Hip-Hop-Künstlerin

Haiyti – „Sie ist das Rapgirl und macht das Money“

Ronja Zschoche
alias Haiyti hat ihr
erstes Album
auf dem Markt

Ronja Zschoche alias Haiyti hat ihr erstes Album auf dem Markt

Foto: Universal Music/Tim Bruening

Die Hip-Hop-Künstlerin Haiyti aus St. Pauli rappt gern über sich und erfährt damit derzeit enorm viel Aufmerksamkeit.

Hamburg.  Hip-Hop und Rap sind derzeit die einzig wirklich interessanten Genres der populären Musik. Mit was willst du die berühmte Jugend von heute sonst noch hinter Playstation und Klugtelefon hervorlocken? Und um die Jugend geht es im Pop, wenn er wirklich dringlich sein soll, ist doch klar. Die Jugend ist forsch und auf der Suche, sie braucht Vorbilder und den authentischen Ausdruck des Selbst.

Und da passt nun mal der Sprechgesang vor fiependen Beats und kühlen Bässen am besten, das gilt auch für die kämpferische Beschreibung der gesellschaftlichen Verfehlungen, für die Formulierung politischer Haltungen. Aber wie Kendrick Lamar, der meistgepriesene Rapper der Gegenwart, macht es Ronja Zschoche nicht – die Hip-Hop-Kollegin aus Hamburg-St. Pauli rappt erst einmal lieber über sich.

Eine prononcierte Ego-Show

Was normal ist, denn Hip-Hop ist, wie Facebook und Instagram, eine prononcierte Ego-Show – nur viel eloquenter. Zschoche trägt den Bühnennamen Haiyti und hat in den vergangenen Wochen und Monaten enorm viel Aufmerksamkeit erfahren. Als erste deutsche Frau war sie solo auf dem Cover des Musikmagazins „Juice“, keine verkehrte Wahl. Man fordert ja mehr Frauenpower im Pop abseits der schönsingenden Megastars; gerne auch deutschsprachige und noch besser welche, die in der anerkannt zeitgemäßesten Form der Massenmusik zugange sind. Da ist Haiyti eine, auf die man sich schnell einigen kann, wenn man Kerle wie Gzuz dann doch zu viril, derbe und polizeibekannt findet. Andererseits: Straßenkredibilität ist bekanntlich alles.

Haiytis neues und soeben erschienenes Album heißt „Montenegro Zero“ und ist wie aus einem Guss: Geformt aus dem Wortschwall des Twenty­somethings, geboren aus der Unruhe der Mediengesellschaft. Durch die surft man entweder als purer Konsument oder man will mitspielen wie der Rapmusiker oder in diesem Falle die Rapmusikerin, die sich gegen die Konkurrenz dann allerdings behaupten muss.

Gefälligkeit der Arrangements

Wichtigster Eindruck dabei im Falle von Haiyti: Hier wird nicht so auf die Kacke gehauen, dass sie aggressiv vor sich her dampft. Verbal verroht ist die Frau gerade nicht, und es wird auch keine Selbstaufwertung durch Abwertung anderer betrieben – alles Dinge, die man an der Rapmusik auch mal überhaupt nicht unterhaltsam, sondern abstoßend finden kann (womit nichts gegen einen gepflegten Diss gesagt ist). Die Künstlerin tappt jedoch auch nicht in die Niedlichkeitsfalle. Trotz oder wegen notorisch quäkender Stimme. Was sie erfolgreich machen wird, ist die gleichzeitige Gefälligkeit der Arrangements.

Zum Beispiel in dem Song „Bahama Mama“, in der Haiyti, die Kunststudentin, vom Wunscherwartungshorizont sprechsingt: „Sie ist das Rapgirl und macht das Money“. Keine Frage, sie will nach oben. Ans Licht. An die Fleischtröge. „Ich hab 100.000 Fans/Die mich alle noch nicht kennen“ (geile Beats, übrigens): So muss die erste Single und der erste Track dieses ambitionierten und mit vielen Hoffnungen verbundenen Albums ganz logisch heißen. Die Erfolgsgier ist ein Hauptantrieb des Hip-Hop, und Statussymbole sind auch den weiblichen Optimierern („Ich hab ein Haus in Monaco“) nicht fremd.

Herrlich synthetisches Album

Getto muss natürlich auch sein, denn ein Oben kann ja nur oben sein, wenn es auch ein Unten gibt: In „Haubi“ vertextet Haiyti die Tristesse des Hauptbahnhofs („Ich hab vieles schon gesehen/Doch wünschen tu ich’s keinem“), da ist „das schöne Leben“ weit, weit weg: „Der Steindamm hat dich ausgenommen“. Wir sagen jetzt einfach mal, dass „Montenegro Zero“ ein perfekt produziertes, herrlich synthetisches Album ist, das an einem vorüberfliegt. Es ist nur etwas mehr als eine halbe Stunde lang, es ist nicht sonderlich gesund („Ich smoke die Kippen wie Kate Moss“), aber State of the art. Unsere Aufmerksamkeitsspanne umfasst eh nur noch die Kurzgeschichte, nicht mehr das Epos.

„Ich bin ein Serienmodell“? Nicht ganz. Für den Moment ist Haiyti unique, speziell und originell – sie könnte eine deutschrappende Mainstreamkünstlerin werden. Weil sie es kann, weil sie es will.

Konzert Haiyti tritt am 18. März im Mojo Club auf, 20 Uhr, Tickets 24,50 im Vorverkauf