St. Pauli

Kiez-Abzocke? Hamburger Animierdamen freigesprochen

Die Table Dance-Blue-Bar Blue Night an der Reeperbahn ]

Die Table Dance-Blue-Bar Blue Night an der Reeperbahn ]

Foto: dpa Picture-Alliance / Winfried Rothermel / picture alliance / Winfried Roth

760 Euro für vier Piccolo-Sekt in einer Table-Dance-Bar an der Reeperbahn: Gab es eine Bedrohung? Was der Richter sagte.

Hamburg.  Zwei verängstigte Bayern auf der Reeperbahn und eine Rechnung von 760 Euro: Diese Situation stand am Montag im Zentrum eines Prozesses vor dem Amtsgericht. Die beiden Bayern, so die Anklage, sollen in der Table-Dance-Bar Blue Night erpresst worden sein. Doch die Tänzerinnen Angelique R. und Misdelvis L. sowie die Kellnerin Bozena K. wurden freigesprochen. Die angeklagte Tänzerin Estefania Z. befindet sich wieder in ihrer Heimat Ecuador, ihr Verfahren wird nun getrennt verfolgt.

Am Abend des 10. November 2016 besuchten der Geschädigte Raphael G. (29) und sein Begleiter Luis S. (27) aus Bayern die Bar Blue Night auf der Reeperbahn. Gegen 22.45 Uhr betraten sie „nur für ein Bier“ das Etablissement, bestellten bei Bozena K. ihr Bier, bezahlten und setzten sich.

Die beiden Männer hatten den Abend anders in Erinnerung

Zu dem, was dann passierte, gab es zwei Versionen. Bozena K. (58) erklärte, die Gäste seien in „Champagnerlaune“ gewesen und hätten den Tänzerinnen vier Flaschen eines 190 Euro Piccolo-Sekts ausgegeben. Sie habe ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Getränke für Frauen teurer seien. Auf den Tischen stehe eine „überdimensionale“ Karte mit den Preisen. In dieser „netten Atmosphäre“, so K., seien die Männer etwa 90 Minuten geblieben, bis sie gezahlt hätten und gegangen seien. „Zu meiner Überraschung kamen sie später mit zwei Polizeibeamten zurück“, sagte die Angeklagte.

Die beiden Männer hatten den Abend anders in Erinnerung. Sie seien maximal 30 Minuten in dem Club gewesen. Die Frauen hätten ungefragt Sekt aufgetischt und ihn getrunken. Raphael G. und Luis S. wollten schnell zahlen und gehen. Doch Bozena K. habe ihnen eine Rechnung von 760 Euro vorgelegt. Raphael G. weigerte sich, den Betrag zu bezahlen. Daraufhin habe ihn eine Tänzerin auf Spanisch bedroht. An den genauen Wortlaut kann er sich nicht erinnern, aber sein Eindruck war: „Wir werden hier nicht rauskommen, ohne dass da von ihnen Gewalt angewendet wird.“

Im Gegensatz zu Raphael G. versteht Luis S. kein Spanisch. Man habe ihm auf Deutsch gedroht, sagte er. Aber auch er konnte sich an den Wortlaut nicht erinnern. Im Januar hatte er der Polizei Regensburg zu Protokoll gegeben: „Es wurden keine Bedrohungen ausgesprochen, und es wurde auch niemand handgreiflich.“

Der Richter bezweifelte die Bedrohlichkeit

Die Staatsanwaltschaft sah ein strafbares Verhalten und beantragte für Angelique R., die Mutter eines zwei Wochen alten Kindes, eine Freiheitsstrafe von fünf Monaten und Geldstrafen für die beiden Mitangeklagten.

Doch der Vorsitzende Richter bezweifelte in der Urteilsbegründung die Bedrohlichkeit der Situation und sprach die Frauen frei. Zwar sei den Männern ein nicht unerheblicher Geldbetrag abverlangt worden, aber eine Erpressung liege nicht nachweisbar vor. Die Zeugen konnten die konkrete Bedrohung keiner der Frauen direkt zuordnen und beriefen sich vielmehr darauf, sich „bedroht gefühlt“ zu haben. Die spanischsprachige Misdelvis L. betonte, durchgängig auf der Bühne getanzt zu haben.