Deutsche Bahn

Alle Stadträder in Hamburg sind repariert, aber ...

| Lesedauer: 5 Minuten
Nico Binde und Edgar S. Hasse
Die fragenden Gesichter nach dem Ausfall eines Großteils der Stadtrad-Flotte
sollen der Vergangenheit angehören. Die Bikes wurden repariert

Die fragenden Gesichter nach dem Ausfall eines Großteils der Stadtrad-Flotte sollen der Vergangenheit angehören. Die Bikes wurden repariert

Foto: Roland Magunia / HA

Die Mängel bei den Tretlagern sind behoben. Schon zuvor musste die Bahn 290 Vertragsstrafen wegen Ausfällen zahlen.

Hamburg.  Die Engpässe beim Stadtrad sind behoben. Von nun an steht die komplette Flotte der roten Mieträder wieder zum Ausleihen bereit. Nachdem Ende August 1750 Stadträder wegen gravierender Tretlagerschäden in die Werkstatt mussten, sind nun wieder 2500 Fahrzeuge einsatzfähig. „Es war uns wichtig, dass die Räder schnell allen Kunden zur Verfügung stehen“, sagte Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis. Dabei war es – wie jetzt bekannt wird – nicht das erste Mal, dass große Teile der Flotte ausfallen.

Schon in den Vorjahren musste die Deutsche Bahn als Betreiber insgesamt 575.000 Euro Ausgleichszahlungen an die Stadt leisten, weil die vertraglich vereinbarte Kapazität des Radsystems erheblich unterschritten wurde. Wie aus der Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage des FDP-Bürgerschaftsabgeordneten Wieland Schinnenburg hervorgeht, wurden schon bis zum Jahr 2015 insgesamt 290 Vertragsstrafen fällig. Ihren Höhepunkt erreichte die Ausfallquote im Jahr 2013, als im Sommer nur 75 Prozent der Räder verfügbar waren. Von damals 1650 Rädern standen nur 1249 zur Verfügung, 400 waren aus dem Verkehr gezogen. Im ganzen Jahr wurden dafür 176.000 Euro fällig.

„Dringender Handlungsbedarf“

Für Schinnenburg, verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion und nun frisch gewählter Abgeordneter im Bundestag, ein Indiz, dass sich der aktuelle Ausfall abgezeichnet hat. Für ihn ist klar: „Beim Stadtrad besteht dringender Handlungsbedarf: Die Räder fallen viel zu oft aus.“ Nach der jüngsten, fast flächendeckenden Schadensmeldung fordert er den Senat auf, für Änderungen zu sorgen. Vor allem „dürfen bei der Neuverhandlung des StadtRad-Vertrages keinesfalls noch weichere Vertragsstrafen vereinbart werden“, mahnt Schinnenburg.

Zwischen Stadt und Deutscher Bahn ist bisher ausgemacht, dass zwischen März und Oktober mindestens 92,5 Prozent der Flotte einsatzfähig sein müssen, zwischen November und Fe­­bruar mindestens 80 Prozent. Sinkt die Quote länger als zwei Wochen unter diese Werte, werden Strafen fällig.

Fehlerhaft gefertigte Tretlager

Wie berichtet, war es vor einem Monat zum bisher größten Ausfall gekommen. Beim Fahrradleihsystem, das von der Deutschen Bahn im Auftrag der Stadt Hamburg betrieben wird, waren erhebliche Mängel bei offenbar fehlerhaft gefertigten Tretlagern festgestellt worden. Sie würden nicht die erwartete Lebensdauer erreichen, was im Zweifel zu einem Achsenbruch führen könne, teilte die Bahn mit. Daraufhin wurden vorsorglich 1750 Räder stillgelegt, nur 700 standen noch zur Verfügung. Der überwiegende Teil der Räder stammt aus dem Baujahr 2016, doch auch in andere Räder war das schadhafte Tretlager als Ersatzteil verbaut worden.

Nach Abendblatt-Informationen prüft die Deutsche Bahn jetzt gegenüber den Herstellern der Räder und der Tretlager in zweiter Instanz die Frage nach dem Schadenersatz. „Unsere Abteilung Einkauf arbeitet gegenwärtig mit Juristen an der Einbringung unserer Forderung“, so Meyer-Lovis. „Inwieweit diese vom Hersteller der Bikes oder vom Hersteller der Tretlager getragen werden, ist Teil der Klärung.“

Zusätzliche Irritationen

Die jetzt neu eingebauten Tretlager entsprechen nach Bahn-Angaben den hohen Anforderungen an die Sicherheit der Stadträder. Verkehrsstaatsrat An­dreas Rieckhof (SPD): „Ich freue mich sehr, dass das Angebot wieder voll zur Verfügung steht und das sogar zwei Wochen früher als erwartet.“ Beim DB-Ableger Stadtrad heißt es: „Unser voller Respekt gilt unseren Service-Mitarbeitern, die mit personeller Unterstützung des Radherstellers und des Tretlager-Herstellers das Unmögliche möglich gemacht haben.“

Zuvor hatten sowohl Techniker als auch Kunden „vereinzelte Brüche der alten Tretlager“ gemeldet. Mit der Folge, dass die Bahn sämtliche in Frage kommende Zweiräder sperrte, sodass zwar die 210 Stationen im Stadtgebiet voller Räder waren, diese sich aber nicht leihen ließen. Die schiere Masse habe nicht in die Hamburger Servicewerkstatt gepasst, sagte Bahnsprecher Meyer-Lovis. Das sorgte für zusätzliche Irritationen bei den Kunden.

Team von 30 Mitarbeitern

Dennis Thering, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, hatte vor Nachlässigkeiten gewarnt. Ein CDU-Antrag, den Ende 2018 auslaufenden Betreibervertrag quantitativ, finanziell und qualitativ weiterzuentwickeln, sei von SPD und Grünen abgelehnt worden. Der Senat beteuert, dass „der Betrieb des Stadtrads seit mehr als acht Jahren nahezu störungsfrei und weitgehend reibungslos“ verlaufen sei. Die Vertragsstrafen bis zum Jahr 2015 spielen dabei offenbar keine große Rolle. Denn der großflächige Ausfall im Vormonat sei das „erste nennenswerte Vorkommnis dieser Art.“ Die Vertragsstrafen aus dem Jahr 2016 und dem andauernden Jahr könnten jeweils erst mit der „Jahresschlussrechnung“ ermittelt werden.

Jedes einzelne Leihrad ist in Hamburg bis zu 10.000 Kilometer pro Jahr unterwegs. 2016 wurden erstmals mehr als drei Millionen Fahrten mit dem Hamburger Fahrradleihsystem gezählt. Am häufigsten werden die Ausleih­stationen Allende-Platz, Schulterblatt, Jungfernstieg, Landungsbrücken, Goldbekplatz und Hauptbahnhof genutzt. Verantwortlich für die Wartung, Reparatur, Pflege und Disposition der Stadträder ist ein Team von derzeit 30 Mitarbeitern.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg