Tierpark

Ein Tag mit Hagenbecks Tierarzt: Ortstermin mit Blasrohr

Kontrolle beim Einzahnigen: Lisa Voß
und Flügger beim Blick ins Walrossmaul

Kontrolle beim Einzahnigen: Lisa Voß und Flügger beim Blick ins Walrossmaul

Foto: Mark Sandten / HA

Dr. Michael Flügger ist das bekannteste Gesicht des Hamburger Tierparks. Aber was macht der Mann eigentlich genau?

Hamburg. Abendbrot bei Familie Flügger. Nach kalten Schnittchen zum Mittag gibt es nun etwas Warmes. Reflexion unter Eheleuten: „Und, Schatz, wie war dein Tag?“ – „Ach, nichts Besonderes. Nur fünf Zebras geimpft, Zahnkontrolle bei der Elefantenkuh, eine Spritze für den Skink und Narbenpflege beim Walross. Sonst viel Papierkram. Dies und das. Kann ich mal bitte die Butter haben?“

Wenn Dr. Michael Flügger, dienstältester Tierarzt bei Hagenbeck, seinen Arbeitstag zusammenfasst, klingen komplexe Dinge einfach. Was bei anderen ausgeschmückte Geschichten wären, weil große, wilde, exotische Tiere im Spiel sind, macht Flügger mit lakonischem Ton zur normalsten Sache der Welt. Mal kurz einen Wapiti-Kiefer abtasten? Her damit! Bei ihm wirkt das wie die Sachbearbeitung in der mittleren Leitungsebene einer Versicherung. Mehr norddeutscher Landwirt als verquaster Wissenschaftler. Weit hinten, hinter der fernsehgestählten Fast-Zwei-Meter-Mann-Fassade, steckt trotzdem ein Enthusiast: „Ich wollte nie etwas anderes werden als Zootierarzt.“

Blasrohrschießen ist Training

Es ist 10 Uhr im Afrika-Revier des Tierparks, Impftag für die Zebras. Den weiß getünchten Stall teilen sich die Huftiere mit den Straußen, nebenan wohnen die Mandrills. Am Mittelgang reiht sich Box an Box, wie im Pferdestall. Als der Tierarzt in Sicht ist, kommt bei den schwarz-weiß Gestreiften Unruhe auf. Die Tiere kennen Flügger, und sie mögen Flügger nicht. Wenn der Doktor kommt (und sein Blasrohr dabei hat), macht es meistens autsch. Das merken sich die scheuen Fluchttiere der afrikanischen Savanne. Die fünf Blasrohr-Pfeile mit Puschelaufsatz bereitet der Tierarzt deshalb nebenan vor. „Sonst haben die schon Stress, bevor wir anfangen.“

Das Los eines Zootierarztes ist, Unbehagen in denen auszulösen, denen er helfen will, weil sie mit seiner Anwesenheit unangenehme Behandlungen verknüpfen. Die Affen flippen regelmäßig aus, wenn Flügger kommt. Die Bisons haben da eine längere Leitung. Insgesamt betreut er fast 2000 Individuen im Tierpark und etwa 15.000 im Tropen-Aquarium. Da kann man nicht allen gefallen.

Sieben Uhr morgens geht es los für Michael Flügger. Da war er schon mit seinem Hund draußen (Besitzer einer Katze ist er auch), hat vor der Arbeit rituell gefrühstückt („Das brauche ich“) und ist aus Hasloh nach Hamburg gefahren („Aber nicht mehr mit dem Rad“). Mit der Tierarzt-Kollegin Adriane Prahl teilt sich Flügger die Arbeit. „Jeder größere Tierpark hat inzwischen zwei Tierärzte“, sagt er. „Berlin hat sogar vier für Zoo und Tierpark.“ Montags und donnerstags ist in Hamburg Chefvisite. Geschäftsführung, Chef-Tierpfleger und die Tierärzte statten allen Revieren einen Besuch ab.

Wo hält der Pfeil am besten?

Im toten Winkel der Zebras hat sich Flügger inzwischen munitioniert. Nach zwei erfolgreichen Impfschüssen lugt das Blasrohr nun das dritte Mal wie ein Scharfschützengewehr in die Zebrabox. Der Doktor peilt das Hinterteil an. Denn wo hält der Pfeil am besten? „Hauptsache Muskel“, sagt er, nimmt Maß, holt Luft, pustet aus und stellt fest: „Mist, das war der Schwanz!“ Das Zebra zuckt zusammen, der Pfeil liegt im Heu, abgeprallt am knochigen Schweif. Impfung fehlgeschlagen. Flügger muss einen neuen Pfeil klarmachen.

Wer Tierparktierarzt werden will, muss nach dem Studium nicht nur Glück oder Beziehungen oder beides haben, er muss auch Blasrohrschießen können. Flügger hat sich das selbst beigebracht, zum Studium gehörten andere Dinge. Anfangs wollte er Tierpfleger werden, später Biologe, dann, als die Zeit reif war, Tierarzt im Zoo. „Plan B war eine Praxis auf dem Land“, sagt Flügger. Aber dann konnte er nach seinem Studium in Hannover eine Schwangerschaftsvertretung im Saarbrücker Zoo übernehmen. „Das war Glück, ich komme aus keiner Zoo-Dynastie, hatte keine Kontakte.“ Von dort empfahl er sich für seine Geburtsstadt Hamburg. Das war vor 26 Jahren, da war er 30 und brauchte noch keine Brille.

Drei zweckmäßige Räume unter der „Bude“, wie bei Hagenbeck der Mittagsraum der Tierpfleger genannt wird, sind das Reich der Ärzte. In der Arzneikammer, der „Apotheke“, stapeln sich Pferdesalben und Medikamente, im OP steht ein Tisch, auf dem bis zur Größe eines Leoparden alles operiert werden kann, und im Büro dekoriert ein einsamer Schleich-Elefant das Fensterbrett. Sonst viele Ordner, Computer, Blasrohre. Jeder Hagenbeck-Azubi muss hier auch mal durch, ein Ausbildungsmonat beim Tierarzt ist Pflicht. Danach wissen die meisten, was eine gute Kotprobe ausmacht.

Tag teilt sich in draußen und drinnen

In der Elefantenhalle riecht es nach Dung, wie immer. Shandra, eine 51 Jahre alte Kuh, wartet schon, sie hat Teile eines Backenzahns verloren. Naturgemäß wechseln Elefanten fünfmal im Leben ihre innenliegende, alles zermalmende Zahngarnitur, indem einzelne Stücke herauskrümeln und von neuem Material ersetzt werden – bis nichts mehr da ist. Doch so weit ist es bei Shandra nicht, zehn Jahre dürfte sie noch haben.

Praktische Arbeit am Tier ist das eine, Mails checken, Administration und Telefonie das andere. Der klassische Tag für einen Zoo-Veterinär teilt sich in draußen und drinnen. „Behandlungen versuche ich vormittags hinzukriegen“, sagt Michael Flügger. Falls nicht ein Anruf dazwischen kommt. Oft kommt ein Anruf dazwischen. Mal meldet sich ein Revier mit Sorgenfall, dann will die Pressestelle wissen, wie alt der Eisbär ist. „Aber da muss ich selbst nachgucken.“ Nebenschauplätze seines Berufs nennt er „dies und das“. Ein gar nicht so kleines Kapitel. Was die Kollegen an ihm schätzen: Er macht nicht viele Worte, neigt selten zur Aufregung und verkörpert eine nicht unsympathische Mischung aus Langmut und Sportlichkeit.

Maul auf! Mit einem Brötchen als Bestechungsmittel und warmen Worten hebt sich der Elefantenrüssel vor dem Tierarzt. Es öffnet sich mehr Motorhaube als Mund. Flügger zieht die Lippen auseinander, wurschtelt sich an der Zunge vorbei und guckt ins Maul, um die vier Backenzähne in Augenschein zu nehmen. „Sieht gut aus“, sagt er. In den abgebrochenen Teil hat sich bereits neue Zahnmasse gedrückt. Jetzt sieht es wieder so aus, als würden vier Kindergummistiefel mit der Sohle voraus im Schlund stecken.

Er erkennt seine Patienten am Schwanzwedeln

Michael Flügger ist auch Säugetierkurator des Tierparks, behält den Überblick über Zu- und Abgänge, organisiert Transporte, führt Zuchtbücher. Manchmal hat er auch Chefdienst, führt also das gesamte Tagesgeschäft des Familienbetriebs, ist dann sogar Ansprechpartner für ernsthafte Probleme in der Gastronomie. Im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) koordiniert der Doktor zudem den zoologischen Arterhalt der raren Nordchinesischen Leoparden. Wer europaweit mit wem verpaart wird, entscheidet der Hamburger Tierarzt.

Michael Flügger kennt fast jeden Winkel des 1907 eröffneten Tierparks. Der kürzeste Weg vom Elefantenhaus ins Tropenaquarium? „Hier entlang!“ Vier Türen später steht er vor einem Terrarium der Quarantänestation. Fensterlos, publikumslos. Patient ist ein Wickelschwanz-Skink, der größte seiner Art. Das etwa 50 Zentimeter lange Reptil sieht arg gerupft aus, kleine Hautlappen hängen herab. Vor einigen Tagen lag es schlapp und anscheinend dehydriert herum. Jetzt gibt es Aufbaupräparate, und zwar subcutan. Eine Spritze in den Schwanzansatz. „So, Diggi. Schon fertig“, sagt Flügger.

Vom Elefanten bis zur Echse – im Gegensatz zu den 140 Tierarztpraxen der Stadt erkennt der Zoo-Tierarzt alle seine Patienten am Schwanzwedeln, ist nicht dauernd von kranken Tieren umgeben. Sein Spektrum ist aber ungleich größer, es reicht über alle Kontinente. Dieses Wissen hilft aber auch nicht immer. Zur dunkelsten Stunde seiner Hagenbeck-Zeit zählt er das mysteriöse Raubkatzensterben 2015, als erst zwei Tigerbabys, dann der erst vier Jahre alte Tigerkater Lailek sowie der Leopardennachwuchs dahingerafft wurden. „Und jetzt nagt natürlich der Tod unseres jüngsten Elefantenkalbs an mir“, sagt er.

Im September starb das weibliche Jungtier, weil es wegen eines unentdeckt gebliebenen gebrochenen Kiefers nicht den nötigen Unterdruck zum Saugen der Muttermilch aufbauen konnte. „Dabei hab ich am Ende die Pfleger laut mitzählen lassen, wie oft die Kleine geschluckt hat.“ Jetzt weiß man, dass nichts von der Milch im Magen des Kalbs ankam.

„Solche Situationen stellen alles auf den Prüfstand“, sagt der Tierarzt. „Was hätte ich anders machen können? Sollten wir künftig alle Jungtiere wiegen, egal, wie viel Stress das für sie bedeutet?“ Geboren und gestorben wird im Tierpark immer, schon wegen der Vielzahl der Individuen. Daran gewöhne man sich. Aber tragische Fälle seien für ihn auch Grund, sein Tun und den Grad der beruflichen Abstumpfung zu hinterfragen. Im Zweifel auch mal Leute ranzulassen, die es besser können.

Anästhesie bei Walrossen problematisch

Unter den europäischen Zoo-Tierärzten kennt man sich, ist gut vernetzt, die European Association of Zoos and Aquaria (EAZA) hat etwa 300 Mitglieder. Jährlich treffen sich europäische und deutsche Zootierärzte zu Kongressen. Und unter ihnen ist auch immer einer, der sich mit bestimmten Sachen wie Robben-Narkose besonders gut auskennt. Genau den brauchte Hagenbeck.

Da die Tiere auf Tauchgängen lange die Luft anhalten können, ist die Anästhesie bei Walrossen oder Seebären nicht unproblematisch. Bei Thor, dem drei Jahre alten Walrossnachwuchs im Tierpark, der ersten deutschen Nachzucht überhaupt, musste es aber sein. Das Jungtier hatte sich einen Stoßzahn so stark lädiert, dass er entfernt werden musste – in Narkose. Gelegt von einem eingeflogenen englischen Spezialisten.

Heute ist Wundkontrolle beim Einzahnigen. Mit Schwimmweste (Sicherheitsvorkehrung!) und Tintenfischen (Lockmittel!) nähert sich der Arzt dem gar nicht mehr so kleinen Walrosskind. 600 Kilogramm, die in sechs Jahren auf fast zwei Tonnen anschwellen werden, wuchten sich aus dem Wasser. Die kräftigen Barthaare, mit denen sonst Beute aufgespürt wird, bürsten sich beim Öffnen des Mauls formschön zur Seite. Warmer Atem weht dem Tierarzt entgegen. Blick frei auf die OP-Narbe. „Alles bestens. Keine Entzündung.“ Einen Monat nach der Operation beginnen die Fäden langsam, sich selbst aufzulösen.

Ungeliebte Schreibtischarbeit

Im Akkord Rinder besamen und nachts Geburtshelfer spielen, wäre nicht sein Ding. Für viele Veterinärstudenten anscheinend auch nicht, die Wartezeit auf einen Praktikumsplatz bei Hagenbeck beträgt zwei bis drei Jahre. Dafür warten einigermaßen geregelte Arbeitszeiten und vielleicht die Erfüllung beruflicher Träume. „Zumal man hier nicht bei jeder Geburt dabei sein muss. Das kriegen die meisten Wildtiere allein hin.“ Früher waren Tiger seine Lieblinge, heute sind es fast alle Großkatzen sowie Elefanten und Bisons. Ernsthaft verletzt hat ihn übrigens noch kein Patient.

Im Sommer ist um 18 Uhr Feierabend, im Winter etwas früher. Meistens schließt er den Tag mit ungeliebter Schreibtischarbeit oder der Kategorie „dies und das“. Zu Hause wartet nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern auch seine zweite Ehefrau. Die vier zur Patchworkfamilie gehörenden Kinder sind bis auf den Jüngsten aus dem Haus. Tierarzt, sagt Michael Flügger, wollte bisher keiner seiner Sprösslinge werden.

Tierpark Hagenbeck freut sich über Tigerbabys
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