Hamburg

Wie eine Sporttherapie einem verletzten Kundus-Soldaten half

Fahrradfahren machte Marcin Staniszewski wieder fit für den Beruf und das Alltagsleben

Fahrradfahren machte Marcin Staniszewski wieder fit für den Beruf und das Alltagsleben

Foto: Marcelo Hernandez

Leutnant Marcin Staniszewski aus Hamburg kam verletzt zurück aus Afghanistan. Sport machte ihn wieder fit – körperlich und geistig.

Hamburg.  Natürlich wollte er es wissen, ehrgeizig, wie er war. Wollte nicht nur auf dem Rennrad bestehen, seiner Vorzeige-Disziplin. Und auch nicht im Sitz-Volleyball, wo er aushalf, weil sonst keine Mannschaft zustande gekommen wäre. Der Sprint auf der Tartanbahn war die eigentliche Herausforderung, dort wollte er sich beweisen – trotz seines maladen Knies. Schließlich war er mal schnell gewesen, damals, als noch alles in Ordnung war. „Es war wahrscheinlich nicht besonders schlau, bei dem Rennen mitzulaufen, sagt Marcin Staniszewski (33). „Das Knie hat sich anschließend deutlich gemeldet. Aber das Gefühl, es geschafft zu haben, war unbeschreiblich. Ich habe mich wie ein neuer Mensch gefühlt.“

Fünf Wochen ist es her, seit der Hamburger mit Ehefrau Natalia aus Toronto zurück ist. Die kanadische Stadt war in der letzten Septemberwoche Gastgeber der achttägigen Invictus Games, jener internationalen Sportveranstaltung, die zu Ehren von kriegsversehrten Soldaten seit 2014 veranstaltet wird. Prinz Harry, Sohn des englischen Thronfolgers Charles und der verstorbenen Diana, hat sie initiiert. Eigene Erlebnisse als Soldat in Afghanistan hatten bei dem Royal wohl das Gefühl ausgelöst, etwas tun zu wollen für die Veteranen dieser Welt.

2011 als Feldjäger im Kundus

Auch das Mitmachen 20 deutscher Soldaten ging unter im Boulevardtaumel der Medien, die sich in ihrer Berichterstattung überwiegend auf den Enkel von Queen Elizabeth II. und seine Freundin, die Schauspielerin Meghan Markle, gestürzt hatten. Kaum jemand hatte registriert, dass sich inmitten der 550 Teilnehmer aus 17 Nationen auch eine kleine deutsche Delegation in zwölf Sport-Disziplinen versucht hatte – begeistert unterstützt von 75.000 Zuschauern. „Dabei sein ist alles“ wird hier als Motto noch ausgelebt.

Dass auch Leutnant Staniszewski vom Feldjägerdienstkommando Hamburg teilnehmen durfte, hat etwas mit seinem Auslandseinsatz 2011 in Kundus zu tun. Vier Monate war er damals mit seinen Männern als Begleitschutz für deutsche Konvois unterwegs, immer auf der Hut vor Hinterhalten und Angreifern, Minen und Beschuss.

Die Männer gingen in die Dörfer und versuchten mit Dolmetschern, die Bewohner von der Sinnhaftigkeit einer Kooperation zu überzeugen. Was bei diesen Einsätzen tatsächlich passierte, darüber möchte Staniszewski nicht reden. Seine persönliche Geschichte hat er sechs Jahre danach noch nicht einmal seiner Frau oder seinen Eltern erzählt. Trotzdem sagt er: „Ich habe keine posttraumatische Belastungsstörung.“ So heißt die Seelenqual, an der viele Heimkehrer aufgrund der Kriegserlebnisse leiden. „Bei mir ist nur das Knie kaputt.“

200 Betroffene nehmen an Sporttherapie teil

Das „nur“ zeigt, woran ein Perfektionist wie Staniszewski ebenfalls leidet. Passiert ist sein Unfall nicht im Einsatz, sondern im Lager. Ein hoher Offizier war angereist, hatte sich zeigen lassen wollen, wie die Soldaten mit schwerem Marschgepäck funktionieren. Bei einer Drehung mit der über 40 Kilogramm schweren Belastung auf dem Rücken war das Knie sozusagen stehen geblieben. Im Inneren rissen Meniskus und alle Bänder ab, plötzlich hatte er keinen Halt mehr in dem Gelenk. Er wurde ausgeflogen, in Hamburg zweimal operiert und ein drittes Mal in Hannover, alles innerhalb von drei Jahren. Komplikationen erschwerten die Heilung. Danach konnte er immer noch nicht wieder laufen und hatte sich 20 Kilogramm Übergewicht angefuttert. „Ich fühlte mich schrecklich“, sagt Staniszewski, der früher als Verteidiger bei Rot-Weiß Wilhelmsburg und später Komet Blankenese Fußball gespielt hatte.

Per Zufall hörte er von einer Sporttherapie der besonderen Art. In Warendorf, wo die Bundeswehr ihr Zentrum für Sportmedizin, aber auch die Sportschule beherbergt, hat sich ein innovativer Ansatz für Heilung durch Bewegung eta­bliert. Besonders jenen Soldaten, die verwundet, verletzt oder erkrankt von ihren Auslandseinsätzen zurückgekehrt waren, wollte man dort mit Sport, aber eben auch therapeutischer Begleitung zurück in ein selbstbestimmtes Leben helfen. Intensive körperliche Betätigung, so die banale Basis-Erkenntnis, die auch jeder Jogger nach Feierabend erleben kann, mindert den Stresspegel, hilft beim Schlafen und im Falle der Soldaten beim Abarbeiten jener schrecklichen Erlebnisse, die sie festsitzend im Kurzzeitgedächtnisspeicher mit nach Hause gebracht haben.

Allerdings ist tätige Mithilfe angesagt, wenn man dort behandelt werden will. Nur wer zeigt, dass er die mit den Ärzten und Therapeuten abgestimmten Ziele erreicht, erhält einen Behandlungsplatz. Der ist dann lebenslang. Wann immer jemand Probleme hat, kann er wiederkommen. Derzeit nehmen 200 Betroffene das Angebot wahr.

Gegen den Feind in Kopf und Körper

Offiziell brauchen aktuell 2000 Rückkehrer ärztliche Hilfe. Doch die Dunkelziffer ist viel höher. Viele der traumatisierten Soldaten können nicht mehr schlafen, leiden unter sogenannten Flashbacks, die sie unerwartet und realitätsgetreu mit Gerüchen und Geräuschen an die Orte ihres Grauens katapultieren. „Ich kenne einen Fall“, sagt Sporttherapeut Alexander Schneider aus Warendorf, „da hat die Ehefrau ihren Mann wegen seiner Albträume behutsam geschüttelt, um ihn zu wecken. Er ist aufgesprungen, hat sein imaginäres Gewehr angelegt und versucht, auf sie zu schießen.“

Schneider war mit in Toronto, gehörte zum Team der Betreuer, die die einsatzgeschädigten Athleten, wie es im Bundeswehrsprech heißt, fit für ihre Wettkämpfe machten. „Es war auch für mich ein einschneidendes Erlebnis“, sagt er über diese Zeit. „Ich bin normal kein emotionaler Typ. Aber dieses Gemeinschaftserlebnis hat auch mich berührt.“

Am Ende kamen sie alle mit einem Netz aus guten Gefühlen im Gepäck zurück, als Team, einige sagen: als eine Art Familie. „Die Gemeinsamkeit, die Anerkennung, die uns dort widerfahren ist, hat uns geholfen, Kraft für unser Leben zu schöpfen“, sagt Staniszewski. Auch er hat bei seinen Aufenthalten in Warendorf nicht nur physisch an seinem Knie gearbeitet, sondern gelernt, mehr Gefühle zuzulassen. „Mir ist erst jetzt klar geworden, dass ich vielleicht zu wenig über meine Erlebnisse gesprochen habe.“

Ehefrau tat so, als glaube sie seine harmlosen Geschichten

Stattdessen hat er angefangen, exzessiv Fahrrad zu fahren. In Hamburg bei den Cyclassics, in Kalifornien von San Francisco nach Los Angeles, 300 Kilometer durch Schweden. Natalia, die Ehefrau und Lebensgefährtin, die seit 15 Jahren an seiner Seite ist, hat ihn gelassen, ihn nicht bedrängt. Hat sich wissentlich abspeisen lassen mit seinen lapidaren Erklärungen, damals in Kundus sei es heiß gewesen, anstrengend, ja, auch ein bisschen gefährlich, aber man habe auch etwas erreicht. Auch die Freunde nehmen bis heute hin, dass er bei Besuchen auf Straßenfesten oder inmitten von Menschenansammlungen die Umgebung wachsam scannt.

Nun besteht die Hoffnung, dass der Ehemann sich doch noch öffnet und erzählt, was er erzählen kann, ohne sich selbst zu verletzen oder Schubladen zu öffnen, die er lieber geschlossen lassen will. Doch Staniszewski ist zuversichtlich, auch diese Etappe seines Heilungsprozesses zu meistern. „Ich habe eine gute Balance gefunden zwischen Akzeptieren und Verdrängen“, sagt er. „Aber ohne den Sport hätte ich das nicht geschafft.“

Vergangenen Montag war er mit seiner Frau im „KinoRaum“ an der Müggenkampstraße. Dort wurde ein Film gezeigt, der an diesem Sonntag im Fernsehen (NDR, 23.35 Uhr) zu sehen ist: „Sportclub Story: Die Unbesiegbaren – Sport als Therapie gegen den Krieg im Kopf“. Filmemacherin Juliane Möcklinghoff hatte die Soldaten zu den Invictus Games begleitet. Herausgekommen ist ein berührendes Porträt von Menschen, die über den Wettkampf, über die Gemeinschaft wieder gelernt haben, sich selbst wahrzunehmen, sich und anderen zu vertrauen. Nicht alle Teilnehmer waren bei der Filmvorführung dabei, doch stellvertretend für alle überreichte einer der Anwesenden der gerührten Autorin eine Medaille. „Als Erinnerung für dich und als Dankeschön von uns, weil du uns so gezeigt hast, wie wir sind.“ Die Tränen, die anschließend flossen, berührten auch die Zuschauer.