Serie

Abendblatt-Test: Kann Schwartau herzhaft?

Wo das Gemüseglück begann: Produktentwicklerin Kathrin Schlegel und Produktmanager Christian Kamphoven in der
Versuchsküche der Schwartauer Werke. Hier entstehen die neuen Kreationen

Wo das Gemüseglück begann: Produktentwicklerin Kathrin Schlegel und Produktmanager Christian Kamphoven in der Versuchsküche der Schwartauer Werke. Hier entstehen die neuen Kreationen

Foto: Michael Rauhe / HA

Firmen in der Region überraschen mit neuen Produkten und Diensten. Wir prüfen, wie gut sie sind. Heute: der Brotaufstrich Gemüseglück.

Hamburg. Am Anfang stand ein geradezu unerhörter Gedanke: „Wir würden auch gern mal was Würziges machen.“ Unerhört war dieser Gedanke jedenfalls an dem Ort, an dem er etwa Mitte 2015 dann sogar umgesetzt wurde. An der Lübecker Straße in Bad Schwartau, genauer: in der Versuchsküche der Schwartauer Werke. Sie liegt in etwa dort, wo vor knapp 120 Jahren die Geschichte des Unternehmens begann, das fast ebenso lange ausschließlich süß denkt und handelt – und mit 30 Prozent Marktanteil Deutschlands größter Konfitürenhersteller ist. Vielleicht ist es aber auch nur folgerichtig, dass im Produktentwicklungsteam um Kathrin Schlegel, das jahrein, jahraus Früchte kocht, püriert, passiert und mit Zucker anreichert, sich irgendwann mal der Wunsch nach Gemüse, kräftigen Gewürzen und Herzhaftigkeit Bahn bricht.

„Wir haben einfach angefangen und ein bisschen herumexperimentiert“, sagt die Lebensmittelchemikerin, die seit fünf Jahren bei Schwartau ist und das Entwicklungsteam für Konfitüren und Fruchtaufstriche leitet. „Einige Kollegen ernähren sich vegetarisch, sie haben im ersten Schritt die Zutaten von zu Hause mitgebracht.“ Zucchini und Tomaten, Kürbis und Koriander, Curry und Karotten, Kichererbsen, Linsen und Rote Bete – nach einigen Wochen hatte das Team 15 Rezepte kreiert.

„Eine gewisse Skepsis war schon da“

Die besten wurden Anfang 2016 der bis dahin ahnungslosen Geschäftsführung präsentiert. „Eine gewisse Skepsis war schon da“, erinnert sich Kathrin Schlegel an den Moment, als das Entwicklerteam den Schwartau-Chefs erstmals statt Konfitüre auf Weißbrot die veganen Aufstriche auf Gemüsebasis auf Vollkorn- und Körnerbrot servierte.

Die Reaktion lautete: „Macht mal!“, und bedeutete, dass aus Spaß Ernst und Arbeit wurde – auch für die Marketingabteilung. Es galt eine Vielzahl von Fragen zu klären: Wie groß ist der Markt für vegane Brotaufstriche? Wie entwickelt er sich? Wer ist die Zielgruppe? Und was will sie? Wer wäre die Konkurrenz? Wie groß sollte ein Portionsglas sein? Wie viel dürfte es kosten?

86,6 Millionen Euro umgesetzt

Vor allem aber: Werden die Kunden und der Handel daran glauben, dass der Konfitürenhersteller Schwartau auch herzhaft kann – oder könnte ein Gemüseaufstrich die Marke verwässern oder gar beschädigen? „Die Marktforschung hat gezeigt, dass es da überhaupt kein Problem gibt“, sagt Produktmanager Christian Kamphoven. Er gehörte auch zur Runde der Marketingleute, die dem jüngsten Schwartau-Kind den Namen gab: Gemüseliebe?, Veggielicious? Gemüseglück! „Bis zur Produkteinführung haben wir einen mittleren sechsstelligen Eurobetrag investiert“, sagt Sebastian Schaeffer, der Vorsitzende der Geschäftsführung.

Seit September stehen die vier Gemüseglück-Sorten, mit denen Schwartau gestartet ist, in den Regalen der ersten Rewe- und Edeka-Supermärkte: Paprika-Chili mit Kichererbse, Sonnentomate mit Basilikum, Grünes Grillgemüse und Curry Kürbis mit Karotte rangeln mit der Konkurrenz von Zwergenwiese, Alnatura, Rewe-Bio und Tartex um Marktanteile im seit Jahren im zweistelligen Prozentbereich wachsenden Segment der pflanzlichen Brotaufstriche. 2016 wurden damit in Deutschland 86,6 Millionen Euro umgesetzt, 8,2 Millionen Verbraucher kauften sie. Im Unternehmen sagen sie, es sei Schwartaus Sprung vom Frühstücks- auf den Abendbrottisch.

Haushaltszucker statt Glukosesirup

Für das Unternehmen, das mit Corny auch Deutschlands Müsliriegel-Marktführer ist, dessen Umsatz aber seit Jahren bei etwa 300 Millionen Euro stagniert, ist Gemüseglück zugleich Teil einer Erneuerungsstrategie. Der Konfitüren-Klassiker Schwartau Extra wird seit dem Sommer nach einem neuen Rezept und mit natürlicheren Zutaten hergestellt, mit Haushaltszucker statt Glukosesirup und mit Zitronensaftkonzen­trat statt Zitronensäure.

Zudem bekam das Marmeladenglas eine andere Form, um Schwartau Extra besser von der billigeren Konkurrenz der Handelsmarken abzusetzen. Für Konfitüren-Feinschmecker kam ebenfalls im September und im gehobenen Preissegment (200 Gramm, 1,89 Euro) der neue Fruchtaufstrich Temporada in vier Varianten auf den Markt. Das Besondere: Es werden jeweils zwei Sorten einer Frucht kombiniert – etwa Schattenmorellen und Schwarzkirschen.

Vorerst noch keine Eigenproduktion

Anders als die Konfitüren wird Gemüseglück nicht in Bad Schwartau hergestellt. Gleich eine eigene Produktionslinie aufzubauen wäre ein zu hoher ­Aufwand gewesen. „Wir haben einen erfahrenen Partner gefunden, mit dem wir die Produkte gemeinsam produzieren“, sagt Entwicklerin Schlegel.

Wie gut die Gemüseglück-Aufstriche bei den Kunden ankommen, lasse sich so kurz nach dem Marktstart noch nicht beurteilen, sagt Schwartau-Unternehmenssprecher Christian Passarge. „Wir sind noch mitten in der Einführung beim Handel.“ Die intensive Werbung für den veganen Brotaufstrich soll nächstes Jahr beginnen. Kathrin Schlegel und ihr Team jedenfalls sind darauf vorbereitet, noch mehr Gemüseglück zu verbreiten. „Wir haben da noch ein paar Rezepte im Köcher.“

---------------------------------

Der Test: Geeignet als Dip oder Pesto­-Ersatz

Das Produkt: Gemüseglück von Schwartau ist ein veganer Brotaufstrich ohne Farb-, Aroma- und Konservierungsstoffe. Es gibt ihn in vier Sorten. Der Gemüseanteil bewegt sich je nach Sorte zwischen 59 und 78 Prozent. So steht es auf Etikett und Deckel. Mindestens 95 Prozent der eingesetzten Zutaten stammen demnach aus „ biologischer Landwirtschaft“. Im Supermarkt stehen die Gläschen mit 135 Gramm Inhalt (unverbindliche Preisempfehlung: 2,49 Euro) nicht im Kühlregal. Nach dem Öffnen sollten sie allerdings im Kühlschrank aufbewahrt und binnen einer Woche aufgebraucht werden, empfiehlt der Hersteller.

Aussehen, Konsistenz, Geschmack: Der erste Eindruck lautet: „Das sieht ja sehr gesund aus“ – was bedeuten soll, dass der Aufstrich eine natürliche Farbe hat. Und die ist ja nicht immer total appetitlich. Dass Gemüseglück – anders als viele Konkurrenzprodukte – nicht cremig-glatt gerührt, sondern etwas stückig und daher gut zu erkennen ist, welche Gemüse verarbeitet wurden, wird von den meisten Testern positiv bewertet. „Ein Mittelding zwischen Aufstrich und Chutney“, lautet die Einschätzung. Und: Man könnte den Aufstrich auch als Dip für Gemüseschnitze oder als Pesto-Ersatz für Pasta nehmen. Der Geschmack kommt sehr gut an. Favorit der Tester ist die Sorte SonnenTomate, gefolgt von Paprika-Chili. Curry Kürbis fällt ab: zu wenig Curry, geschmacklich etwas langweilig, heißt es.

Fazit: Ja, die Konfitürenmacher aus Bad Schwartau können auch herzhaft, und sie können auch Gemüse statt Frucht. Der Preis liegt im üblichen Rahmen, der Geschmack ist gut bis sehr gut. Das Abendblatt-Urteil: 4,5 von 5 Sternen

---------------------------------

Den nächsten Abendblatt-Test lesen Sie am 9. Januar. Alle bisherigen Folgen gibt es online unter www.abendblatt.de/testserie