Kleiner Grasbrook

Hier entsteht Hamburgs neuer Stadtteil

Der Schumacherwerder führt zwischen
Elbe und aufgegebenem ÜberseeZentrum
auf Hamburgs Skyline zu

Der Schumacherwerder führt zwischen Elbe und aufgegebenem ÜberseeZentrum auf Hamburgs Skyline zu

Foto: Friederike Ulrich / HA

Der Kleine Grasbrook soll bebaut werden. So sieht es heute auf der von zwei Hafenbecken geteilten Halbinsel aus.

Hamburg.  Fahnen flattern laut im böigen Wind. Lastwagen und Autotransporter fahren dröhnend die Dessauer Straße auf dem Kleinen Grasbrook entlang. Sie sind unterwegs zum Terminal O’Swaldkai, das mit seinem Kühlzentrum und den beiden Liegeplätzen für Containerschiffe und Transportfähren ein wichtiger Umschlagplatz für Südfrüchte, Autos und Stückgut ist.

Vor einem lang gestreckten backsteinernen Lagerhauskomplex, der rückwärtig an den Saalehafen grenzt, werden Laster mit Gabelstaplern entladen. Im denkmalgeschützten Lagerhaus G beispielsweise wartet allerlei technisches Gerät auf den Weitertransport.

Leitartikel: Hamburg wagt den großen Sprung

Es ist eines der ältesten Speichergebäude Hamburgs und diente im Zweiten Weltkrieg als Außenlager des KZ Neuengamme. Vor einem Lkw, der ein Stück weiter gerade von einigen Männern beladen wird, hält ein Lieferwagen. Die Arbeiter nehmen zwei Bierkästen entgegen. Von der anderen Straßenseite steht Magdalena Meierdirks von ihrem Imbiss und ruft über die Straße: „Was ist denn hier los?“ Und fügt dann schmunzelnd hinzu: „Na ja, wollen wir es ihnen mal nachsehen. Ich verkaufe ja keinen Alkohol.“

Stattdessen gibt es bei ihr Kaffee, Schnitzel, Currywurst und Bauernfrühstück. „Zum Lütten Foffteiner“ heißt ihr Imbiss, der um die Mittagszeit ein beliebter Treffpunkt für Hafenarbeiter, Kraftfahrer und die Mitarbeiter der umliegenden Büros ist. Dass auf dem Kleinen Grasbrook, auf dem Meierdirks seit 17 Jahren ihren Imbiss betreibt, von 2019 an ein neuer Stadtteil mit Büros und 3000 Wohnungen entstehen soll, ist kein Gesprächsthema. Schließlich sollte hier ja schon einmal eine Uni gebaut werden. Und ein olympisches Dorf.

Bebauung könnte Chance für den Hafen sein

Betroffen von den jetzt aber viel konkreteren Plänen wären den aktuellen Darstellungen zufolge (siehe links) auch Flächen des Edeka-Konzerns, der auf dem Kleinen Grasbrook schon lange ein Fruchtkontor inklusive einer Bananenreiferei betreibt, und Flächen des auf Fahrzeuge spezialisierten HHLA-Tochterunternehmens Unikai. Laut den Plänen sollen hier Büros entstehen.

Während sich Edeka nicht dazu äußern will, reagiert man bei der HHLA gelassen – und verweist auf die festgeschriebene Zusage von Senat und Wirtschaftsbehörde, dass Unikai die Standorte erweitern könne. HHLA-Sprecher Hans-Jörg Heims sieht in der Bebauung des Kleinen Grasbrooks sogar eine Chance für den Hafen: „Die Wohnhäuser würden vor dem Hafenlärm durch Büro- und Gewerberiegel­ geschützt, in die beispielsweise Logistikunternehmen aus der Hafenwirtschaft ziehen könnten.“

Während am O’Swaldkai Hoch­betrieb herrscht, ist der nördliche Teil des Kleinen Grasbrooks verwaist. Die Halbinsel auf der anderen Seite des Moldauhafens, genannt Schumacherwerder, wird fast komplett vom Übersee-Zen­trum eingenommen, das Ende 2016 von der HHLA aufgegeben wurde. Früher wurden in dem weltweit größten Verteilzentrum für Stückgut rund um die Uhr Waren zwischen den verschiedenen Hallen hin- und hergefahren.

Reger Betrieb

Heute liegt das gesamte Gelände brach. Das dunkle Bürohochhaus mit den blinden Fenstern und die verlassenen Lagerhallen mutet fast gespenstisch an. Auch auf dem Weg, der zwischen der Spundwand, die das Übersee-Zentrum schützt, und der von Büschen gesäumten Wasserkante entlangführt, ist kein Mensch zu sehen. An dem Fähranleger, an den die Wellen schwappen, ist lange kein Hafenarbeiter mehr aus der Barkasse gestiegen. Und auch auf den Schiffen, die in der Nähe festgemacht haben, rührt sich nichts.

Halbinsel im Hafen

Gegenüber, wo die HafenCity gen Osten wächst, herrscht dagegen reger Betrieb. Lastwagen und Baufahrzeuge, aber auch viele Autos in Richtung Elbbrücken sind unterwegs. Weil der Wind tüchtig aus Westen bläst, ist der Lärm von dort an diesem Tag nicht zu hören.

Der letzte Rest des Weges zur Spitze der Landzunge ist versperrt. Dennoch ist der Blick auf Hamburgs Skyline von hier höchst eindrucksvoll. Einsam ist es hier. Dann tauchen doch noch zwei Männer auf: Vermessungsingenieure, die die Kaimauer überprüfen. Mit den Neubauplanungen, so sagen sie, habe das nichts zu tun.