieg die Zahl der Schwerverletzten leicht um 20 (plus 2,4 Prozent). „Die Zahl der Verunglückten je 100.000 Einwohner erreichte mit 530 den zweitniedrigsten Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 1953“, teilte die Innenbehörde mit. Nur 2010 war das Risiko, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden, noch geringfügig niedriger.

86 Fußgänger verunglückt, 13 getötet

28 Menschen kamen im Straßenverkehr ums Leben (2016: 29), darunter 13 Fußgänger. Unter den Verkehrstoten war 2017 kein Kind. Bei Verkehrsunfällen mit aktiv am Straßenverkehr teilnehmenden Kindern (bis 14 Jahre) verzeichnet die Polizei eine geringe Steigerung um zwei Prozent (plus elf). Unterm Strich bleibt die Anzahl dieser Verkehrsunfälle mit 572 aber auf einem niedrigen Niveau. „Im Verhältnis bedeutet dies, dass Kinder 2017 an lediglich 0,8 Prozent der Verkehrsunfälle aktiv beteiligt waren“, betonen Polizei und Innenbehörde. Die bereits 2016 auf einen historischen Tiefststand gesunkene Anzahl der verunglückten Kinder verringerte sich noch einmal um 1,3 Prozent auf 671.

Jedoch ist die Zahl der Verkehrsunfälle mit Fußgängern angestiegen. Mit 1498 Unfällen gab es vier Prozent mehr als im Jahr zuvor, im Jahr 2015 wurden noch 1535 Verkehrsunfälle dieser Art registriert. Die Polizei wies darauf hin, dass die Zahlen deutlich machten, dass immer wieder starke Schwankungen in diesem Bereich festzustellen seien. Die Zahl der verunglückten Fußgänger ist um 8,2 Prozent (+86) gestiegen, 13 wurden getötet.

„Wir werden Fokus auf Verkehrsunfälle mit Fußgängern richten“

Die Polizei betonte, dass Fußgänger immer wieder unachtsam die Fahrbahn betreten und dabei verunglücken würden. Wichtig sei, sich als Fußgänger nicht durch Smartphones oder Musik aus dem Kopfhörer vom Straßenverkehr ablenken zu lassen.

„Die Entwicklung der Verkehrsbilanz ist insgesamt erfreulich, kann uns in manchen Bereichen aber nicht zufriedenstellen“, sagte Polizeipräsident Ralf Martin Meyer. „Wir werden insbesondere den Fokus auf Verkehrsunfälle mit Fußgängern richten und unsere präventiven Maßnahmen in diesem Bereich noch intensivieren.“

Grote kündigte neue Geschwindigkeitsüberwachungsanlage an

Hauptunfallursachen bei Verkehrsunfällen, bei denen Menschen zu Schaden kamen, waren erneut überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit, mangelnder Sicherheitsabstand, Verstöße gegen die Vorfahrtsregeln und Rotlichtmissachtungen. In 37,3 Prozent der Fälle wurden diese Ursachen festgestellt.

Auch Innensenator Andy Grote zeigte sich überwiegend zufrieden mit der Verkehrsunfallbilanz und sprach von einem Erfolg, für den er sich bei der Polizei bedankte. „Die aktuelle Zunahme der Fußgängerunfälle zeigt jedoch beispielhaft, dass wir unsere Anstrengungen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit immer konsequent weiterentwickeln müssen“, sagte Grote.

Da zu schnelles Fahren nach wie vor eine der Hauptursachen für schwere Unfälle ist, müssten die Geschwindigkeitskontrollen verstärkt werden, so der Innensenator. „Um hier noch besser zu werden, werden wir in diesem Jahr erstmals neue mobile Geschwindigkeitsüberwachungsanlagen erproben."

Kritik von der CDU

Scharfe Kritik übte die CDU-Bürgerschaftsfraktion. „Hamburgs Straßen bleiben ein gefährliches Pflaster", sagte der CDU-Verkehrsexperte Dennis Thering und verwies darauf, dass es in Hamburg rund 186 Mal auf den Straßen kracht. "Hamburg ist damit von der Umsetzung der von SPD und Grünen beschworenen Verkehrsfiktion der ‚Vision Zero‘ nach wie vor meilenweit entfernt." Die 13 Fußgänger, die bei Verkehrsunfällen zu Tode gekommen sind, müssten alle Alarmglocken schrillen lassen, so Thering. "Die Anliegen der Fußgänger wurden seit 2011 komplett ignoriert." Der CDU-Politiker monierte, dass die kürzlich eingeführte Gehweg-Offensive viel zu spät komme: "Das hat mit seriöser Verkehrspolitik nichts zu tun."

Grüne: "Verdoppelung der Anzahl der tödlich verunglückten Fußgänger alarmierend"

Auch die Grünen sehen die Verkehrsunfallbilanz ambivalent. "Einerseits freut es mich, dass die Zahl der Unfälle, der Verunglückten insgesamt sowie der verletzten Kinder weiter rückläufig ist", sagte Martin Bill, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Bürgerschaftsfraktion. Andererseits seien 28 Menschen bei Verkehrsunfällen zu Tode gekommen. "Das verpflichtet uns, im Bereich der Verkehrssicherheit nicht nachzulassen", sagte er. Bill betonte, dass Überwachung, Prävention und Aufklärung weiter ausgebaut werden müssten. "Alarmierend ist die Verdoppelung der Anzahl der tödlich verunglückten Fußgängerinnen und Fußgänger", sagte der Grünen-Politiker. "Sie belegt aber auch, dass wir mit unserer Offensive für den Fußverkehr richtig liegen."

Linke: "Rasen auf Hamburgs Straßen muss gestoppt werden"

Die Linken-Bürgerschaftsfraktion fordert im Zusammenhang mit der Verkehrsunfallbilanz 2017 Tempo 30 auch auf den Hauptverkehrsstraßen. „Wer gehofft hatte, dass der letztjährige Anstieg um neun Verkehrstote nur ein trauriger Ausrutscher war, wird nun eines Besseren belehrt“, kritisierte die Linken-Verkehrsexpertin Heike Sudmann. „Das Rasen auf den Hamburger Straßen muss gestoppt werden. Geschwindigkeitskontrollen alleine würde jedoch nicht ausreichen. "Der Senat muss für die Gesundheit der Menschen und für die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer mehr tun", sagte Sudmann. "Dazu gehört vor allem Tempo 30, auch auf den Hauptverkehrsstraßen.“

( coe )

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