Nach G20 in Hamburg

Die Rote Flora – ein „Monster“ mit vielen Gesichtern

| Lesedauer: 20 Minuten
Christoph Heinemann und Benedikt Meyer
G20-Krawalle:
Im
Schanzenviertel
brennen die Barrikaden

G20-Krawalle: Im Schanzenviertel brennen die Barrikaden

Foto: picture alliance

Die Besetzer suchen die Unterstützung im Schanzenviertel, träumen von einer Revolution. Was geht hinter den Mauern vor?

Hamburg. Für einen Moment ist die ganze Schlacht vergessen. Spotlichter setzen die Furchen im verwitterten Gemäuer in Szene, darauf leuchten Graffiti. Am Eingang und am Tresen fließt Geld, das nie in Abrechnungen auftauchen wird. Draußen tobt der Streit um dieses Haus, drinnen stellt sich eine Band auf. Der Bass drückt. Und im Bauch des „Monsters“, wie sie ihr Haus manchmal nennen, schwelgen sie in der Musik.

Die Rote Flora feiert, wie immer auch etwas sich selbst. Und so lange es noch geht. Der „Tag X“ sei nah, haben die Besetzer ins Internet geschrieben. Wenn die Staatsmacht anrückt. Wenn sie Revanche will für die angebliche Beteiligung an den G20-Krawallen, die Billigung von Gewalt, die Verhöhnung von Polizisten. In der Roten Flora ist allen klar: Wenn sie den Kampf um die öffentliche Meinung verlieren, kann das ihr Ende sein. Die Lage ist ernst wie selten.

Bürgermeister hält den Druck hoch

Der Bürgermeister hält selbst den Druck hoch. „Geistige Brandstifter“ hat Olaf Scholz die Autonomen genannt, deren Hauptquartier seit 2014 in städtischer Hand ist. Sie hätten die Exzesse bei G20 heraufbeschworen. Seine Geduld mit den Autonomen sei erschöpft. Scholz sagt: „Die Rote Flora hat ein Problem. Wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben“. Die scharfen Worte waren auch ein Mittel, um die Debatte von eigenen Fehleinschätzungen abzulenken. Aber nun ist der Umgang mit der Flora eine Frage der Glaubwürdigkeit geworden. Der Senat muss liefern.

Dabei sind wesentliche Fragen noch nicht einmal geklärt: Was ist die Rote Flora? Und welche Rolle spielte sie in den vergangenen Monaten? Das Abendblatt hat die Geschehnisse um das besetzte Kulturzentrum intensiv begleitet. Die Geschichte, die sich daraus ergibt, verläuft anders als die öffentliche Debatte. Sie handelt von Autonomen, die zwei Gesichter haben, miteinander ringen, sich am eigenen Mythos berauscht haben. Und von einer Stadt, die das wohlbekannte „Monster“ in bester Lage bislang einfach nicht zu fassen bekommt.

Herbst 2016: Die Revolution bleibt erst einmal aus

Alles ist jetzt so schön, dass es ihnen fast unheimlich ist. Auf den Toiletten haben die Autonomen kleine Einhörner als Mosaik gelegt, über der „Volxküche“, dem Café in der Roten Flora, schimmern Kupferlampen. Mehrere Hunderttausende Euro an Material haben die Besetzer in eine Renovierung des Gebäudes gesteckt, viele Wanderarbeiter haben kostenlos mitgeholfen. Es sollte auch eine kleine Revolution sein. Eine Öffnung zum Stadtteil. Vielleicht der Beginn einer neuen Ära in der Trutzburg. „Kein Geheimmief mehr“, hatte einer der Besetzer dem Abendblatt gesagt.

Aber intern ist der neue Kurs umstritten. Da sind ältere Besetzer, die sagen, man müsse die Zeichen der Zeit erkennen. Das Gebäude gehört nun der städtischen Lawaetz-Stiftung. Die Autonomen haben einen Stromvertrag mit Greenpeace Energy, sie haben sogar ganz spießig Beiträge an die GEMA abgeführt, jedenfalls so lange, bis dort ein neues Abrechnungssystem eingeführt wurde. Die Beginner und Fettes Brot gaben Konzerte in der Flora, gesetzte Herren aus der Mitte des Mainstreams.

Und man müsse nur nach draußen gucken, sagt einer: Auf dem Schulterblatt nippen Hipster und Familien vor Geschäften mit hübscher Deko an ihren „Käffchen“. Radikal solle die Flora bleiben. Aber ihre Kommunikation verändern. Wieder mehr Leute anziehen. Nach außen sprechen Besetzer von 500 Personen, die in der Flora ein und aus gingen. Tatsächlich sind mehr als 150 Schlüssel im Umlauf. Aber der harte Kern besteht aus zwei, vielleicht drei Dutzend Menschen. Die Flora verliere an Bedeutung, warnen einige.

G20-Krawalle: Zerstörungswut in Hamburg

Vor allem junge Besetzer halten dagegen, gerade jetzt müsse sich die Flora widerborstig zeigen. Sich nicht einlullen lassen von der Stadt. Im „Plenum“, der Versammlung der Autonomen, wird erbittert um jedes Detail gerungen, wie so häufig. Die Vordertür zum Schulterblatt öffnen oder nicht? Bei Veranstaltungen auch mal mehr nehmen als 2,50 Euro pro Getränk und 5 Euro als Eintritt, um mehr Geld in die politische Arbeit stecken zu können? Welche Gruppen zulassen, welche nicht? Die Meinungen gehen so weit auseinander, dass eine entschlossene Revolution erst einmal ausbleibt.

Es sei alles anders als früher, sagen Besetzer, die lange dabei sind. „Die Zeiten, in denen man im Plenum lang diskutiert und Programme entworfen hat, sind ziemlich vorbei.“ Das Gremium verwaltet die Tagungsräume in den Obergeschossen, die radikale wie gemäßigte Gruppen mieten können. Das „Monster“ Rote Flora funktioniert in der Praxis wie ein Tagungszentrum.

Der Senat ist zufrieden damit, wie der Kauf des Gebäudes die Szene beruhigt hat. Aber je näher der G20-Gipfel rückt, desto mehr lodert ein neues Feuer bei den Autonomen. Ein solches Treffen in unmittelbarer Nähe des Schanzenviertels ist eine Provokation. Und die Rote Flora, so sehen sie das, muss an der Spitze des Widerstands stehen.

März 2017: Die Rote Flora sichert sich früh ab

An der Oberfläche läuft alles wie immer. In der Fahrradwerkstatt schrauben Autonome an den Gefährten von Nachbarn, die Flora bietet Führungen an, es gibt Lesungen und Konzerte, selbst Kinderprogramm wird hinter den Mauern des besetzten Kulturzentrums zuweilen angeboten. Auch das ist die Rote Flora: ehrliche Stadtteilarbeit.

Aber hinter den Kulissen läuft jetzt eine Kampagne. Etwa 3000 Euro müssen die Autonomen im Monat für Strom und Wasser aufbringen, der Rest der Einnahmen aus Raummieten und Veranstaltungen bleibt über. Eine Steuernummer haben die Autonomen nicht, einen Buchhalter erst recht nicht. Die Autonomen investieren in die Mobilisierung gegen den G20-Gipfel, am Ende insgesamt etwa einen niedrigen fünfstelligen Betrag. Für Flyer, Plakate, auch für Reisen.

Geschichte des Gebäudes am Schulterblatt 71

Sie haben ein Thesenpapier veröffentlicht, es trägt den Titel „Schluss mit Konsens“. Darin heißt es, es dürfe beim Protest nicht um den kleinsten gemeinsamen Nenner der G20-Gegner gehen, sondern um „Revolten und Revolutionen“. Andere Gruppen versuchen es mit einer Charmeoffensive. Die Interventionistische Linke (IL) etwa, selbst vom Verfassungsschutz beobachtet, gibt offensiv Interviews und plant Blockaden mit bunten Gummitieren. Den Besetzern in der Flora ist das zu weichgespült.

Zum G20-Gipfel soll in der Roten Flora ein „Info-Point“ entstehen, ein Rückzugsraum für Demonstranten, das legen sie früh fest. Aber ansonsten belässt es die Rote Flora bei drastischen Aufrufen. Ganz bewusst. „Es ist doch klar, dass noch immer einer oder mehrere Bullen bei uns spionieren“, sagt ein Besetzer. Vier verdeckte Ermittler der Polizei haben sie in den vergangenen Jahren enttarnt. Als Kommandozentrale für konkrete Aktionen ist die Rote Flora längst verbrannt – selbst wenn es eine Mehrheit dafür im Plenum gebe.

„Brutales Knallen“ beim G20-Gipfel zum Ziel

Eine Handvoll autonomer Gruppen, die ein „brutales Knallen“ beim G20-Gipfel zum Ziel hat und auch in der Flora tagen, treffen sich nun andernorts. Sie formen mit etwa 20 anderen Gruppen aus Norddeutschland das Bündnis „Welcome to Hell“, das später für das Fanal beim Gipfel sorgen wird.

Mit einem „Mobilisierungs-Kit“, eine Präsentation, reisen sie zu befreundeten Gruppen bis nach Frankreich und Spanien. Darin werden Demonstrationen, wichtige Punkte in Hamburg, mögliche Verstecke, die Polizeistrategie und weitere Details aufgelistet. Wie man sich in Hamburg verhalten solle, wie viel Gewalt legitim sei, dass überlassen sie der Fantasie ihrer Zuhörer.

„Die Autonomen sind erfahren darin, sich abzusichern“, sagt ein Polizist. „Wenn Waffenhandel unter Strafe steht, verkauft man eben Munition“. Das Plenum wird nicht bei einer einzigen Demo als Veranstalter auftauchen. Die einst frisch gestrichenen Wände der Roten Flora sind wieder voll mit Graffiti.

Juni 2017: Die Gallionsfiguren rufen zur Schlacht

Vor der Roten Flora haben sie eilig ein Podest aufgebaut. Pressekonferenz. Die wichtigsten Figuren der kommenden Monate sitzen beieinander: Andreas Blechschmidt und Andreas Beuth. Es gehört zu den großen Missverständnissen, dass es sich um ein absolut verschworenes Duo handele.

Beuth kündigt die Demonstration „Welcome to Hell“ wie einen Boxkampf an: Es werde einen „der größten Schwarzen Blöcke“ aller Zeiten geben. Beuth trägt eine schiefe Brille und ein gegerbtes Gesicht, er war jahrelang der Szene-Anwalt – als Rentner gefällt er sich in der Rolle als führender G20-Gegner, wie es heißt. Sie respektieren seine Gerissenheit als Jurist, aber rollen mit den Augen, wenn er sich als Sprecher der Autonomen betitelt. Mitglied des Plenums ist Beuth nicht. Für Anwaltskollegen ist er ein „Betonkopf“.

Blechschmidt sitzt wie immer da mit einem jungenhaften Lächeln, das auf unnatürliche Größe wächst, wenn ihm eine spitze Bemerkung gegenüber dem Staat gelingt. Er ist Besetzer der ersten Stunde, hat öfter über das Aufhören nachgedacht, wie er der „taz“ einmal verriet. Er sagt, dass Gewalt „notwendig“ sein kann, aber nie als Selbstzweck. Als Anhänger ausufernder Krawalle gilt Blechschmidt nicht. Blechschmidt ist das Gesicht, mit dem beide Seiten leben können. „Er sieht uns sportlich, wie wir ihn“, heißt es bei der Polizei.

Es sind noch wenige Tage bis zum Gipfel, die Demonstranten schon auf dem Weg nach Hamburg. Es gebe jetzt niemanden mehr, der noch einen Überblick habe, wer alles zu den Protesten kommen werde, sagt ein Besetzer. Im Vorfeld des Gipfels ist es zu mehr als 100 Straftaten gekommen, harmlose Kritzeleien, aber auch Brandanschläge. Laut Verfassungsschutz deuten die Bekennerschreiben daraufhin, dass Autonome hinter einigen Taten stecken könnten. Aber kein Täter wird festgenommen. Polizeipräsident Ralf Martin Meyer wird später sagen: „Wir hatten diverse verdeckte Ermittler in dem Milieu, die uns Stück für Stück (...) abhanden gekommen sind.“

Die Lawaetz-Stiftung erhält 24.000 Euro im Jahr für die Verwaltung der Immobilie. Kurz vor dem G20-Gipfel hat noch immer kein Mitarbeiter die Rote Flora betreten. Nur selten gibt es überhaupt Kontakt. Und nur per E-Mail.

8./9. Juli 2017: „Wir waren niemals in Italien“

Gegen 22 Uhr machen sie die Türen dicht. Es ist alles außer Kontrolle geraten, auf dem Schulterblatt schießen die Flammen aus den Barrikaden, der Budni ist gestürmt. Schon bei der Demonstration „Welcome to Hell“ haben es Blechschmidt und Beuth nicht geschafft, den Demonstrationszug tatsächlich bis zum Ende zu führen – und so etwas wie ein politisches Anliegen anzubringen.

In der Roten Flora surrt ein Beamer und wirft die aktuellsten Tweets zu G20 an die Wand. Sie haben gekocht, den ausländischen Gästen Orientierung gegeben, aber nun geht es um Grundsätzliches. Sanitäter spülen die Augen der Demonstranten aus, in denen das Pfefferspray brennt. Die Flora ist jetzt ein Refugium. Wer nicht verletzt ist, darf nicht rein. Eine Maßnahme zur eigenen Sicherheit der Besetzer.

Andreas Blechschmidt, sagen Vertraute, versteht die Situation schnell. Noch in der Nacht wird ein Statement verschickt, die Flora spricht von „sinnentleerter Gewalt“. Am Tag darauf wird man damit beginnen, eine eigene Version der Geschehnisse zu propagieren: Nur anfangs seien Linksextreme an den Krawallen beteiligt gewesen. „Man hat ja sehr viele italienisch sprechende Menschen gehört, und Russen. Wir waren in der Vorbereitung nicht einmal in Italien“, sagt einer, man kenne diese Typen nicht. Und irgendwann hätten die Schaulustigen übernommen, die Halbstarken, die Gelegenheitskrawallmacher.

Kampf um die Deutungshoheit

Dabei wissen sie selbst – ebenso wie die Polizei – nicht ansatzweise, was soeben in ihrem Viertel passiert ist. Der Kampf um die Deutungshoheit beginnt schon, als die Krawalle noch toben. Normalerweise gehört es zum Ritual, dass Vermummte auf dem Dach jedes Mal einige Bengalos entzünden, wenn eine Demonstration an der Roten Flora vorbeizieht. Die Bildanalyse der Polizei wird aber ergeben, dass am Schulterblatt keine Personen auf dem Dach der Flora waren, um am „Hinterhalt“ gegen die Beamten mitzuwirken.

Gegen 2 Uhr ist das Schulterblatt geräumt, das Tränengas liegt noch in der Luft, eine Hundertschaft der Polizei rückt vor die Flora und bleibt stehen. Ob nun geräumt werde? „Noch nicht“, sagt ein Beamter durch seine Sturmhaube. Am nächsten Morgen steht eine Gruppe von Anwohnern vor der Roten Flora und will Antworten. „Seid ihr jetzt zufrieden?“, schleudert einer den Besetzern entgegen. Einem Autonomen kommt erstmals der Gedanke, dass man vielleicht überdreht, zu viel mit dem Feuer gespielt hat. „Die Meinung der Anwohner ist die einzige, die mich interessiert.“

20. Juli 2017: Das gallische Dorf hält zusammen

Andreas Blechschmidt blickt aus der Mitte über den Ballsaal im Millerntorstadion. 1000 Menschen, die Sonne kocht den Saal. Blechschmidt soll die Stadtteilversammlung mit einem Statement der Flora eröffnen, er wippt das Mikro in den Händen, dann setzt er an. Die Rote Flora verurteile die ausufernde Gewalt. Dann scherzt er, der Senat wolle die Flora nun vermutlich auch „für das schlechte Wetter“ verantwortlich machen. Erheitertes Raunen. Die Anspannung weicht aus Blechschmidts Gesicht, als wäre sie weggeföhnt worden.

Die Anwohner melden sich für eine Aussprache, fast alle sagen erst einmal, dass sie „politisch links“ stehen. Dann kritisieren sie den Senat, das harte Vorgehen der Polizei und all jene, die jetzt nur über die Rote Flora, aber nicht über den „bunten und friedlichen Protest“ der großen Masse reden.

Es dauert eine halbe Stunde, bis eine Anwohnerin das erste Mal überhaupt das brennende Schulterblatt anspricht. „Diese Barrikaden so nahe an den Häusern, das war einfach saugefährlich.“ Zustimmendes Nicken. Kurz darauf meldet sich ein anderer Anwohner und wettert, dass es alles eine Verschwörung gewesen sei: „Die Polizei hat diese Menschen bewusst in unser Viertel getrieben.“ Da fegt ein Sturm von einem Applaus durch den Saal.

In der Pause der Versammlung steht Andreas Beuth vor dem Gebäude und nestelt an einer Drehzigarette. Auch er hat sich drinnen gemeldet und gesagt, dass es wohl die „falsche Wortwahl“ war, als er nach den Krawallen fragte, warum der Schwarze Block denn nicht Pöseldorf oder Blankenese zerlegen könnte. Im Saal haben einige darüber gelacht, wie Eltern, deren Kinder gerade einen Streich gespielt haben, der am Ende halb so schlimm war.

Nur ein alter Weggefährte stürmt jetzt auf Beuth zu, er ist aufgebracht, packt ihn an der Jacke. „Was hat dich denn geritten?“ Man müsse jetzt zusammenhalten, das gesamte gallische Dorf. Solche Fehltritte können sie sich nicht leisten. Beuth wird nicht länger ein sehr gefragter Mann in der Szene sein.

August 2017: Das „A-Team“ stößt an seine Grenzen

In den Behörden tragen sie alle Fakten zusammen. Über die Flora, ihre Strukturen, über mögliche Sanktionen. Eine Räumung würde mehr Probleme schaffen als lösen. Die Soko „Schwarzer Block“ formiert sich gerade erst. Bliebe die Steuerfahndung wegen der unversteuerten Einnahmen in der Roten Flora, mutmaßlich Hunderttausende über die Jahrzehnte. Aber politisch Druck auf die Justiz auszuüben, ist ein heikler Weg – vorsichtig gesagt.

Der Senat schickt lieber das „A-Team“: Die Fraktionschefs Andreas Dressel (SPD) und Anjes Tjarks (Grüne). Sie sprechen mit Anwohnern, diese erzählen unterschiedliche Geschichten aus der Krawallnacht. Keiner will der Flora eine Hauptschuld geben. „Manchmal hat man das Gefühl, dass die Flora ihr Viertel wie die ,Cosa Nostra‘ im Griff hat“, sagt ein hochrangiger Beamter. Dressel und Tjarks nehmen als Erkenntnis mit, dass die Anwohner die Rote Flora tolerieren, aber nicht die Gewalt. Die „Welt“ schreibt nach dem Besuch, dass der Senat die Stimmung im Viertel zuvor „falsch eingeschätzt“ habe.

An der Flora ist es seltsam still

An der Roten Flora ist es seltsam still. Auch alltägliche Angebote fallen zeitweise aus. „Es wird eine genaue Aufarbeitung geben“, sagt einer aus dem Umfeld der Roten Flora. Einen Bedarf, über das Viertel hinaus in die Öffentlichkeit zu gehen, haben die Autonomen nicht. Eine Gesprächsanfrage blockt Andreas Blechschmidt ab.

An der Fassade der Flora kleben mehrere Zettel, Titel: „Was für 1 nicer Riot“; was für ein toller Aufstand. Darunter stehen Tipps für Straftäter. Sie sollen bitte ihre Kleidung aus den Krawalltagen wegwerfen, damit die „Bullen“ sie nicht fassen. Absender unbekannt.

September 2017: Die Tragödie der Roten Flora

Eine Anwohnerin aus der Susannenstraße (35), zwei Kinder, sagt, dass sie früher selbst hin und wieder in der Flora war. „Jetzt nicht mehr. Die Ausschreitungen waren eine echte Nervenprobe.“ Im Viertel wollen sie den Sommer hinter sich lassen, sind heilfroh, dass Olaf Scholz noch nicht ernst gemacht hat.

Die Soko „Schwarzer Block“ ermittelt, aber man solle „nicht viel erwarten“, heißt es in Sicherheitskreisen. Im Klartext: Es liegt nichts gegen die Besetzer vor. Das „A-Team“ will den Dialog fortsetzen, das Ziel bleibt eine Öffnung der Flora, das wäre ein Riesenschritt. „Leider können einzelne Autonome mit einer Aktion sehr viel zerstören“, sagt ein Regierungspolitiker.

In der linken Szene sind Treffen zur Aufarbeitung angesetzt, auf der Tagesordnung steht zuerst die Polizeigewalt, am Schluss ist Raum für Selbstreflexion. Die Flora werde am Ende der Gewalt bestimmt nicht öffentlich abschwören, sagt einer, der die Besetzer seit Jahrzehnten kennt. Und dann einen Satz, den auch Politiker ausstoßen: „Die Flora ist eine eigene Welt.“

Debatten nie richtig geführt

Die Autonomen hätten oft die Gelegenheit gehabt, aber viele Debatten nie richtig geführt. „Und gerade die älteren Besetzer wissen das. Es ist tragisch“. Bei Facebook werden wieder größere Veranstaltungen angekündigt, eine heißt: „Still loving Rote Flora“. Im Internet haben Linke ein Schanzenfest für das nächste Wochenende angemeldet. Ausdrücklich illegal. Aus dem Text spricht die Sehnsucht, dem Feind „auf der Straße“ einmal mehr etwas zu beweisen.

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