Medizingeschichte

Hamburg – Drehscheibe der NS-Euthanasie

Institutsleiter Philipp Osten führt Uwe Koch-Gromus und Dorothee Stapelfeldt (v.l.) durch die Ausstellung

Institutsleiter Philipp Osten führt Uwe Koch-Gromus und Dorothee Stapelfeldt (v.l.) durch die Ausstellung

Foto: Senatskanzlei

Neue Dauerausstellung in Eppendorf und ein Gedenkbuch erinnern an die 6000 Opfer der Medizinverbrechen in der Stadt.

Hamburg. Als Lisa Huesmann am 19. Juni 1943 ermordet wurde, war sie drei Jahre alt. Das Mädchen aus der Nähe von Itzehoe litt an Krampfanfällen, seine Mutter schickte es auf Anraten der Ärzte in das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. Dort wurde Lisa von einer Stationsärztin mit dem Schlafmittel Luminal getötet. Die tief getroffene Mutter des Mädchens ließ zu ihrem Gedenken eine Zeichnung anfertigen. Eine Reproduktion des Porträts ist Teil der neuen Dauerausstellung im Medizinhistorischen Museum des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE).

„Die Zuerkennung des Opferstatus’ kam beschämend spät für eine Gesellschaft, die sich als zivilisiert versteht“, sagte Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) am Montag bei der Eröffnung der neuen Ausstellung. „Indem wir Verbrechen und Verbrecher an den Orten des Geschehens aufzeigen und die Namen der einzelnen Opfer nennen, erfüllen wir den längst überfälligen Anspruch auf ihre Anerkennung.“

16.000 Zwangssterilisationen allein in Hamburg

Mehr als 6000 Kinder, Frauen und Männer aus Hamburg wurden Opfer der Medizinverbrechen im Nationalsozialismus. Auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde ab 1934 auch die Zwangssterilisation gerechtfertigt. Menschen mit nach damaligem Wissensstand als erblich eingestuften Krankheiten wie Depression, Manie, Hüftluxation, Epilepsie, „Klumpfuß“, Alkoholismus, Lippe-Kiefer-Gaumenspalte oder Schizophrenie galten als „erbkrank“. Zwischen 1934 und 1945 wurden 400.000 Menschen zwangsweise sterilisiert, mehr als 16.000 allein in Hamburg. Den Kindern der Euthanasie-Opfer wurde erst 2011 das Recht auf eine Entschädigung zugebilligt.

Neben Einzelschicksalen zeigt die Ausstellung mehr als eintausend Bücher medizinische Fachliteratur von 1900 bis 1970. Auszüge sollen illustrieren, wie eugenisch-ideologisches Gedankengut Reformen in der Medizin verdrängte. Nach Ende des zweiten Weltkriegs war die Ansicht verbreitet, Menschenexperimente an KZ-Häftlingen, Zwangsarbeitern und Patienten seien außerhalb der „reinen“ Wissenschaft durchgeführt worden.

NS-Forscher publizierten noch Jahrzehnte später

„Diese These ist widerlegt“, so Uwe Koch-Gromus, Dekan der Medizinischen Fakultät am UKE. Anerkannte Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse in Fachzeitschriften, zum Teil Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reichs. Abgeschlossen sei die Aufarbeitung keineswegs: „Noch im Jahr 2012 wurden Präparate von Kindern gefunden, die in sogenannten Kinderfachabteilungen ermordet wurden“, so Gromus. Aus der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg und, nach deren Schließung 1942, aus der Psychiatrischen und Nervenklinik des UKE wurden 2000 Menschen in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn überwiesen. Sie wurden sterilisiert, ermordet oder in Tötungsanstalten gebracht. „Dieser Ort funktionierte als Drehscheibe der NS-Euthanasie“.

Auf Initiative der Senatskanzlei hatte ein Arbeitskreis mit Vertretern verschiedener Institutionen und Ehrenamtlichen ein Konzept zum Gedenken an die Opfer der NS-Euthanasie erarbeitet. Neben der Ausstellung wird mit dem „Hamburger Gedenkbuch Euthanasie. Die Toten 1939-1945“ 4700 Opfern der NS-Euthanasie namentlich gedacht. Eine Liste der Namen ist auch online unter www.hamburger-euthanasie-opfer.de einsehbar.

Auf dem Gelände der Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll, zentraler Ort dieser Verbrechen in Hamburg, werden im Mai 2018 Gedenkstelen eingeweiht.

Dauerausstellung „Medizinverbrechen im Nationalsozialismus“, Medizinhistorisches Museum Hamburg, Martinistraße 52, Mi, Sa/ So 13- 18 Uhr. Eintritt: 6 Euro (erm. 4 Euro)