Protestaktion

Warum vor dem Hamburger Rathaus ein nackter Luther steht

Künstler David Farago zeigt die dunkelste Seite im Leben des Reformators Luther auf der Rückseite der Plastik:  „Sieben Maßnahmen gegen die Juden“ sind auf dem Mantel aufgelistet

Künstler David Farago zeigt die dunkelste Seite im Leben des Reformators Luther auf der Rückseite der Plastik: „Sieben Maßnahmen gegen die Juden“ sind auf dem Mantel aufgelistet

Foto: Lydia Schaarschmidt

Die Bürgerschaft will am Mittwoch den Reformationstag am 31. Oktober zum Feiertag erklären. Das gefällt nicht allen Hamburgern.

Hamburg.  Zu Lebzeiten soll Martin Luther nie in Hamburg gewesen sein – was die Hansestadt nicht davon abhielt, den 500. Jahrestag der Reformation 2017 groß zu begehen. Einmalig wurde sogar der 31. Oktober zum Feiertag erklärt. Am Dienstag nun stand Luther doch auf dem Rathausmarkt, überlebensgroß sogar. Doch die Darstellung hätte dem Reformator kaum gefallen – nicht nur, weil er mehr oder weniger nackt dem Schneetreiben ausgesetzt war, sondern weil die Plastik des Künstlers David Farago das dunkelste Kapitel im Leben des Theologen in den Mittelpunkt stellte.

„Die nackte Wahrheit über Luther“ stand auf dem Sockel. Darüber, auf dem offenen Mantel des Reformators, die Einschätzung des Philosophen Karl Jaspers: „Luthers Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt.“ Wer wissen wollte, wie diese „Ratschläge“ aussahen, musste nur um die Figur herumgehen: „Sieben Maßnahmen gegen die Juden“ waren auf der Rückseite des Mantels aufgelistet, unter anderem „Verbrennen ihrer Synagogen“, „Zerstörung ihrer Häuser“, „Lehrverbot für Rabbiner“ sowie „Zwangsenteignung“ und „Zwangsarbeit“ – allesamt entnommen aus Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ von 1543.

Der Reformator war ein kräftiger Antisemit

Nun ist es kein Geheimnis, dass der Reformator auch ein kräftiger Antisemit war, selbst die evangelische Kirche hat das anlässlich des Lutherjahrs 2017 nicht verschwiegen. Was die Initiatoren der Aktion von der Giordano-Bruno-Stiftung auf dem Rathausmarkt antreibt, ist die Tatsache, dass die vier norddeutschen Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen den 31. Oktober dennoch dauerhaft zum Feiertag erklären wollen.

„Wer den 31. Oktober zum Feiertag erklärt, der geht nicht nur dem Märchen vom Thesenanschlag in Wittenberg auf den Leim, sondern der feiert damit auch einen der wirkmächtigsten Antisemiten“, sagte David Farago mit Blick auf das Rathaus, in dem die Bürgerschaft am heutigen Mittwoch den neuen Feiertag beschließen will. Er und Maximilian Steinhaus als Sprecher der Aktion bibberten stundenlang vor der Plastik in der klirrenden Kälte – und ernteten dabei nach eigener Aussage viel Zuspruch, aber auch vereinzelt wütenden Protest.

„Nach heutigen Maßstäben wäre Luther ein Hassprediger“

„Nach heutigen Maßstäben wäre Luther ein Hassprediger“, so Steinhaus. „Die Reformation hat Millionen Todesopfer gekostet. Wer das 500 Jahre später immer noch feiern will, der muss in einer Filterblase leben. Dass die Politiker der vier Länder sich trotz zahl­reicher weltlicher Alternativen nur auf dieses Datum als neuen Feiertag einigen konnten, ist nicht nur ideenlos, sondern geschichtsvergessen.“

Dass die Bürgerschaft sich die Entscheidung einfach macht, kann man ihr allerdings nicht vorwerfen. Die Feiertagsdebatte wurde über Monate kreuz und quer über alle Fraktionen geführt. Schließlich wurde der Fraktionszwang aufgehoben und vier verschiedene Gruppenanträge eingebracht: So plädieren nun etliche prominente Abgeordnete der Regierungskoalition von SPD und Grünen gemeinsam mit der oppositionellen CDU für den 31. Oktober als Feiertag. Andere Sozialdemokraten und Grüne werben gemeinsam mit einigen Abgeordneten der Linkspartei für den 8. März („Weltfrauentag“), wieder andere SPD-Abgeordnete wollen den 23. Mai („Tag des Grundgesetzes“) zum Feiertag machen – ebenso wie die AfD. Die Mehrheit der Linkspartei wiederum ist für den 8. Mai („Tag der Befreiung“).

Kritische Auseinandersetzung ist notwendig

Die Befürworter des 31. Oktober betonen in ihrem Antrag den norddeutschen Bezug, der durch die Person von Johannes Bugenhagen gegeben sei: „Bugenhagen, der Plattdeutsch sprechende Wegbegleiter von Martin Luther, führte in Hamburg eine neue Stadt- und Kirchenordnung ein, die die Reformation in Hamburg implementierte“, heißt es. „Er legte damit den Grundstein für ein neuzeitliches Schul- und Sozialwesen in unserer Stadt.“ Wichtig ist den Abgeordneten auch eine einheitliche Regelung für ganz Norddeutschland, die sei für kein anderes Datum erreichbar.

„Selbstverständlich“ müsse auch die kritische Auseinandersetzung zu Luthers Antisemitismus weitergeführt werden, heißt es in dem Antrag. Allerdings wird betont: „Diesem hat sich die evangelische Kirche auch im Rahmen des Reformationsjubiläums vorbildlich gestellt.“

Die Giordano-Bruno-Stiftung, die sich als „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“ bezeichnet, wiederholt die Aktion „Der nackte Luther“ am heutigen Mittwoch in Kiel (Rathausmarkt), am Donnerstag in Bremen (Marktplatz) und am Freitag in Hannover (Marktkirche und Kröpcke).