Hamburg

Haspa plant flächendeckend Videoberatung für Kunden

| Lesedauer: 11 Minuten
Oliver Schade
Haspa-Chef Harald Vogelsang in einer Modellfiliale, die beispielhaft für den Umbau aller Haspa-Standorte steht. In Hamburg wurden 2017 bereits fünf Filialen so modernisiert

Haspa-Chef Harald Vogelsang in einer Modellfiliale, die beispielhaft für den Umbau aller Haspa-Standorte steht. In Hamburg wurden 2017 bereits fünf Filialen so modernisiert

Foto: dpa Picture-Alliance / Christian Charisius / picture alliance / Christian Cha

Vorstandssprecher Harald Vogelsang freut sich über 2017, gibt Anlagetipps und erzählt, warum ihn jeder auf der Arbeit duzen darf.

Hamburg.  Wenige Tage vor Weihnachten zieht der Chef der Hamburger Sparkasse im Abendblatt-Interview eine Jahresbilanz. Harald Vogelsang ist nicht euphorisch mit Blick auf die betriebswirtschaftlichen Zahlen für 2017, aber durchaus zufrieden. Und im kommenden Jahr? Da warten auf die Haspa-Kunden eine Menge Neuerungen. Im Zen­trum steht die Modernisierung der Filialen. Und was die Hamburger mit ihrem Geld machen sollten – auch darauf gibt Vogelsang Antworten.

Hamburger Abendblatt: So kurz vor dem Fest liegt die Frage nahe: Wie feiert der
Haspa-Chef Weihnachten? Klassisch mit Weihnachtsbaum, Familie und Gans mit Rotkohl?

Harald Vogelsang: Ja, klassisch mit Weihnachtsbaum und Familie, aber ohne Gans.

Vegetarisch?

Vogelsang: (lacht) Nein, weder vegetarisch noch vegan. Bei meiner Großmutter, die aus Ostpreußen stammt, gab es Weihnachten immer Gänsebraten. Das haben dann schon meine Eltern abgeschafft. Mittlerweile essen wir Heiligabend immer etwas Leichtes, weil wir uns darauf freuen, dann noch unter dem Weihnachtsbaum zu naschen.

Und am ersten Weihnachtstag?

Vogelsang: Dann essen wir traditionell Raclette oder Fondue.

Und wie feiern Sie Silvester?

Vogelsang: Im kleinen Kreis mit Freunden.

Gibt es Silvester Grund für ein großes Feuerwerk, wenn Sie auf das zurückliegende Geschäftsjahr der Haspa schauen?

Vogelsang: Ein Feuerwerk würde ich nicht abbrennen. Dafür sind die Rahmenbedingungen zu kompliziert: Die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank und die strengen Vorgaben für die Banken in Europa. Ein Rekordjahr können wir deshalb nicht ausweisen, aber ein ordent­liches Jahr. Das Ergebnis wird sich mit etwa 80 Millionen Euro auf Vorjahresniveau bewegen. Die Spareinlagen werden um rund 270 Millionen auf etwa 8,5 Milliarden Euro zulegen. Wir haben brutto 65.000 Neukunden gewinnen können. Netto sind das immer noch mehrere Tausend. Und was uns besonders freut, ist die Tatsache, dass die Wertpapierumsätze um etwa 20 Prozent angezogen haben. Zudem werden wir den sehr hohen Bestand an Baufinanzierungen von 18 Milliarden Euro noch mal leicht ausweiten können. Und wir haben ein Rekordjahr bei den Existenzgründungen. 1042 Konzepte wurden in unserem Start-up-Center eingereicht – und 377 Vorhaben haben wir schließlich mit einem Volumen von 55 Millionen Euro finanziert.

Warum gründen so viele Hamburger ein Unternehmen?

Vogelsang: Eigentlich ist diese Entwicklung mit Blick auf die Konjunktur tatsächlich untypisch. Denn die Menschen gründen normalerweise Unternehmen, wenn die Arbeitslosigkeit hoch ist. Das ist aber derzeit ja nicht der Fall. Ein wichtiger Grund für die hohe Zahl von Neugründungen ist die Digitalisierung. Immer mehr junge Menschen probieren sich aus und bringen ein digitales Start-up auf den Weg.

Die Sparer sind wegen der Niedrigzinsen verunsichert. Wann gibt es wieder flächendeckend Zinsen oberhalb der Inflation?

Vogelsang: Ich denke, dass wir in Europa den Beginn einer Zinswende im Herbst 2018 sehen könnten. Das heißt aber nicht, dass sofort die Zinsen für den Privatkunden steigen werden. Sondern wir gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank dann ihr Aufkaufprogramm für Anleihen beendet und höhere Zinsen ankündigt. Aber bis der Kunde wieder zwei, drei, vier Prozent Zinsen auf sein Tagesgeld bekommt, das wird noch dauern. Die langfristigen Zinsen orientieren sich derweil an der Entwicklung in den USA – das wird dann spannend für die Immobilienfinanzierung hierzulande.

Ist der Hamburger Immobilienmarkt bereits überhitzt?

Vogelsang: Für eine klassische Immobilienblase sehen wir derzeit keine Anzeichen. Natürlich sind die Preise in den vergangenen Jahren stark gestiegen – und in bestimmten Luxuslagen war der Anstieg schon sehr drastisch. Aber die Nachfrage ist ja auch weiterhin groß. Zudem muss man die zunehmende Attraktivität Hamburgs im internationalen Vergleich sehen. Schaut man auf Städte wie Kopenhagen oder Berlin, mit denen sich Hamburg durchaus messen sollte, dann sind die Preisanstiege in den vergangenen Jahren bei uns noch eher moderat.

Also werden die Häuser und Wohnungen in Hamburg noch teurer?

Vogelsang: Wir gehen davon aus, dass die Preise weiter steigen – aber langsamer als bisher.

Wer als renditeorientierter Anleger nicht in Immobilien investiert, schaut derzeit auf Aktien. Wird der Deutsche Aktienindex (DAX) auch 2018 steigen?

Vogelsang: Rückschlagpotenzial ist immer vorhanden. Aber wenn wir auf die exzellenten Rahmenbedingungen der heimischen Unternehmen schauen, dann sollte der DAX weiter zulegen. Wir sehen 2018 durchaus Potenzial für 14.000 Punkte. Allerdings dürften auch die Schwankungen sehr groß sein.

Und kaufen die Hamburger derzeit auch wieder Gold?

Vogelsang: Ja, die Nachfrage ist in den letzten Wochen noch mal stark gestiegen. Besonders beliebt sind Unzen sowie 100- und 250-Gramm-Barren.

Kommen wir zu Ihrem neuen Filialkonzept: Im Juni hat die Haspa ihre erste sogenannte Nachbarschaftsfiliale in Niendorf eröffnet. Das Ziel ist es, enger mit dem Menschen vor Ort zusammenzuwachsen. Wie wird das Konzept angenommen?

Vogelsang: Sehr gut. Wir haben ein durchweg positives Echo. Die Wartelisten von Gewerbetreibenden, die sich in den Filialen kostenlos präsentieren können, sind lang. Wir haben mittlerweile fünf Filialen umgestellt, im kommenden Jahr werden 39 weitere folgen. Bis 2020 sollen dann alle Filialen modernisiert worden sein.

Sie haben zudem ein neues Schließfachkonzept. Kunden können zum Beispiel Einkäufe oder Werkzeug in einem Schließfach hinterlegen – und der Inhalt kann dann rund um die Uhr mit einem speziellen Öffnungscode auch von anderen Personen abgeholt werden. Wie läuft diese Innovation?

Vogelsang: Ebenfalls sehr gut. Es sind zwar noch nicht alle Schließfächer belegt, aber unsere App Kiekmo, über die man diesen Service nutzen kann, ist bereits 45.000-mal in unseren Pilot-Stadtteilen Eimsbüttel und Ottensen heruntergeladen worden.

Wie viele Filialen sind im Jahr 2017 geschlossen worden?

Vogelsang: Insgesamt haben wir neun Filialen geschlossen, aber wir haben in Barsbüttel auch eine neue eröffnet.

Kommt es auch 2018 zu Schließungen?

Vogelsang: Wir werden im neuen Bramfelder Dorfzentrum zwei Filialen zusammenlegen. Außerdem sind wir gerade in der Prüfung drei weiterer Standorte.

Wird der Abbau an Filialen auf Kosten von Arbeitsplätzen gehen?

Vogelsang: Nein, denn zunächst einmal betreuen wir unsere Kunden ja in den benachbarten Filialen weiter – mit den Mitarbeitern, die sie schon kennen. Zum anderen investieren wir stark – insbesondere in die IT, in neue Geschäftsfelder und unsere digitalen Projekte. Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Mitarbeitern.

Die jungen sogenannten Digital Natives sind heiß begehrt auf dem Arbeitsmarkt. Fällt es Ihnen als Sparkasse mit sehr langer Tradition nicht schwer, bei der Personalsuche gegen hippe, junge Firmen anzutreten?

Vogelsang: Natürlich kommen diese Digital Natives nicht zuerst zur Haspa. Aber wir wollen sie mit digitalen Innovationen und auch kulturell für uns begeistern – der Erfolg zeigt sich bereits. Wir bekommen immer mehr Initiativbewerbungen auch aus anderen Branchen. Ich treffe mich alle paar Monate mit unseren neuen Mitarbeitern – und immer mehr schwärmen von den Möglichkeiten, die sie bei uns im Vergleich zu ihren früheren Arbeitgebern haben.

Haben die Mitarbeiter der Haspa auch deshalb ihre Krawatten abgelegt, um neue junge Menschen ins Unternehmen zu holen – oder nur weil der Schlips zu eng am Hals war?

Vogelsang: Das Aus für Anzug und Krawatte ist ein gutes Beispiel für den begonnenen Kulturwandel in der Haspa. Der Vorschlag kam übrigens von einem 17-jährigen Auszubildenden. Das war keine Anweisung von oben.

Vor 20 Jahren wäre der Auszubildende bei der Haspa noch abgekanzelt worden ...

Vogelsang: … sogar noch vor zehn Jahren.

Das heißt doch aber auch, dass die Digital Natives diese Veränderungen deutlich beschleunigen.

Vogelsang: Das stimmt. Und da tut sich gerade ganz viel. Wir müssen weg von klassischer Bankdenke und hin zu mehr Innovationen ohne unsere Seriosität und Vertrauenswürdigkeit aufzugeben, damit wir auch künftig in diesem dynamischen Markt mithalten können.

Und geht dieser Veränderungsprozess nun weiter? Ist geplant, dass sich bald bei der Haspa alle untereinander duzen?

Vogelsang: Geplant ist das nicht. Aber wer mich duzen möchte, der kann das gerne tun.

Da unterscheiden Sie auch nicht zwischen dem Vorstand und den Auszubildenden?

Vogelsang: Nein, duzen darf mich jeder in der Haspa, auch Auszubildende.

Immer mehr Banken setzen mittlerweile auf Videoberatung. Bei der Haspa laufen diesbezüglich auch schon Tests in den Filialen. Wird die Videoberatung 2018 das Testfeld verlassen und flächendeckend eingeführt?

Vogelsang: Ja, das ist geplant.

Das heißt: Der Haspa-Kunde sitzt dann zu Hause an seinem PC und kann mit einem Berater per Videoschaltung kommunizieren?

Vogelsang: Wir bereiten das für 2018 vor. Allerdings müssen hier noch einige Details geklärt werden.

Ab Januar steigen für rund 100.000 Haspa-Kunden die Depotgebühren. Wird es im kommenden Jahr weitere Preisanpassungen geben?

Vogelsang: Zunächst einmal haben wir die Depotgebühren nicht für alle erhöht, sondern das Modell verändert. Es gibt auch genügend Kunden, die ab Januar weniger zahlen. Weitere Preiserhöhungen haben wir aktuell nicht geplant.

Zum Schluss noch zwei Fragen zur Handelskammer: Seit Anfang des Jahres haben die früheren Rebellen dort die Macht übernommen. Sie sind einer von wenigen, die für die Opposition im Plenum sitzen. Wie beurteilen Sie die bisherige Arbeit der neuen Kammerführung?

Vogelsang: Gemischt. Es gibt erkennbar den Willen, etwas zu verändern. Und dass sich auch die Handelskammer modernisieren muss, daran gibt es keinen Zweifel. Allerdings kann ich keine konstruktive Veränderung erkennen, sondern ich sehe ein Vorgehen mit der Abrissbirne. Es wird viel zerstört, ohne dass man erkennen kann, wie danach etwas Besseres entstehen soll. Und das kann ich nicht gutheißen. Zudem sehe ich mit großer Sorge, dass die Kammerführung die Hamburger Wirtschaft im Norden immer stärker in die Isolierung treibt, indem man zum Beispiel aus der IHK Nord auszutreten droht und langjährige Brücken zu anderen Partnern einreißt. Für Hamburg, das auf den Handel mit Partnern angewiesen ist, entsteht dadurch großer Schaden. Die versprochene Abschaffung der Pflichtbeiträge hat sich auch als Luftnummer herausgestellt. Nun steigen die Beiträge per saldo sogar. Mittlerweile kann ich von den Ankündigungen der Kammerführung nichts mehr ernst nehmen.

Sie haben im April gesagt, Sie wollen sich die Arbeit der Handelskammer genau anschauen, bevor Sie entscheiden, ob Sie die vollen drei Jahre im Plenum bleiben. Was machen Sie nun?

Vogelsang: Ich schaue mir das weiter an.

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