Inklusion

Wie verändert sich eine Stadt, die man nicht sieht?

Torsten Wolfsdorff vor einem Rohbau im Baakenhafen. Die HafenCity besteht für den blinden Mann vor allem aus lauten Baustellen

Torsten Wolfsdorff vor einem Rohbau im Baakenhafen. Die HafenCity besteht für den blinden Mann vor allem aus lauten Baustellen

Foto: Lisa M. Pausch

Torsten Wolfsdorff ist von Geburt an blind. Wie er den Wandel Hamburgs erlebt schildert er bei einem Rundgang.

Hamburg.  Torsten Wolfsdorff macht sich nichts aus dem Hype um die Elbphilharmonie. „Ich hab das alles an mir vorbeigehen lassen“, sagt er. Was er weiß, hat er gehört: „Alles viel zu teuer.“ Aber auch: Imposant. Geschwungen. Glas. Diese Worte hat der 56-Jährige gelernt. Er hat keine Vorstellung davon, wie sie sich visuell erfahren lassen.

Torsten Wolfsdorff schreitet durch seine Zweizimmerwohnung ohne sich zu stoßen. Auf dem roten Sofa stapeln sich ungeöffnete Umschläge, an den Wänden erinnern gerahmte Fotos an einen Urlaub in den hellen Nächten Islands. Zu den großen weißen Locken trägt Wolfsdorff Rollkragenshirt und Pullover in fein abgestimmten Bordeauxtönen. Seine Frau hilft ihm in Stilfragen, sie hat noch ein wenig Sehkraft. Er aber hat keine optische Vorstellung von Farben, von hell, von dunkel, von seiner Stadt. Kein Bild, keine Skyline, nichts. Er ist von Geburt an blind.

Veränderung bedeutet zunächst: Baustellen

Seit mehr als 30 Jahren lebt Wolfsdorff in Hoheluft-West. Die laute Welt vor seiner Haustür betritt er nur mit seinem weißen Stock. Er klopft ihn im Herzschlagrhythmus sanft auf den Asphalt. Die Abstände zu Autos und Wänden kann er hören, das funktioniert „wie bei der Fledermaus, nur ohne Ultraschall“. Der Herbsttag ist so einladend wie der verlassene „Hollywood Imbiss“ vor einer Backsteinsiedlung. Senkrechte Neonröhren am Eingang mit gebrochener Plastikummantelung, Pappe in den Fenstern, Wellblechverkleidung. Wolfsdorff weiß genau, wo welcher Laden gerade zugemacht hat.

Wie verändert sich eine Stadt, die man nicht sehen kann? Kann man den Geist, der die Straßenzüge besetzt und den alle Gentrifizierung schimpfen, hören, ertasten?

Für Wolfsdorff bedeutet Veränderung zunächst: Baustellen. Ohne klar ertastbare Ausmaße. Baulärm, der alle Echos schluckt. Und diese „fiesen Baugerüste, aus denen Stangen rauskommen, die man nicht vorhersehen kann“.

Jedes Viertel hat seine Sprache

Torsten Wolfsdorff geht auf dem Radweg, hier gibt es noch keine Abgrenzungsstreifen. Er stößt mit der Hand an einen kleinen Pfosten, mit der Schulter an eine Parkuhr und einen Stromkasten. Kleine Hindernisse, überall. „Ich würde gerne wissen, wie die Stadtviertel zueinander liegen“, sagt Torsten Wolfsdorff. Er könne die einzelnen Stadtteile nicht auseinanderhalten. Bei einer langen Busfahrt schwappen unterschiedliche Viertel als Sprache durch die Tür. In Eppendorf steigen gewählte Wörter zu, andernorts „Diggas“.

Am U-Bahnhof Hoheluftbrücke kommt ein Schwall Menschen aus Richtung der Treppen. „Die Leute sind meine Orientierung.“ Er läuft auf einen „Hinz+Kunzt“-Verkäufer zu, dreht scharf ab, der Stock verfehlt die Beine eines Kioskstandschilds. „Ich kann ja keinen Blickkontakt aufnehmen.“ Er freut sich, wenn Menschen ihn ansprechen und helfen wollen. Manchmal bekommt er fremdsprachig Hilfe. Generell hört er inzwischen mehr persisch und arabisch.

Die Stimmung verändert sich

Wenn sich ganze Stadtviertel mit der Zeit verändern, sieht Wolfsdorff das nicht an gestrichenen Fassaden, Mode oder schicken Autos. Er merkt, wie sich die Stimmung verändert, wo Menschen in geschlossenen Räumen zusammenkommen. Mit Mitte 20 zog er ins Grindelviertel. Damals lebten hier viele Studenten, „alles war schlampiger“, die Art zu sprechen, die Cafés. Durch die alten Maschinen „blubberte der Kaffee durch“. Die Neuen surren verlässlich und leise. Sie seien „leistungsorientiert“ wie die Menschen. Diese Geschäftigkeit spürt er auf der Straße. Und die Studenten würden heute vor allem darüber reden, welchen Schein sie als nächsten machen müssten.

Wolfsdorff hat es bis zur Bahn geschafft. „Vor Bahnsteigen hat jeder Vollblinde größten Respekt“, sagt er. An der Hoheluftbrücke wird gerade gebaut, das neue Leitsystem ist schon fertig. Rillen, die Leben retten können. In den 90er-Jahren kamen die ersten, heute haben 65 der 92 U-Bahn-Stationen diese sogenannten taktilen Leitsysteme. „Der nächste Zug ist ein Kurzzug“, meldet die Bahnhofsstimme. Manche Leute fragten, was „der Quatsch“ denn solle, so Wolfsdorff. Für ihn ist auch die Ansage zum Seitenausstieg wesentlich. Er ist dankbar dafür, dass sich im öffentlichen Nahverkehr so viel tut. Mit Bus und Bahn kann er mittlerweile fast jeden Winkel der Stadt erreichen.

Statt der Elbe hört er Baulärm – und Autos

In Deutschland lebten im Jahr 2015 rund 120.000 blinde oder hochgradig sehbehinderte Menschen, 2980 davon in Hamburg. „Um Barrierefreiheit zu erreichen, sollten Betroffenenverbände frühzeitig in Entscheidungsprozesse zur Stadtplanung einbezogen werden“, sagt Melanie Wölwer, Sprecherin des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg. Am 3. Dezember 1992 riefen die Vereinten Nationen den Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung aus. Er soll jedes Jahr ein Zeichen für gleichberechtigte Teilhabe setzen.

Teilhabe wäre für Torsten Wolfsdorff auch eine bezahlte Arbeit. Der 56-Jährige bezieht Blindengeld und unterstützt ehrenamtlich Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. In den 80er-Jahren begann er ein Jurastudium, später auch Sozialpädagogik, er wollte im sozialen Bereich arbeiten. Aber das klappte nicht so recht. Nach außen sehe die Inklusion schön aus, bemerkt er, es werde auch viel gemacht. „Wenn es aber ernst wird und mal richtig schmerzhafte Veränderungen bedeuten könnte, wird es schwierig.“ 49 Prozent der Menschen mit Behinderung zwischen 18 und 64 Jahren gehen einer bezahlten Arbeit nach. Vom Rest der Bevölkerung sind 80 Prozent erwerbstätig.

Er riecht das Wasser

Station HafenCity Universität. Glatte Flächen, viel Glas, hohe Decken. „Ganz schön viel Raum“, sagt Wolfsdorff. Das hört er. Von den orangefarbenen und grünen Lichtcontainern, die von der Decke hängen, weiß er nichts. Das warme Licht spiegelt sich in den schwarzen Wandfliesen. Dann schwenken die Lichter auf kaltes Blau und Weiß. „Das hätte ich nicht mit Kälte verbunden.“, sagt er. „Hell ist doch eine warme Farbe.“

Torsten Wolfsdorff steht am gläsernen Treppengeländer vor der HafenCity Universität mit dem Gesicht in Richtung Baakenhafen und Norderelbe. „Man riecht das Wasser“, sagt er. Hören kann er es aber nicht. In sein Ohr bohrt sich stattdessen Betriebslärm von Presslufthämmern, Sägen – und Autos.

Elektroautos hört er kaum

Wolfsdorff legt die Hand auf das kalte glatte Metall der Brüstung. Die neue Architektur ist nicht aus Holz oder Backstein, sondern aus Metall, Glas, Kunststoff. Ihm gefällt das, dieses Glatte. „Diese ebene Fläche“, sagt er, „das ist ästhetisch schon etwas Schönes für mich.“ Wenn er nicht blind wäre, würde Torsten Wolfsdorff außerhalb der Stadt wohnen, mit Wald und Wiesen. Die Innenstadt ist ihm längst zu anstrengend geworden. Es lauern Elektroautos, kaum hörbar. „In die Mönckebergstraße gehe ich praktisch nicht mehr“, sagt er. Der Bordstein dort ist flach, es gibt keine Ampeln. Dafür zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viel Neues. Er steigt in die U-Bahn, sie bringt in zurück in sein vertrautes Viertel.