Serie

Abendblatt-Test: Der neue Empfangschef von Saturn

Bei Saturn bedient jetzt Paul, der Roboter

Lustig, aber auch etwas gruselig: Im Saturn-Markt an der Mönckebergstraße bringt ab sofort ein Roboter Kunden zu den Produkten. Mitarbeiter soll die Maschine aber nicht ersetzen.

Beschreibung anzeigen

Firmen in der Region überraschen mit neuen Produkten und Diensten. Wir prüfen, wie gut sie sind. Heute: Roboter Paul von Saturn.

Hamburg. Paul wiegt 120 Kilogramm, erinnert äußerlich stark an einen von einem skandinavischen Designer entworfenen überdimensionalen Salzstreuer und neigt zu Plaudereien – wenn man ihm persönliche Fragen stellt. „Hast du eine Freundin, Paul?“ „Es ist kompliziert“, antwortet er mit männlicher Stimme. Er sei ja in einer Beziehung mit Siri, habe nun aber Alexa kennengelernt. „Sie ist wunderbar und so süß. Und Siri ist ziemlich eifersüchtig.“

Offenherzig Auskunft über Liebeswirren im Reich der Sprachassistenten und Roboter zu geben ist nicht Pauls Kernaufgabe, aber es macht den neuen Empfangschef im Unterhaltungselek­tronikmarkt Saturn an der Mönckebergstraße ein bisschen sympathisch. Seit Anfang der Woche steht Paul gleich hinter den Schwingtüren des – nach Unternehmensangaben – größten Elektronikfachmarkts der Welt und wartet darauf, dass Kunden ihn ansprechen. „Moin, moin. Mein Name ist Paul“, stellt er sich dann vor. Auf dem Bildschirm am Kopf des Roboters erscheinen zwei helle Kreise und signalisieren, dass er aus dem Energiespar- und Schlafmodus erwacht ist.

„Klingelingeling, ich muss hier mal durch“

Dann fragt Paul, ob man sich vielleicht mal die neu eingetroffenen Smartphones anschauen möchte. Will der Kunde, rollt Paul in gedämpftem Schritttempo los, weist auf die Phones vom Hersteller ZTE links und die von Huawei rechts hin, erwähnt den Streamingdienst von Saturn, sobald man gemeinsam am Werbeplakat dafür vorbeischlendert. Kommen andere Kunden seinen Laser-Scannern, 3-D-Sensoren und der Kamera zu nah, stoppt Paul lieber, bis die Situation wieder übersichtlich ist, oder ruft launig: „Klingelingeling, ich muss hier mal durch.“ Am Ende der Smartphone-Abteilung gibt er den Tipp, dass man zu weiteren Fragen jederzeit seine menschlichen Kollegen ansprechen könne, und will selber wissen, ob er denn hilfreich gewesen sei. Dann rollt Paul zurück zum Eingang. Sind seine Batterien nach drei bis fünf Stunden Kundenkontakt erschöpft, kann er sie dort wieder aufladen.

Er kostet etwa so viel wie ein Mittelklasseauto

Bei Saturn nennen sie Paul einen Empfangs- oder Concierge-Roboter. Ein Jahr lang wurde er in einem Markt im bayerischen Ingolstadt getestet. Jetzt wird er außer in Hamburg auch bei Saturn im Berliner Europacenter und in Zürich eingesetzt. „Paul ist der erste Assistenzroboter im Bereich Konsumentenelek­tronik“, sagt Martin Wild ein bisschen stolz. Er ist Digitalisierungsvorstand (CDO) bei der MediaMarktSaturn Retail GmbH und sieht den Roboter als „Teil unserer digitalen Innovationsstrategie, mit der wir das Einkaufserlebnis in unseren Saturn-Märkten weiterentwickeln“. Was in etwa bedeutet, dass Paul die Kunden vornehmlich unterhalten und dabei auch etwas hilfreich sein soll.

Entwickelt hat das Gerät die Firma Unity Robotics, ein ausgegründetes Unternehmen der Fraunhofer-Gesellschaft. Sie arbeitet seit Jahren an Robotern, die Pflegekräften zur Hand gehen sollen. Paul ist eine für den Handel optimierte Variante und kostet – weil es bislang erst einige wenige handgefertigte Exemplare gibt – noch „etwa so viel wie ein Mittelklasseauto“, sagt Wild. „Aber mit höheren Stückzahlen wird er günstiger werden“, sagt Unity-Robotics-Geschäftsführer Ulrich Reiser.

Paul solle das menschliche Personal nicht ersetzen, sondern entlasten, betont Manager Wild. Die Fachleute sollen mehr Zeit haben, Kunden zu beraten, der Roboter könne ihnen zeigen, wo es welche Produkte im Markt gibt. „Wir glauben, dass viele Kunden Spaß daran haben, mit einem Roboter zu sprechen“, sagt Wild. In Ingolstadt habe Paul schon Kontakt mit 100.000 Kunden gehabt, 80 Prozent davon hätten danach gesagt, sie würden den Roboter erneut nutzen. „Es kommen ganze Familien in den Markt, um sich mit Paul zu unterhalten.“

In der Filiale an der Mönckebergstraße reagierten manche Kunden leicht irritiert auf den rollenden, sprechenden Salzstreuer. Viele zückten ihre Smartphones, um zu filmen, und hatten sichtlich Spaß – auch ohne, dass Paul ausgeplaudert hatte, was er nachts so treibt: „Am liebsten USB-Kabel sortieren.“

--------------------------

Paul im Test – ein großer Spaß und ein bisschen hilfreich

Das Produkt: Der von Saturn auf den Namen Paul getaufte Empfangs- und Assistenzroboter ist ein in Deutschland entwickeltes und hergestelltes Gerät. Er basiert auf der vierten Generation eines von der Firma Unity Robotics konzipierten Pflegeassistenzroboters. Paul erkennt zwar, dass ein Mensch vor ihm steht, und reagiert auf ihn, aber er kann sich nicht bestimmte Menschen merken und ihnen gezielt folgen. Der Roboter navigiert mittels Kamera und Sensoren und stoppt selbstständig, wenn die Gefahr besteht, mit Menschen oder Gegenständen zu kollidieren.

Der Service: Paul weiß, wo in der Saturn-Filiale an der Mönckebergstraße welche Produkte zu finden sind – und führt die Kunden im Erdgeschoss bis in die jeweilige Abteilung. Wird er nach Produkten in einem der Obergeschosse gefragt, begleitet er den Kunden bis zum Fahrstuhl oder zur Rolltreppe und sagt, in welches Stockwerk der Kunde fahren muss. Paul könnte zwar im Fahrstuhl mitfahren, soll aber möglichst oft im Eingangsbereich anzutreffen sein. Fachoder Beratungsgespräche zu bestimmten Produkten kann Paul aber nicht füh ren. Fragt der Kunde danach, rät der Roboter dazu, einen der Fachverkäufer in der Abteilung anzusprechen.

Die Fortbewegung: Der Roboter ist auf Rollen unterwegs. Damit er unmittelbar vor einem Hindernis stoppen kann, aber ziemlich gemächlich. Lässt man sich von Paul in eine Abteilung führen, muss man sein Gehtempo stark reduzieren.

Die Kommunikation: Hier müssen Paul und seine Nutzer am meisten lernen. Der Roboter muss sehr deutlich angesprochen werden. Und ihm antworten kann der Nutzer erst nach einem Piepton, den Paul Sekunden nach seiner Frage von sich gibt. Antwortet der Nutzer früher, gibt es Durcheinander.

Das Fazit: Paul ist ein Spaßgerät, ein witziges Spielzeug auch für erwachsene Kinder – aber nicht wirklich hilfreich beim Einkauf. Trotzdem gibt das Abendblatt vier von fünf Sternen.

--------------------------

Der Abendblatt-Test – jeden Dienstag im Wirtschaftsressort. Alle bisherigen Folgen finden Sie unter www.abendblatt.de/testserie