Gymnasium Heidberg

Wo Hamburgs Sportstars von morgen zur Schule gehen

Ein Leben für Sport und Schule: vorne (v. l.): Lisa Musci (15,
Hockey), Etienne Sander (15, Handball), Lotti Fuchs (16,
Volley- und
Beachvolleyball), Sidney Haase (17, Eiskunstlauf).
Hinten (v. l.): Luzie Grutke (16, Jiu-Jitsu),
Jule Krueger (13, Reiten),
Anuschka Reumann (17, Reiten)

Ein Leben für Sport und Schule: vorne (v. l.): Lisa Musci (15, Hockey), Etienne Sander (15, Handball), Lotti Fuchs (16, Volley- und Beachvolleyball), Sidney Haase (17, Eiskunstlauf). Hinten (v. l.): Luzie Grutke (16, Jiu-Jitsu), Jule Krueger (13, Reiten), Anuschka Reumann (17, Reiten)

Foto: Andreas Laible / HA

Zu Besuch im Gymnasium Heidberg, wo auch HSV-Stürmer Fiete Arp unterrichtet wird. Hier träumen Talente von einer Profi-Karriere.

Hamburg. Sidney Haase kommt mit ihren Schlittschuhen in die Schule. Jeden Tag. Schultasche und Schlittschuhe. Die Zeit reicht nicht, um nach dem Unterricht noch nach Hause zu fahren und dort die Sportklamotten einzusammeln. Nach dem Unterricht geht es für die 17-Jährige also sofort in die Volksbankarena im Volkspark aufs Eis. Und wenn die eine Stunde dort vorbei ist, geht es weiter in die Wallanlage zur Eisbahn dort. Weiteres Training. Sidney Haase betreibt Leistungssport. Im Eiskunstlaufen. In Hamburg. Ja, auch das gibt es.

„Wir wollen uns bei der Förderung der Schüler nicht nur auf die Kernsportarten in Hamburg beschränken“, sagt Simone Krohn-Fröschle, die Direktorin des Gymnasiums Heidberg. Dort kann Sidney Haase ihre schulische Ausbildung in Einklang mit ihrer sportlichen Ausbildung bringen. In der Stadtteilschule am Alten Teichweg, der einzigen „Eliteschule des Sports“ in Norddeutschland, gibt es die Förderung nur für einige wenige olympische Sportarten. Und Eiskunstlauf gehört nicht dazu. „Uns ist wichtig, dass jedes Kind die Möglichkeit hat, seinen Sport intensiv auszuüben“, so Krohn-Fröschle. Reiterinnen sind dabei, Golfer, Handballer, Hockeyspieler. Sogar eine sechsjährige Ballett-Elevin von John Neumeier geht in Langenhorn zur Schule.

155 Athleten aus 19 Sportarten

Wer das Hauptgebäude der Schule, einen dieser Betonkästen aus den Siebzigern, betritt, sieht sofort die große Vitrine mit den zahlreichen silbern glänzenden Pokalen und Auszeichnungen. Trophäen, Urkunden, Preise hängen überall an den Wänden. Auch ein aktuelles HSV-Trikot mit den Unterschriften der Spieler. Die Verbindung zum HSV ist eng, seit Jahren – und nicht erst seit Fiete Arp (17) für Aufsehen sorgt. Schon Spieler wie Thomas von Heesen, Bastian Reinhardt oder auch Kim Kulig haben hier ihre Reifeprüfung bestanden – die fürs „wahre“ Leben. Das ist ein Stück Vergangenheit. Die Gegenwart sind 155 Kadersportler aus 19 Sportarten, auch Fußball, aber eben nicht nur.

870 Schüler insgesamt gehen auf das Gymnasium unweit der Fritz-Schumacher-Siedlung. Die Topsportler sind also durchaus in der Minderheit. Heidberg ist eine normale Lehranstalt, in der auch viel Wert auf naturwissenschaftliche Förderung wie bei „Jugend forscht“ gelegt wird. Nicht normal aber sind die Affinität zum Sport und die Möglichkeiten, die die Schule jungen Athleten einräumt. „Wir sind das einzige Gymnasium in Hamburg, das dies in dieser Form macht“, sagt Krohn-Fröschle. 2010 wurde das Gymnasium zur „Eliteschule des Fußballs“ vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) ernannt. Damit ist es an das Nachwuchsleistungszentrum des HSV gekoppelt. „Der HSV schickt Trainer, die hier auf dem Gelände Training anbieten, das ist aber auch für Talente aus anderen Vereinen offen“, erzählt Knut Rüdiger Rettig, „wir haben auch sieben Spieler vom FC St. Pauli hier und welche von Eintracht Norderstedt und anderen Clubs“.

Keinerlei Edelstahlglamour, aber top Geräte

Rettig ist als Leistungssport-Koordinator an der Schule der Organisator und das Bindeglied zwischen den Vereinen, den Verbänden, den Eltern und den Schülern. Denn Fußball ist ja das eine, der andere Sport ist – eben – das andere. Der langjährige Volleyballtrainer beim Hamburger Verband schließt den Kraftraum der Schule auf. Ein „normales“ Klassenzimmer ohne den Glamour eines Fitnessstudios. Nicht besonders groß, keinerlei Edelstahlglamour, aber top Geräte, „darauf achten wir schon“. Eine Gruppe von acht Schülern und Schülerinnen ist jetzt dran, dabei auch Karlotta Fuchs (16), die beim ETV Volleyball spielt. „Einmal in der Woche kann ich das Krafttraining hier an der Schule absolvieren und am Dienstag in der Halle Volleyball trainieren“, erzählt die Drittligaspielerin.

Damit ist sie ein relativ typischer Fall für die Verzahnung von Schule und Training. Sie nutzt zwei „Sportfenster“ zwischen der dritten und der sechsten Stunde, in denen die Jungathleten aus dem Unterricht herausgenommen werden und trainieren können. „Aber natürlich müssen die Sportler ihren Stoff erarbeiten wie alle anderen Kinder auch“, sagt Krohn-Fröschle, „nur dass wir die Möglichkeit haben, den Weg dahin zeitlich zu individualisieren.“ Das heißt große Flexibilität bei Klausuren, zeitliche Sonderregelungen, Stunden die nachgearbeitet werden. „Ohne ein Kollegium, das großes Verständnis und Liebe zum Sport hat, ginge das nicht“, weiß die Direktorin, die deshalb bei Einstellungsgesprächen auch darauf besonders achtet. 75 Lehrer sind hier tätig, 14 unterrichten auch Sport. Für die Bedürfnisse der Kaderathleten sind auch ein Sportmediziner, ein Psychologe, ein Physiotherapeut und ein Ökotrophologe mit an Bord.

Für eine neue Sporthalle fehlt das Geld

Gerade liegen die Bewerbungsunterlagen der Schule bei der Schulbehörde für die Anerkennung als „Partnerschule des Nachwuchsleistungssports“ vor. Bisher wurde die Schule als „Partnerschule des Leistungssports“ geführt. Da sind gerade organisatorische Reformen in der Behörde im Gange. Das wird nicht heißen, dass die finanzielle Unterstützung nun wesentlich üppiger wird. Ein Kunstrasenfußballplatz mit Laufbahn und Leichtathletikanlage ist vorhanden, zwei Beachvolleyballfelder, ein kleiner Basketballcourt, eine Dreifeldhalle. „Wir bräuchten dringend eine zweite Sporthalle, unsere Halle ist von zehn bis 17 Uhr täglich komplett durchgebucht“, berichtet Rettig, „aber daran ist im Augenblick nicht zu denken. Es ist einfach kein Geld da.“

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Luzie Grutke aus der elften Klasse wird auch deshalb zweimal in der Woche vormittags im „Sportfenster“ von ihrem Trainer abgeholt. So kann sie in einem Dojo in Harksheide trainieren. Die 16-Jährige betreibt Jiu-Jitsu. Im März wurde sie Weltmeisterin der unter 18-Jährigen in der Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm. Sie wohnt in Quickborn, startet für einen Verein in Norderstedt. Seit Anfang 2016 besucht sie das Heidberg-Gymnasium, wie einige andere Sportler aus Schleswig-Holstein auch. „Diese Entscheidung hab ich nie bereut“, sagte sie schon nach ihrem WM-Gewinn, „auch wenn die Tage manchmal sehr anstrengend sind und der Aufwand recht groß.“

Sportler können online Unterricht nachholen

Für Luzie Grutke gilt jedoch, was auf die meisten Leistungssportler zutrifft: „Sie sind extrem diszipliniert, mental stark, teamfähig und haben ein großartiges Zeitmanagement“. Sagt nicht nur Simone Krohn-Fröschle. Auch bei immer mehr Unternehmen in der Wirtschaft spricht sich herum, dass Top-Athleten irgendwann vermutlich zu Top-Performern auch im Berufsleben werden. Eben deshalb ist eine gute schulische Ausbildung so wichtig. Denn der Traum, irgendwann einmal von ihrem Sport als Profi zu leben, der erfüllt sich nur für die wenigsten. Und in Randsportarten ist das völlig unwahrscheinlich.

Die schulische Ausbildung wird durch externe Förderlehrer ergänzt, die sozusagen „stand by“ bereitstehen, um eventuell Versäumtes in der Schule nachzuarbeiten. Auch Online-Unterricht am Computer ist möglich, wenn wieder ein Sportler für längere Zeit unterwegs zu einem Wettkampf ist.

Möglicherweise muss Sidney Haase bald darauf zurückgreifen, man wird das sehen. Die Eiskunstläuferin nimmt vom 7. bis 16. Februar am Deutschen Olympischen Jugendlager bei den Winterspielen in Pyeongchang teil. Als einzige Hamburgerin. Was für ein Erlebnis! Ermöglicht auch durch ihre Schule.

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