Ausbildung

1381 Jugendliche finden keine Lehrstelle in Hamburg

Schüler Ilian Menke (M.) macht ein Praktikum bei Segelmacher Franco Pump (l.) und näht ein Segel. Hamburgs Handwerkskammerpräsident Josef Katzer schaut interessiert zu

Schüler Ilian Menke (M.) macht ein Praktikum bei Segelmacher Franco Pump (l.) und näht ein Segel. Hamburgs Handwerkskammerpräsident Josef Katzer schaut interessiert zu

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Zweithöchster Wert seit 20 Jahren in Hamburg. Gewerkschaft schlägt Alarm und kritisiert Unternehmen wegen „Bestenauslese“

Hamburg.  Ilian Menke hat sich schon früh Gedanken über seinen Beruf gemacht. Ungewöhnlich für einen 14-Jährigen, der die neunte Klasse besucht und das Abitur machen will. Er absolvierte ein dreiwöchiges Praktikum in der Hamburger Segelmacherei Pump. „Erst wollte ich in einer Tischlerei arbeiten, doch dann habe ich mich hier beworben“, sagt Menke. Die Arbeit mit textilen Materialien hat ihn überzeugt, schon in der zweiten Woche saß er an der Nähmaschine. Viel tun muss Werkstattinhaber Franco Pump für seinen künftigen Lehrling nicht mehr. „Ich möchte gerne Segelmacher lernen“, ist Menke schon jetzt überzeugt.

Für viele andere ist der Weg in die Erwerbstätigkeit längst nicht so klar, obwohl 11.752 Lehrstellen zur Verfügung standen. Zwar gibt es immer mehr Ausbildungsplätze in der Hansestadt, aber dennoch finden nicht alle Interessenten einen. „Ende September gab es noch 1381 Schulabgänger ohne einen Ausbildungsplatz“, sagte Sönke Fock, Chef der Agentur für Arbeit, bei der Vorstellung der Ausbildungsplatzbilanz in der Segelmacherwerkstatt Pump. Das ist der zweithöchste Wert seit zwei Jahrzehnten.

Bewerber auf bestimmte Berufe fixiert

Nur im Jahr 2014 lag der Wert mit 1537 Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz höher. Gleichzeitig gibt es noch rund 800 offene Ausbildungsplätze, die der Arbeitsagentur gemeldet wurden. Doch die Zahl reicht schon rechnerisch nicht aus, um allen 1381 unversorgten Schulabgängern einen Ausbildungsplatz zu garantieren. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der unbesetzten Lehrstellen um 14 Prozent erhöht. Hinzu kommt, dass oftmals die Erwartungen der Bewerber und die der Firmen nicht übereinstimmen oder die Bewerber auf ganz bestimmte Berufe fixiert sind.

Rund 100 noch freie Ausbildungsplätze gibt es nach der Statistik der Arbeitsagentur zum Beispiel für Kaufleute im Gesundheitswesen. 64 unversorgte Schulabgänger wollen aber lieber medizinischer Fachangestellter werden. Oder ein anderes Beispiel: 94 Jugendliche möchten eine Lehrstelle als Kaufmann im Einzelhandel antreten. Hier gibt es aber nur 44 freie Plätze.

Für Handwerk zahlt sich Imagekampagne aus

„Die Schere zwischen Schulabgängern ohne Ausbildungsplatz und gleichzeitig unbesetzten Lehrstellen wird immer größer“, sagt Katja Karger, Vorsitzende des DGB Hamburg. „Wir müssen uns stärker mit den Ursachen beschäftigen, denn diese liegen nicht nur bei den Bewerbern. Die Bestenauslese muss beendet werden.“ Nach ihrer Einschätzung müssen viele Azubis Überstunden machen, gleichzeitig gibt es in den Firmen aber keinen klaren Ausbildungsplan.

Nach Einschätzung der Arbeitsagentur und der Behörde für Schule und Berufsbildung gibt es viele Ursachen für die hohe Zahl von Schulabgängern ohne Ausbildungsplatz. „Mit den seit fünf Jahren bestehenden Jugendberufsagenturen ist das Netz um die Schulabgänger viel engmaschiger geworden“, sagt Staatsrat Rainer Schulz von der Behörde für Schule und Berufsbildung. „Viele sind früher durch dieses Netz gerutscht und erst Jahre später als jugendliche Arbeitslose ohne Berufsausbildung wieder aufgetaucht.“ Durch den steigenden Anteil von Abiturienten haben die Jugendlichen immer mehr Optionen.

Bewerbertraining kann helfen

„Vor allem Abiturienten entscheiden sich sehr spät für eine duale Ausbildung, wenn der Wunschstudienplatz nicht zur Verfügung steht“, sagt Fock. Zunehmend strömen auch Flüchtlinge auf den Ausbildungsmarkt. „Sie haben es aber wegen der sprachlichen Barriere besonders schwer, eine Lehrstelle zu finden“, sagt Fock. Alle 1381 unversorgten Schulabgänger werden weiterhin betreut, so der Arbeitsagentur-Chef. „Wer Schwierigkeiten hat, einen Lehrbetrieb zu finden, bei dem investieren wir in das Bewerbertraining.“ Die Voraussetzungen, demnächst einen Ausbildungsplatz zu finden, sind jedenfalls gut. Für das Ausbildungsjahr 2017/2018 stehen in Hamburg bereits rund 7100 Plätze zur Verfügung. Das sind bereits neun Prozent mehr als im Vorjahr.

Im Wettbewerb um Auszubildende stellen die Betriebe ihre Plätze immer früher zur Verfügung. Am besten ist das im Ausbildungsjahr 2016/17 dem Handwerk gelungen. Die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge stieg um 3,3 Prozent auf 2541. Handwerkskammerpräsident Josef Katzer sieht das vor allem als Erfolg einer Imagekampagne des Handwerks. „In den Betrieben des Handwerks wird auf ein gutes Betriebsklima und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geachtet“, sagt Katzer.

18.700 Jugendliche haben Ausbildung begonnen

Dennoch sind auch im Handwerk noch rund 400 Lehrstellen unbesetzt. Im Bereich der Handelskammer ging die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 2,1 Prozent auf 8862 zurück. „Wir müssen den Schulabgängern noch stärker vermitteln, dass man auch mit einer dualen Ausbildung Karriere machen kann“, sagt André Mücke, Vizepräses der Handelskammer. Es falle immer schwerer, geeignete Bewerber zu finden. Insgesamt haben in Hamburg in diesem Jahr 18.700 Jugendliche eine Ausbildung begonnen. Zu den rund 14.000, die eine duale Ausbildung in Betrieb und Berufsschule absolvieren, kommen 4700, die eine schulische Ausbildung machen, zum Beispiel Erzieher oder Gesundheitsfachkräfte.

Bis Ilian Menke seine Ausbildung beginnt, würde Segelmacher Pump gerne noch mindestens zwei andere Segelmacher ausbilden, auch noch in diesem Jahr. „Doch es fehlt an geeigneten ­Bewerbern“, sagt er. „Viele haben zu romantische Vorstellungen von dem Beruf.“ Denn Segel werden kaum noch gefertigt, eher Sonnensegel für Kreuzfahrtschiffe oder Gärten. Viele Aufträge kommen auch von Flugzeugbauern oder aus der Werbung.