Schriftsteller

Was Heinrich Böll seiner Enkelin ins Poesiealbum schrieb

Heinrich Böll und seine Enkelin Samay Böll

Heinrich Böll und seine Enkelin Samay Böll

Foto: René Böll

Der Literaturnobelpreisträger galt als Mahner der Nachkriegszeit und litt unter heftigen Anfeindungen. Samay Böll erinnert sich.

Hamburg.  Heute, am 21. Dezember, wäre Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden. Der Literaturnobelpreisträger war für Deutschland nicht nur in dieser Funktion und als Autor von Werken wie „Ansichten eines Clowns“ oder „Gruppenbild mit Dame“ bedeutend. Er war auch ein Mahner, der sich kritisch mit den Werten der Bundesrepublik, der atomaren Nachrüstung und der Institution Kirche auseinandersetzte und dabei mehrfach aneckte. Viele Veranstaltungen erinnern in diesen Tagen an den gebürtigen Kölner. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte unlängst im Rahmen einer Soiree zu Ehren des Autors: „Der Staatsbürger Heinrich Böll stellt sich und andere vor die Parole: Einmischung erwünscht!“

„Ich bin fest davon überzeugt, dass Axel Springer und sein Verlag am frühen Tod meines Vaters eine Mitschuld tragen“, sagte Bölls Sohn René vor einigen Tagen bei einer Buchvorstellung. Heinrich Bölls Werben um einen differenzierten Umgang mit der RAF in den 70er-Jahren habe auch zu Anfeindungen gegen die Familie geführt, erst recht nach der Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974). Darunter habe der Schriftsteller besonders gelitten.

Der gefährliche „Gelbzahnhai“

„Wir wurden polizeilich überwacht, die Post geöffnet, das volle Programm“, zitiert ihn die Nachrichtenagentur KNA. Es habe „fünf Hausdurchsuchungen übelster Art“, anonyme Briefe und Anrufe, Anfeindungen auf der Straße und in der Presse gegeben. Als 1977 Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von der RAF entführt wurde, habe man ihn bei den Bölls gesucht. „Das war ganz eindeutig eine Aktion gegen meinen Vater, um ihn fertigzumachen. Und das haben sie auch erreicht damit“, so René Böll.

Versöhnlicher klingt Renés Tochter Samay, die sich im Gespräch mit dem Abendblatt an ihren Großvater erinnert. „Er war lustig“, sagt sie. Im Swimmingpool mutierte er, der Kettenraucher, zur Freude seiner Enkel gern zum angeblich sehr gefährlichen „Gelbzahnhai“. „Er war nicht streng oder etwa unheimlich. Er war halt mein Opa. Allerdings war er sehr viel unterwegs. Im Nachhinein finde ich es schade, dass wir nicht so viel Zeit miteinander hatten wie meine Kinder jetzt mit meinen Eltern. Aber wenn er da war, war er immer sehr präsent und hat sich viel Zeit für uns genommen.“

Keine Schullektüre

Jetzt, im Weihnachtsgeschäft, haben Samay Böll und ihr Mann Nick El­liott besonders viel zu tun. Das deutsch-irische Ehepaar betreibt in Köln eine Designfirma, stellt seit fünf Jahren besondere Geburtstags-, Weihnachts- und sonstige Karten her. Mit dem berühmten Namen aufzuwachsen war für die heute 41-Jährige manchmal nicht leicht. „Ich hatte eine Deutschlehrerin, die mir vor der ganzen Klasse sagte, dass sie meinen Großvater nicht gut findet. Ich weiß nicht, warum sie das gemacht hat. Vielleicht wollte sie mich ein bisschen provozieren.“ Oft habe sie das Gefühl gehabt, braver sein zu müssen als andere. „Wirklich schwierig war oder ist das aber eher für meinen Vater als direkter Nachfahre. Schullektüre waren Böll-Geschichten oder -Bücher bei uns erstaunlicherweise nicht.“

Nach dem Studium als Modedesignerin ging Samay Böll zunächst nach London. „Da war ich dann ‚Frau Boll‘. Das war etwas ganz anderes, es war alles erfreulich normal.“ Einige besondere Erinnerungsstücke an ihren Großvater hält sie bis heute in Ehren: „Bei ihm zu Hause hatten mein Bruder und ich jeweils ein eigenes Fach. Wenn wir ihn besuchten und gebastelt oder gemalt haben, wurden darin unsere kleinen Schätze aufbewahrt.“ Heute befinden sich diese kindlichen Kunstwerke bei ihr in einer besonderen Dose, die auch ein kleines russisches Wörterbuch enthält, das einst ihrem Opa gehörte.

Keine besondere Feier

Hat sie ein Lieblingswerk in der umfangreichen Bibliografie ihres Großvaters? „Besonders gern mag ich das ‚Irische Tagebuch‘, denn ich bin ja mit einem Iren verheiratet. Wir haben uns beim Studium in London kennengelernt und fahren regelmäßig auf die Insel. Natürlich habe ich jetzt einen anderen Bezug zu dem Land, weil wir dort auch Familie haben.“ Besonders feiern will sie den 100. Geburtstag nicht. „An diesem Tag fahren mein Mann und ich mit unseren Kindern nach Irland. Es gab schon so viele Veranstaltungen für ihn. Da tut uns etwas Ruhe ganz gut.“

Nicht lange vor seinem Tod hat Heinrich Böll seiner damals sieben Jahre alten Enkelin folgende Worte in ihr Poesiealbum geschrieben. Es ist eins seiner wenigen Gedichte:

Für Samay

Wir kommen weit her

liebes Kind

und müssen weit gehen

Keine Angst

alle sind bei Dir

die vor Dir waren

Deine Mutter,

Dein Vater

Und alle, die vor ihnen waren

weit weit zurück

alle sind bei Dir

keine Angst

wir kommen weit her

und müssen weit gehen

liebes Kind.

Dein Großvater