Neue CD

Gitarrist Erlend Krauser: Der Hamburger Eric Clapton

Erlend Krauser verließ sein Heimatland Rumänien 1977 und war langjähriges Bandmitglied bei James Last. Nun ist seine CD „Last Discoveries“ erschienen

Erlend Krauser verließ sein Heimatland Rumänien 1977 und war langjähriges Bandmitglied bei James Last. Nun ist seine CD „Last Discoveries“ erschienen

Foto: Dragoslav Nedici

Mit seiner neuen CD „Last Discoveries“ sorgt der Hamburger Gitarrist Erlend Krauser international für Furore.

Hamburg.  Die gute Fee ist ihm vor einigen Jahren das erste Mal begegnet, als Erlend Krauser noch im James-Last-Orchester spielte. Waltraud aus Österreich war über Jahre ständige ­Besucherin dieser Happy-Partysound-Veranstaltungen, die weltweit begeisterten. Irgendwann, so ­erzählte es die Dame später, sei sie nur noch wegen der atemberaubenden Soli des Hamburger Gitarristen zu den Konzerten gekommen. Nach dem Tod von James Last im Juni 2015 erhielt Krauser eine E-Mail von Waltraud: Was er davon halte, eine CD ausschließlich mit all seinen Solostücken zu produzieren?

Ein Jahr lang hat der 59-Jährige an dem Album gearbeitet. „Last Discoveries“ hat er sein Werk doppeldeutig ­genannt. Das Klangerlebnis ist überwältigend und hat den Gitarristen aus ­Ottensen bereits eine Woche nach ­Erscheinen der CD in die erste Liga der weltweiten Rockgitarristen gebracht. Mit einem Video, dass ihn im Uebel & Gefährlich beim Spielen des Christina-Aguilera-Hits „Hurt“ zeigt, landete Krauser auf den Titeln der großen US-amerikanischen Musikmagazine „Guitar World“ und „Guitar Player“. Das ist noch keinem deutschen Gitarristen gelungen. „Und zwar direkt neben Eric Clapton, meinem Held von vor 30 Jahren.“

Auf Titeln von großen Gitarrenmagazinen

Zehn Jahre zuvor, da ist er 19 Jahre alt, bekommt sein Leben innerhalb von nur fünf Minuten die wohl entscheidende Wende. Er ist in der rumänischen Stadt Timisoara geboren und aufgewachsen. Krauser war 15 Jahre alt, als er in der Schülerband Phoenix spielte, zusammen mit Nicu Covaci, der die Folkrockband 1962 gegründet hatte und 1974 nach Amsterdam ins Exil ­gegangen war. „Wir hatten lange Haare und waren den diktatorischen Machthabern um Ceausescu ein Dorn im ­Auge.“ Auch deshalb, weil sie so ­erfolgreich und umjubelt waren. „Von der ersten LP wurden 20 Millionen ­Exemplare verkauft.“ In einem Land mit 20 Millionen Einwohnern. „Wir waren die Rolling Stones Rumäniens.“

Happy Sound

Im Mai 1977 steht Nicu Covaci plötzlich vor den jungen Musikern in Timisoara: „Wer will mit in den Westen?“ Er hatte alles vorbereitet. Einen Mercedes-Transporter, im Laderaum vier ausgehöhlte Marshall-Lautsprecherboxen. Drumherum Schafskäse, luftgetrocknete Wurst voller Knoblauch und ein 100-Liter-Fass Dieselbenzin, damit die Wachhunde an der Grenze sie nicht witterten. Sie zwängten sich in die Boxen und nahmen Pillen zur Beruhigung. „An der Grenze blieb die Zeit stehen“, sagt Krauser. Sie hörten die Grenzer mit den Hunden und spürten, wie kurz darauf die Boxen angehoben wurden. „Du merkst, wie du panisch wirst, und darfst dich nicht rühren.“ Kurz vor der Bewusstlosigkeit gingen die Türen auf. Sie waren in ­Jugoslawien.

Neue Spieltechnik wie wahnsinnig geübt

Vielleicht bedarf es eines solchen biografischen Einschnitts, um in dem folgenden Leben leidenschaftliche und kompromisslose Härte zu entwickeln, die einen permanent vor sich her treibt. Erlend Krauser spielt E-Gitarre wie kein Zweiter. Er ist quasi durch die Songauswahl von James Last dazu ­gezwungen worden, die Gitarre so zu spielen, wie ein Sänger singt. Er hat ­dafür irgendwann das Plektron, dieses Plättchen zum Anschlagen der Saiten, weggelegt. „Und plötzlich hatte ich Daumen und Zeigefinger der rechten Hand frei, um auch damit auf dem Griffbrett Töne zu spielen.“ Das Klangerlebnis hat ihn überwältigt. „Ich konnte es erst selbst nicht glauben.“ Diesen Moment habe „der Song erzwungen“.

Eddie Van Halen hat dieses sogenannte Tapping populär gemacht. ­Erlend Krauser aber hat es derart perfektioniert, dass er aufeinanderfolgende gleiche Töne, dadurch dass er sie auf verschiedenen Saiten spielt, miteinander verbinden und die Intervalle variieren kann. Eine Art Legato-Tapping. Mal in atemberaubendem Tempo, dann wieder so ­gefühlvoll, dass es vor einigen Jahren in einer Abendblatt-Kritik zu einem James-Last-Konzert hieß: „Erlend Krauser ließ in einer Ballade seine Fender-Gitarre derart singen, seufzen und bescheiden jubilieren, dass man ihm die Füße hätte küssen mögen.“

„Das war wie neu gehen zu lernen“

Er hat diese neue Technik wie ein Wahnsinniger geübt. „Das war wie neu gehen zu lernen.“ Er hat seine Wahrnehmung erweitert. „Winkelblick“ nennt er das. „Wenn du diese Technik nicht hast, kannst du die Songs gar nicht denken.“ Manchmal ist er über das Ergebnis immer noch verblüfft. „Wenn man Glück hat, wird man ­gespielt“, sagt er.

Bis zu 100.000 Klicks haben seine Videos inzwischen. Die Fans sind weltweit entzückt über diesen „soulful guitar virtuos0“ aus Deutschland, der nun seine achte CD veröffentlicht, aber natürlich noch Träume hat. „Einmal diese Songs in der Elbphilharmonie ­erklingen lassen.“ Er weiß aber auch: „Ohne Waltraud würde es das ­Album nicht geben.“

CD: „Last Discoveries“, 18 Euro, erhältlich unter www.erlendkrauser.de