Tödlicher Unfall

Mordprozess um Todesraser: Angeklagter schweigt vor Gericht

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Bettina Mittelacher
Beide Fahrzeuge wurden beim Unfall nahezu komplett zerstört

Beide Fahrzeuge wurden beim Unfall nahezu komplett zerstört

Foto: Michael Arning

Tödlicher Unfall mit gestohlenem Taxi: Der 25-Jährige muss sich wegen Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Hamburg. Vielleicht war es ein kurzer Augenblick, einen Wimpernschlag lang nur, in dem die Insassen des Taxis am Ballindamm die entsetzliche Gefahr erkannten. Mit rasender Geschwindigkeit raste ein anderer Wagen direkt auf sie zu, auf ihrer Fahrbahn. Für ein Ausweichen oder ein Bremsmanöver reichte die Zeit nicht aus. Dann krachten die beiden tonnenschweren Wagen mit zerstörerischer Wucht ineinander. Ein junger Mann starb in den Trümmern des einen Wagens, zwei weitere Menschen wurden schwer verletzt.

Ist der Mann, der den Unfall vom 4. Mai verursacht hat, ein Mörder? Das jedenfalls wirft die Staatsanwaltschaft dem 25 Jahre alten Ricardas D. im Prozess vor dem Schwurgericht vor, der am Donnerstag begonnen hat. Damit droht dem Litauer lebenslange Haft. Es ist das erste Mal, dass in Hamburg nach einem Delikt im Straßenverkehr ein Mensch wegen Mordes angeklagt wurde.

Tod eines anderen billigend in Kauf genommen?

Wahrscheinlich glaubt niemand, dass Ricardas D. einen anderen Menschen wirklich absichtlich töten und andere in Lebensgefahr bringen wollte. Aber die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 25-Jährige den Tod eines anderen „billigend in Kauf genommen“ hat. Das reicht für einen „Vorsatz“ im juristischen Sinne aus. Laut Anklage ist der 25-Jährige „rücksichtslos“ gefahren und hat „vorsätzlich Leib und Leben anderer gefährdet“ und damit eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben anderer Verkehrsteilnehmer gezeigt. Mit gemeingefährlichen Mitteln und um eine andere Straftat, nämlich den vorangegangenen Diebstahl des Taxis zu verdecken, habe er einen Menschen getötet.

Der Angeklagte selber sagt abgesehen von Namen und Geburtstag zum Prozessauftakt nichts. Die Augen nach unten gerichtet und mit unbewegtem, blassen Gesicht wirkt der 25-Jährige im gelben Polohemd wie erstarrt. Sein Verteidiger Andreas Mosenheuer erklärt, sein Mandant könne sich an den Tattag „nicht erinnern, nicht an den Unfall“ und auch nicht, wie er an das Taxi gekommen sei. Ricardas D. sei „unglaublich erschrocken“ gewesen, als er erfuhr, dass durch sein Verhalten ein Mensch zu Tode kam und zwei weitere schwer verletzt wurden. „Das lastet schwer auf seinem Gewissen. Es fällt ihm schwer, sich zu entschuldigen - weil ihm die Worte dafür fehlen. Er bedauert außerordentlich, was er getan hat.“

Alkoholwert von 1,2 Promille

Laut Ermittlungen geschah die Tat so: Ricardas D. brach in Barmbek in ein Taxi ein, den Zündschlüssel fand er in der Mittelkonsole, so dass er den Wagen starten konnte. Mit einem Alkoholwert von rund 1,2 Promille und ohne Beleuchtung des Taxis fuhr er mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit und riskanten Fahrmanövern durch die Stadt. Als er schließlich merkte, dass ein Polizist auf ihn aufmerksam wurde, trat er das Gaspedal noch weiter durch.

Nun nahm ein Funkstreifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht die Verfolgung des Autodiebes auf. Insgesamt über rund fünf Kilometer ging die Flucht des Verdächtigen weiter. Jetzt fuhr Ricardas D. den Ermittlungen zufolge über mindestens zwei rote Ampeln und lenkte schließlich sein gestohlenes Fahrzeug absichtlich in den Gegenverkehr. Dabei sei ihm bewusst gewesen, dass andere Menschen „nicht nur verletzt, sondern auch mit großer Wahrscheinlichkeit zu Tode kommen würden“, heißt es in der Anklage. Dies habe er billigend in Kauf genommen.

Mit Tempo 145 in den Gegenverkehr

Schließlich fuhr Ricardas D. demnach mit Tempo 145 ungebremst und frontal in ein anderes Taxi. Ein 22-Jähriger, der Fahrgast in dem anderen Wagen war, erlag seinen schwersten Kopfverletzungen noch am Unfallort; ein weiterer junger Mann, ein Freund und Kollege des Todesopfers, erlitt erhebliche Schädelverletzungen und Knochenbrüche. Der Taxifahrer Mehmet Y. kam mit Wirbelfrakturen, weiteren Knochenbrüchen und Prellungen in eine Klinik.

Auch der Unfallverursacher wurde bei dem Aufprall verletzt und musste im Krankenhaus behandelt werden, bevor er ins Untersuchungsgefängnis kam. Bei einer Anklage auf Mord, wie es im vorliegen Fall geschah, müsse ein Mensch den Tod anderer „zumindest billigend in Kauf genommen haben“, so Verteidiger Mosenheuer. Um dies festzustellen, sei es erforderlich, aus den äußeren Umständen der Tat „auf die innere Haltung des Angeklagten zu schließen. Kann man das?“ Genau dies wird die zentrale Frage in diesem Prozess sein. Angemessener sei es nach seiner Einschätzung, meint der Anwalt, wenn man formuliere, dass Ricardas D. vorsätzlich das Leben anderer „ gefährdet hat“.

Taxifahrer fordert mindestens zehn Jahre

Anwalt Gregor Maihöfer, der die Mutter des Getöteten vertritt, schildert vor dem Verhandlungssaal, seine Mandantin sei „nach wie vor tief erschüttert. Ihr Leben wurde durch den Verlust ihrer Sohnes total verändert.“ Sie komme direkt aus der Psychiatrie und „wird den Arbeitsplatz verlieren“. Und Taxifahrer Mehmet Y., der bei dem schwer verletzt wurde, erzählt am Rande des Prozesses, er erwarte in dem Verfahren eine „angemessene Strafe“. Nach seinem Empfinden seien das „mindestens zehn Jahre“, um dem Tod des 22-Jährigen „gerecht zu werden“. Er selber sei „noch nicht so fit, dass ich wieder arbeiten darf.“ Er müsse noch fünfmal pro Woche in die Reha.

Y. wird am zweiten Verhandlungstag, am kommenden Montag, als Zeuge gehört werden. An diesem Tag wird auch die Aussage des jungen Mannes erwartet, der lebensgefährlich verletzt wurde - und der miterleben musste, wie sein Freund starb.

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