Hörspiel-Tipp

Bela B. und die große Liebe zum Western

| Lesedauer: 6 Minuten
Tino Lange
Bela B in "Sartana – Noch warm und schon Sand drauf"

Bela B in "Sartana – Noch warm und schon Sand drauf"

Foto: Torben Köster

In der Komödie Winterhuder Fährhaus ist der Ärzte-Schlagzeuger jetzt mit dem Live-Hörspiel „Sartana“ zu erleben.

Hamburg.  Bela B alias Dirk Felsenheimer ist nicht nur seit 1982 Sänger und Schlagzeuger der Punkband Die Ärzte und Solokünstler, sondern auch als Synchron- und Hörbuch-Sprecher sowie Schauspieler aktiv. Vom 12. bis zum 14. Dezember gastiert er mit dem Live-Hörspiel „Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“ in der Komödie Winterhuder Fährhaus, begleitet von den berühmten Stimmen von Oliver Rohrbeck („Die Drei ???“), Stefan Kaminski (Kermit der Frosch), Rainer Brandt (Übersetzer der Prügelwestern-Dialoge von Bud Spencer und Terence Hill), Sängerin Peta Devlin und Belas Band Smokestack Lightnin’. Wir trafen den in Hamburg lebenden Sammler von Schundwestern und Horrorfilmen, der am 14. Dezember 55 Jahre alt wird, im Hyatt für ein Gespräch über rauchende Colts, klebrige Kinosessel und stilvollen Dreck.

„Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“, „Mausefalle für zwei schräge Vögel“, „Die sich in Fetzen schießen“: Warum haben Western der 60er- und 70er-Jahre oft so schräge Titel?

Bela B : Um aus der Masse herauszustechen. Mein Lieblingstitel ist „Mein Colt ist dein Fahrstuhl zum Schafott“. Die Filme waren Dutzendware, in zwei Wochen abgedreht. Wenn man „Sartana“ sieht, auf dem unser Stück basiert, findet man diverse Western mit denselben Darstellern in anderen Rollen. Alleine von den „Sartana“- oder „Django“-Filmen gibt es unendlich viele. Die Film­fabrik Cinecittà, Italiens Hollywood, hat einen wahren Berg Filme produziert, die Spitze aus Gold, darunter ein riesiger Haufen Kacke. Was ich schön finde.

Die Filme liefen ja seinerzeit in Bahnhofs­kinos, denen Sie auf Ihrem neuen Album „Bastard“ auch die „Ode an das Bahnhofskino“ gewidmet haben.

In West-Berlin gab es einst über 80 Off-Kinos, und einige davon waren ehema­lige Bahnhofskinos. Aber für die klassischen Bahnhofskinos bin ich zu spät geboren worden. Trotzdem, wenn ich als junger Punk in so einer Klitsche „Asphaltkannibalen“ gesehen habe, war ich froh, beim Aufstehen nicht am Sitz kleben zu bleiben. Als ich 1997 nach Hamburg kam, gab es auf dem Kiez noch das Aladin, wo arg geraucht wurde. Die Sitze waren Schrott und niemand interessierte sich für den Film. Das ist heutzutage in Kinos wie 3001, B-Movie oder Savoy zum Glück anders.

Seinerzeit waren Italo-Western bei Kritikern verpönt, während heutzutage Werke wie „Lola Colt“ oder „Gott vergibt … Django nie!“ kultisch verehrt werden.

„Lola Colt“, die erste schwarze Western-Heldin! Einer der Filme, die man schwer und nur auf VHS bekommt. Ich habe einige Filme auf DVD konvertiert, damit meine Compañeros des Live-Hörspiels mal einen Einblick bekommen.

Abgesehen von „Das finstere Tal“ ist seit Jahren kein europäischer Kinofilm mit Western-Elementen produziert worden, 1971 waren es noch über 60 in einem Jahr. Ist der Western tot?

Nein, schließlich wird das Genre alle Jahre zumindest in Amerika wiederbelebt: „Silverado“, „Der mit dem Wolf tanzt“, „True Grit“, Quentin Tarantinos „Django“ und „The Hateful Eight“. Und da die meisten davon keine Hochglanz-Western sind, bleibt der Schmutz und der Staub des Italo-Westerns weiterhin stilprägend.

Hätten Sie Ihren Kurzauftritt in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ lieber für Rollen in „Django“ oder „The Hateful Eight“ eingetauscht?

Klar, aber seine Western wurden leider nicht in Berlin gedreht. Und als Deutscher kommst du nun mal leichter in einen Film mit Nazis.

Was erwartet die Zuschauer in „Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“?

Ein Live-Hörspiel basierend auf dem Dialogbuch für den Film von Rainer Brandt, der auch als Erzähler fungiert. Dazu kommen Songs, Soundeffekte, Illustrationen, Filmausschnitte und zwischendurch auch Gespräche zum Thema Italo-Western. Viel Unterhaltung und ein wenig Information, die hoffentlich die Faszination lebendig macht, der ich seit sehr vielen Jahren unterliege.

Die „schnodderdeutschen“ Übersetzungen von Rainer Brandt galten seinerzeit als klamaukig und nicht authentisch für Western. Sie stellten die Handlung der Originalversionen teilweise komplett auf den Kopf.

Die waren oft schräg. Wir spielen eine Szene aus „Sartana“ nach, in der er nach Waffen durchsucht wird, was eine Weile dauert, denn er hat einige Pistolen und Messer dabei. Darunter ist auch eine „Zimmer-Flak“, und Flugabwehr-Kanonen gab es im Wilden Westen bekanntlich keine.

Wie viel Sartana, wie viel Anti-Held und Desperado steckt in Bela B?

Mit stilvollem Dreck kann ich mich immer anfreunden, und diese Figur ist mein Idealbild. Mit einem reaktionären Saubermann wie John Wayne kann ich mich nicht identifizieren. Aber ein unrasierter, trotzdem modebewusster moralischer Freidenker wie Sartana gefällt mir.

Können Sie reiten?

Ja, das habe ich auf der Ranch des Stuntmans von Clint Eastwood gelernt. Allerdings musste ich kürzlich merken, dass es nicht wie Fahrradfahren ist. Ich habe mich nach längerer Zeit mal wieder in den Sattel geschmissen und musste mich ganz schön festhalten.

Was ist nach 20 Jahren in Hamburg aus ihrem Berliner Dialekt geworden?

(Berlinert) Mein Berliner Akzent, Alta, der ist natürlich komplett da!

Ein weiteres Relikt des Bahnhofskinos sind Erotikfilme. Was könnte man aus heutiger Infotainment-Perspektive aus Streifen wie „Vampyros Lesbos“ oder „Die fröhlichen Holzfäller der nickenden Fichten“ machen?

Da gibt es einiges, vor allem auf kulturhistorischer Ebene. Die „Schulmädchen-Report“-Filme sagen viel über Nachkriegs-Deutschland aus, wir waren hier ja immer Nachzügler, vom Rock ’n’ Roll bis zur sexuellen Revolution. Und wer mich kennt, den wird es nicht wundern, dass ich auch schon ein Vorwort für eine Abhandlung zum Thema schlüpfrige Filme geschrieben habe.

Die aktuelle Besetzung der Ärzte mit Bela B, Farin Urlaub und Rod González feiert nächstes Jahr 25. Jubiläum. Wann kehrt die beste Band der Welt auf die Bühne zurück?

Geduld Leute, Geduld. Ihr müsst noch etwas mit YouTubern und Gangsta-Rappern ausharren. Irgendwann ist es dann auch genug und wir müssen mit flammendem Schwert dazwischenfahren.

Bela B und Compañeros in: „Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“

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