Stadtplanung

Die ersten Bewohner der Neuen Mitte Altona sind da

Anja von Arnim zählt zu den ersten Bewohnern der Neuen Mitte Altona und findet das

Anja von Arnim zählt zu den ersten Bewohnern der Neuen Mitte Altona und findet das

Foto: Roland Magunia/HA

Das zweitgrößte Baugebiet Hamburgs wächst und füllt sich bereits mit Leben. Viele Mieter und Käufer kommen aus Ottensen.

Hamburg.  Im zweitgrößten Neubauprojekt der Stadt nach der HafenCity geht es richtig rund. Inzwischen sind die ersten Wohnblocks von Gerüsten und Planen befreit, und abends zeugen seit einigen Tagen einige wenige beleuchtete Fenster, dass bereits die ersten Bewohner eingezogen sind.

Im November 2016 hatten Bürgermeister, Investoren und Planer den Grundstein für die Neue Mitte Altona gelegt. Danach war das ehemalige Güterbahngelände vor allem eines: Eine riesige Baustelle, von der man aus der vorbeifahrenden S-Bahn neben etlichen Sandbergen allenfalls eine erstaunliche Vielzahl von Kränen wahrnahm.

Anja von Arnim ist eine Pionierin in der Neuen Mitte

Wie wohnt es sich nun hier? Sind die Wohnblocks tatsächlich so eng gebaut, wie zu Beginn der Planungen immer kritisiert wurde? Zu wenig Luft und Sonne gelange in die Straßen, kritisierten selbst Bauexperten im Bezirksamt Altona. Und heute? „Nein, zu dicht bebaut ist das hier eigentlich nicht“, sagt etwa die 38-jährige Musical-Darstellerin Anja von Arnim, die mit ihrem Mann eine Wohnung in dem ersten fertigen Block gekauft hat und damit eine Pionierin in der Neuen Mitte ist. „Das fühlt sich nicht so eng an, wie es anfangs aussah“, sagt sie.

Und tatsächlich: Wer durch die ersten Straßenzüge spaziert, fühlt sich eher an beliebte Gründerzeitviertel erinnert denn an sterile Retortensiedlungen. In den Blöcken sind die einzelnen Häuser deutlich zu unterscheiden, die Fassaden sind mal aus rotem Backstein, mal aus hellen Ziegeln. Jede Fassade ist irgendwie anders und doch ähnlich. Rosa, Grau, Weiß – die Farben wechseln, sind aber immer sanft. Und mehrere dieser Häuser bilden immer einen Block, der einen Innenhof umschließt. Vorbild war für den Planer des Masterplanes, André Poitiers, eben die Struktur der nahen und beliebten Altbauviertel – nur ohne Stuck und mit flachen Dächern. In der Harkortstraße muss man daher schon zwei- oder dreimal hinschauen, um zwischen alter und neuer Straßenrandbebauung unterscheiden zu können.

Nachfrage kommt zu großen Teilen aus der Nachbarschaft

Und möglicherweise ist diese Verwandtschaft einer der Gründe dafür, dass die Nachfrage nach den Eigentums- und Mietwohnungen zu großen Teilen aus der Nachbarschaft kommt. „Wir wollten nicht weg hier aus dem Kiez, und viele unserer Nachbarn auch nicht“, sagt etwa Anja von Arnim, die vorher schon im zentralen Altona gewohnt hatte.

Eine ganz ähnliche Beobachtung machte Albrecht Sonnenschein, Hamburger Niederlassungsleiter des Projektentwicklers Instone Real Estate, der insgesamt 283 Eigentumswohnungen in der Neuen Mitte baut. Verkauft sind sie bereits alle, lange vor dem Richtfest. „Und etwa 90 Prozent der Käufer kommen aus der Gegend“, sagt Sonnenschein.

Mehr als 500.000 Euro für 105 Qua­dratmeter

An besonders günstigen Preisen kann das nicht liegen: Mehr als 500.000 Euro muss man dort für eine 105 Qua­dratmeter große Wohnung bezahlen, berichten Erwerber: „Das ist schon die Schmerzgrenze – aber auch die letzte Gelegenheit, hier noch Eigentum zu erwerben“, sagt etwa Ilka Kaufmann. Die Hebamme mit eigener Praxis ist mit ihrem zweiten Kind schwanger und wohnt ebenfalls bisher im nahen Ottensen. Im Herbst zieht die Familie nun in die Neue Mitte. Hinaus ins Umland, wo die Häuser noch günstiger sind, das wollte sie nicht. Die Nähe zur Stadt, zu Freunden und zum Job, das sei eben wichtig, sagt sie. Ganz ähnlich sieht es ihr künftiger Nachbar, der 41 Jahre alte Familienvater Roman Josten, der ebenfalls noch in Ottensen wohnt. Als Stadtplaner hat er zudem eine besondere Sicht auf die Dinge: „Klar, das ist verdichtetes Bauen“, sagt er. Aber so, dass man sich noch wohlfühlen könne.

Und das gilt offenbar nicht nur für die Eigentumswohnungen: Wie bei allen größeren Bauprojekten in der Stadt schreibt Hamburg in der Neuen Mitte einen Drittelmix aus Eigentum, Miete und Sozialmiete vor. Die Baugenossenschaft Altoba hat beispielsweise gerade im November mit dem Bau von 150 Wohnungen begonnen, die öffentlich gefördert werden. Auch hier dieselbe Beobachtung: Es gibt eine starke Nachfrage – und sie kommt vor allem von Menschen, die schon in der Nähe wohnen. Seit abends dort einige Wohnfenster beleuchtet sind, sei die Nachfrage noch größer, sagt Altoba-Sprecherin Silke Kok. „Wir wissen, dass sehr viele Inter­essenten bereits in Altona wohnen und beispielsweise auf der Suche nach einer größeren, familiengerechten Wohnung sind – am liebsten wieder in Altona.“

Der erste Abschnitt der Neuen Mitte taugt als Vorbild

In der Altonaer Bezirkspolitik hat man sich unterdessen mit dem Erscheinungsbild der Neuen Mitte offensichtlich weitgehend versöhnt. „Ganz gut gelungen“, sagen beispielsweise in überraschender Übereinstimmung die Bauexperten von CDU und Grünen, Sven Hielscher und Christian Trede. Nur der Block ganz im Norden sei doch zu eng gebaut, meinen beide. Und auch der künftige Stadtpark müsse mit einem Schulhof, einer Hundewiese, Sportflächen und Gartenanlage zu viele Nutzungen auf einmal aufnehmen, weil man an wertvoller Baufläche sparen wolle. Ihr Fazit: Der erste Abschnitt der Neuen Mitte taugt als Vorbild – man muss aber auch aus Fehlern lernen. Anja von Arnim stören diese kleinen Fehler nicht, zumal das Pionierdasein einen handfesten Vorteil zu haben scheint, wie sie beobachtet hat: Seit das Ehepaar den Kaufvertrag unterzeichnet hat, sind die Preise in der Neuen Mitte noch einmal gestiegen.