Hamburg

Weihnachtsgottesdienst: Kleiner Knigge für Kirchenbesucher

Hauptpastor Alexander Röder im Michel

Hauptpastor Alexander Röder im Michel

Foto: Roland Magunia

Weil zu Weihnachten viele Hamburger eine Messe besuchen, die sonst selten kommen, hier ein paar Benimmregeln.

Hamburg.  Kirche ist ein besonderer Raum, in dem oft andere Regeln und Traditionen gelten. Diese haben sich im Laufe der Zeit verändert. Für alle, die nicht so oft in die Kirche gehen und nicht genau wissen, was unpassend ist, haben wir einen Kirchen-Knigge zusammengestellt. Hamburgs Experte zu dem Thema ist Alexander Röder, Hauptpastor des Michels.


Sind zerrissene Hosen und Miniröcke erlaubt?
Da helfen keine Verbote, da sind Fingerspitzengefühl und Rücksichtnahme gefragt. Wer sich sehr leger anzieht, muss damit rechnen, dass andere Menschen Anstoß daran nehmen.


Warum dürfen Männer in der Kirche keinen Hut tragen?
Dahinter steckt eine Mischung aus Bibel und Tradition. Paulus schreibt im 1. Korinther 11, dass es für den Mann unziemlich sei, mit einer Kopfbedeckung vor Gott zu treten und zu beten. Traditionell wollte man sich gegen das Judentum abgrenzen, denn ein jüdischer Mann tritt nicht unbedeckten Hauptes vor Gott.


Unterscheidet sich der Weihnachtsgottesdienst von anderen Gottesdiensten in seinen Ritualen? Muss ich etwas Besonderes beachten?
In den Gottesdiensten an Heiligabend wird mehr gesungen als in anderen Gottesdiensten. Da es Lieder sind, die auch Menschen ohne große Gesangbucherfahrung kennen, ist gerade hier die Chance gegeben, die schönen alten Weihnachtslieder in großer Gemeinschaft zu singen. Die „Weihnachtsgeschichte“ aus dem Lukasevangelium ist die klassische Evangeliumlesung an Heiligabend, die in vielen Gemeinden von Liedern oder Chorstücken unterbrochen oder sogar als Krippenspiel dargestellt wird.

Eigentlich gilt für die Weihnachtsgottesdienste nichts anderes als bei anderen Gottesdiensten: Mitfeiern und gerade Weihnachten die Schönheit von Christbaum, Herrenhuter Stern, Musik und biblischen Lesungen genießen und nicht sich selbst ablenken durch Smartphone oder Tablet, um das schönste Bild zu machen. Das nämlich stört und ist unangemessen.


Darf man nach einer gelungenen Predigt, einem Chor- oder Orgelvortrag klatschen?
Da muss man eine gewisse Sensibilität entwickeln. Es gibt kein eindeutiges Ja oder Nein. Aber der Gottesdienst und besonders die Predigt sind in der evangelischen Kirche Verkündigung und danach ist Klatschen unüblich. Es gibt Musik, wie die Passions­musik von Bach oder tragende Choräle, da finde ich es unpassend, zu klatschen. Aber nach einem tollen Gospelvortrag oder einem Weihnachtsspiel ist Klatschen Ausdruck der Freude. Bei der katholischen Kirche, vor allem in südlichen Ländern, wird viel mehr als bei uns geklatscht, auch als Ausdruck von Solidarität oder Protest.


Dürfen kleine Kinder während der Predigt in der Kirche herumlaufen?
Natürlich dürfen sie das. Aber ich finde das nicht glücklich, denn es lenkt ab und stört auch beim Zuhören. Es hilft dann aber auch nicht, wenn die Erwachsenen anfangen, zu schreien, das stört auch. Am besten finde ich es, wenn man den Kindern eine Betreuung während der Predigt anbietet, wo sie in einem getrennten Raum malen und spielen können. Das ist auch kindgerechter.


Wer darf beim Abendmahl teilnehmen? In der lutherischen Kirche alle, die getauft und in ihrer Kirche zum Abendmahl zugelassen sind. Wir grenzen niemanden aus, egal, welcher Konfession er angehört. In vielen Gemeinden gibt es inzwischen auch das Kinderabendmahl. In der katholischen Kirche dürfen nur Katholiken am Abendmahl teilnehmen, Kinder nach der Erstkommunion.


Wann muss ich mich in der Kirche hinknien, wann aufstehen?
Die Haltung im Gottesdienst ist nicht verpflichtend. Das Knien ist eine Form der privaten Frömmigkeit, eine Bezeugung der Demut vor Gott. Lutheraner knien häufig beim Empfang des Abendmahls. Auch bei Beichte und Segnung knien Christen. Das Stehen ist die eigentlich angemessene Haltung im Gottesdienst, nicht das Sitzen. Denn es heißt, dass wir uns vor Gott nicht klein machen müssen, das ist ein Privileg. Zum Gebet wird in vielen Kirchen gestanden, als direktes Gespräch mit Gott. Beim Hören der Bibel ist wiederum das Sitzen die angemessene Haltung.


Darf man zur Beichte gehen, wenn man nicht Kirchenmitglied ist?
Ja, natürlich. Die Beichte ist ein Angebot der Kirche an alle Menschen. In der evangelischen Kirche können sie nicht nur beim Pastor, sondern bei jedem Christenmenschen beichten. Und auch der kann die Vergebung Gottes zusprechen. In der katholischen Kirche kann man nur beim Priester beichten und nur der kann die Absolution erteilen.


Darf ich einen Hund mit in die Kirche nehmen? Da gibt es keine einheitliche Regelung. Manche Kirchen sind großzügig, andere nicht. Tiere sind Mitgeschöpfe des Menschen, und was soll an einem Tier in der Kirche schlimm sein? Ich habe in der anglikanischen Nachbargemeinde ein Paar erlebt, das jeden Sonntag seinen Hund mitbrachte. Der saß artig neben dem Ehepaar auf einem kleinen Kissen auf der Kirchenbank. Das hat keinen Menschen gestört.


Darf man in die Kirche Essen und Trinken mitbringen?
Ich finde es eine Unsitte, dass heute die Wasserflasche überall mithin geschleppt wird. Essen und Trinken im Gottesdienst sind unangemessen. Auch einen Snack in der Mittagspause in der Kirche einzunehmen, finde ich nicht richtig. Manche finden es auch völlig normal, mit einer Eistüte in den Michel zu kommen. Aber die Kirche ist eben doch ein anderer Ort als ein Einkaufszentrum.