Fuhlsbüttel

Wie Hamburger Start-ups die Gesundheitsbranche verändern

Philips-Innovationsmanager
Gerrit Janßen in
der neuen Kreativzone
für Start-ups

Philips-Innovationsmanager Gerrit Janßen in der neuen Kreativzone für Start-ups

Foto: Michael Rauhe / HA

Junge Firmen arbeiten in einer alten Fabriketage nebeneinander. Sie sollen mit ihren Ideen dem Gesundheitssektor neue Impulse geben.

Hamburg.  Sie heißen apoQlar, Gaia Nutrition, moviil oder Vireed: Start-up-Firmen, die mit ihren Ideen dem Gesundheitssektor neue Impulse geben wollen. Doch die Räume in Fuhlsbüttel, in denen sie ihre Geschäftsmodelle entwickeln, verbinden sie mit einer rund 100 Jahre umfassenden Tradition in der Medizintechnik. Denn es sind ehemalige Fabrikflächen, auf denen der Philips-Konzern Geräte für diese Branche gefertigt hat. Wenige Meter entfernt produziert das Unternehmen noch heute Röntgengeräte für den Weltmarkt – an der gleichen Stelle, an der die Firma C.H.F. Müller, 1927 von Philips übernommen, dies schon Anfang der 1920er-Jahre tat.

Am Mittwochabend wurde der sogenannte Health Innovation Port (HIP), gedacht als Kreativzone für junge Firmen aus dem Umfeld der Gesundheitswirtschaft, im Rahmen einer Feier mit 200 Gästen offiziell eröffnet. „Besonders für Hamburg als Gesundheitsstadt ist es wichtig, für junge Unternehmen dieses Sektors attraktiv zu sein und die finanziellen, rechtlichen und kulturellen Hürden für Start-ups so niedrig wie möglich zu halten“, sagte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Zusammen mit Peter Vullinghs, Philips-Geschäftsführer für die deutschsprachige Region mit Sitz in Hamburg, hatte er im vergangenen Jahr die Idee für den HIP entwickelt.

Neun Start-ups sind bereits eingezogen

Schon im ersten Quartal 2017 haben die ersten von mittlerweile neun Start-ups das Angebot angenommen. Im zweiten Stock des früheren Fabrikgebäudes auf dem Philips-Werksgelände an der Röntgenstraße finden sie flexible, mit Stellwänden gestaltbare Arbeitsplätze in einem Großraum, aber auch Konferenzbereiche und Telefonboxen, eine Fläche für Präsentationen mit einer Holztribüne sowie eine Werkstatt mit einem 3-D-Drucker, zudem eine Küche mit Wasser- und Kaffee-„Flatrate“. „Wir berechnen für all das 99 Euro pro Person und Monat“, sagt Gerrit Janßen, bei Philips verantwortlich für den HIP. Mit einem Team von acht Beschäftigten des Konzerns hat er die Kreativzone auf den Weg gebracht.

Derzeit umfasst sie 550 Quadratmeter. Die Start-ups seien meist mit je zwei bis drei Personen vor Ort, sagt Janßen. Das Spektrum der Tätigkeitsgebiete ist breit. So entwickelt apoQlar eine Virtual-Reality-Brille für Chirurgen, die mithilfe dieser Technik dreidimensionale Computertomografie-Bilder des Patienten vor Augen haben, was präzisere Operationen ermöglichen soll. Gaia Nutrition erstellt auf digitalem Wege individuelle Ernährungspläne zur Vorbeugung chronischer Krankheiten. Onelife Health hat bereits ein Produkt auf den Markt gebracht, das – in ebenfalls digitaler Form – die Funktionen eines Schwangerschaftsratgebers und eines Mutterpasses vereint.

Weitere potenzielle Sponsoren

Auch wenn Philips die Räumlichkeiten für den HIP zur Verfügung stellt, ist der Konzern nicht der einzige Sponsor des Projekts. Im Sommer ist die Techniker Krankenkasse (TK) hinzugekommen. „Wir sprechen mit weiteren potenziellen Partnern“, erklärt Janßen. Die können zum Beispiel Krankenhausbetreiber sein.

Keines der Start-ups im HIP ist verpflichtet, mit Philips oder mit der TK in irgendeiner Weise zu kooperieren. Aber natürlich kann die Nähe zu geballter Branchenkompetenz – Philips hat in Hamburg rund 2800 Beschäftigte im Bereich Medizintechnik, die TK hat in der Stadt gut 3400 Mitarbeiter – durchaus für solche Kontakte genutzt werden, was für beide Seiten von Interesse sein könnte. So bietet die Digitalisierung aus Sicht der TK große Chancen, Patienten besser zu versorgen.

„Wandel im Gesundheitswesen aktiv gestalten“

„Wir möchten den Wandel im Gesundheitswesen aktiv gestalten“, sagt dazu Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandschef der TK. „Echter Fortschritt lebt vom Austausch. Der HIP bietet ein ideales Umfeld, um mit Start-ups und ihren innovativen Ideen zusammenzukommen.“ Das Ziel der Krankenkasse sei es, „die frischen Impulse der Start-ups aufzugreifen und diese jungen Unternehmen gleichzeitig dabei zu unterstützen, im Gesundheitssystem Fuß zu fassen.“

Ganz ähnlich sieht man das bei Philips. Mit der neuen Kreativzone wolle man „eine Brücke zwischen der etablierten Gesundheitsbranche und der Gründerszene schlagen“, sagt Peter Vullinghs, der Deutschlandchef des niederländischen Konzerns. Dabei schaffe die Initiative von Philips „ein Angebot, das es mit dieser Themenausrichtung bisher so in Hamburg nicht gibt“, sagt Elke Badde, Staatsrätin für Gesundheit und Verbraucherschutz in Hamburg. „Wir hoffen, dass das Konzept von Philips zu einem Vorbild für andere Betriebe wird.“

Pläne für eine Weiterentwicklung

Es liegt auf der Hand, dass Bürgermeister Scholz daran interessiert ist, Hamburg im Start-up-Ansiedlungs-Wettbewerb mit Berlin Vorteile zu verschaffen. Ohnehin gehört die Gesundheitswirtschaft mit mehr als 160.000 Beschäftigten zu den bedeutendsten Branchen der Hansestadt – und in jedem dritten Unternehmen dieses Wirtschaftszweigs hat sich nach Angaben der Handelskammer die Digitalisierung als Wachstumstreiber herausgestellt.

Das Team um Gerrit Janßen arbeitet denn auch schon an Plänen für eine Weiterentwicklung des HIP: „Wir sprechen mit Architekten darüber, wie eine weitere Ausbaustufe aussehen könnte.“ Die Flächen würden dann auf 1000 Quadratmeter ausgedehnt. 2018 will Philips ein Programm auflegen, das vorsieht, jeweils für drei Monate mit bestimmten Start-ups auf Gebieten, die für den Konzern interessant sind, zusammenzuarbeiten – „mit dem Ziel, zu einzelnen der Firmen eine langfristige Beziehung aufzubauen“, so Janßen.

Außerdem gibt es derzeit zwischen Philips und den Spitzenpolitikern der Stadt Gespräche darüber, in welcher Form eine Zusammenarbeit oder auch eine Förderung des HIP möglich wäre. Am Rande der Einweihungsfeier fanden Scholz und Vullinghs vielleicht eine Gelegenheit, sich dazu auszutauschen.