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Hamburgs neue Autoreisezüge haben ein Problem

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Benedikt Meyer
Auf nach Italien! Am Bahnhof Altona werden wieder Autos auf die Reisezüge verladen. Passanten schauen neugierig zu

Auf nach Italien! Am Bahnhof Altona werden wieder Autos auf die Reisezüge verladen. Passanten schauen neugierig zu

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Nach dem Ausstieg der Deutschen Bahn bieten drei private Unternehmen von Altona aus sechs Verbindungen. Diebsteich als Todesurteil?

Hamburg. Vor Gleis 11 warten die letzten Motorräder, Bahnmitarbeiter haben die Zufahrt zur Verladestation im Bahnhofsgebäude abgesperrt. Passanten beobachten die Szene: Nachdem alle Motorräder auf den 416 Meter langen Autoreisezug gefahren sind, kommen nun die Autos an die Reihe. Oft dauert es länger als zwei Stunden, bis die etwa 80 Fahrzeuge auf dem Zug verladen sind.

Nach dem Ausstieg der Deutschen Bahn galt der Autoreisezug, der Hamburg mit zahlreichen Zielen im Süden verband, als Auslaufmodell. Der Autotransport, die Speise- und Schlafwagen waren der Deutschen Bahn zu teuer und insgesamt unrentabel. Billigflieger und Mietwagen sorgten für zusätzliche Konkurrenz.

Kunden kennen das neue Angebot zu wenig

Doch der Autoreisezug ist alles andere als tot: Gleich drei private Anbieter haben die Lücke, die von der Deutschen Bahn hinterlassen wurde, gefüllt – mit insgesamt sechs Verbindungen. Das Kölner Unternehmen Train4You bietet mit wöchentlichen Verbindungen nach München, Lörrach, Verona in Italien und Villach in Österreich die meisten Ziele an. Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) steuert die Städte Wien und Innsbruck an. Auch der Bahntouristikexpress (BTE) bedient die Autozug-strecke nach Lörrach.

Train4You-Sprecher Christian Oeynhausen ist überzeugt, dass die Nach­frage da sei nach einer Möglichkeit, mit dem eigenen Auto in den Urlaub zu starten, ohne dabei selbst fahren zu müssen. Auch seien die Erfolgsaussichten für kleinere und spezialisierte Unternehmen andere als für die große Deutsche Bahn. Wegen der geografischen Lage der Hansestadt seien die Verbindungen besonders für Nord-Süd-Reisende interessant.

Fahrt nach Verona kostet stolze 738 Euro

Ein Problem der Anbieter: Viele potenzielle Kunden gingen nach dem Ausstieg der Deutschen Bahn offenbar davon aus, dass keine Autoreisezüge mehr fahren – und orientierten sich anders. Genaue Daten will Train4You zwar nicht vorlegen, überraschend hoch sei aber die Zahl der kurzfristigen Buchungen. Oeynhausen sieht dadurch die These bestätigt, „dass sich die Fortsetzung der Autoreisezüge nach der Ära DB erst einmal herumsprechen musste“. Besonders für Familien sei das Angebot interessant, auch wenn eine Fahrt mit dem Autozug nicht ganz günstig ist.

Laut Oeynhausen das aktuelle Lieblingsziel: Verona. Für die 1247 lange Strecke bis zu der norditalienischen Stadt benötigt der Autoreisezug rund 13 Stunden. Die Fahrt nach Verona kostet für zwei Erwachsene und ein Kind mit Autotransport und eigenem Abteil im Schlafwagen stolze 738 Euro.

Hotelbetrieb auf Schienen

Ob der Preis gerechtfertigt ist, muss jeder selbst entscheiden. Eigentlich handelt es sich um einen Hotelbetrieb auf Schienen, auch Schlaf- und Restaurantwagen gehören natürlich wieder zum Angebot. Den Schlaf- und Liegewagen sieht man ihr Alter durchaus an, eingerichtet sind sie lediglich mit dem Nötigsten. Sie stammen zum Großteil aus den Niederlanden und Belgien.

Während kurz vor der Abfahrt im Restaurantwaggon noch die letzten Vorbereitungen laufen – Tische werden eingedeckt, das Essen zubereitet – drängen sich die Passagiere schon in ihre Abteile. Betten sieht man zunächst nicht, die werden erst später aus der Wand geklappt. Schließlich dienen die Schlafwaggons auch als Aufenthaltsräume für die Passagiere. „Für Kinder ist das natürlich ein echtes Abenteuer, im Zug zu schlafen. Wir haben hier eine echte Gastgeberrolle“, sagt Menja Heinsohn, Zugbegleiterin aus Bremen.

Bei Diebsteich keine Verladestation geplant

Neben Familienautos transportiert das Unternehmen wertvolle Raritäten und echte PS-Monster. Oeynhausen sagt: „Vom Oldtimer bis zum Ferrari hatten wir schon alles auf unseren Waggons, das ist sehr gemischt.“ Mit zwei Bordrestaurants, acht Schlafwaggons, 14 Liegewaggons und 39 Autotransportwaggons kann das Unternehmen bis zu 260 Passagiere und 80 Fahrzeuge auf einer Tour transportieren.

Die Autoreisezüge sind eine echte Institution in Hamburg: Auch wenn das Geschäft mit dem individuellen Transport von Autos auf Schienen immer schon nur ein Nischenangebot war, lässt sich besonders in Hamburg auf eine lange Geschichte zurückblicken. Schließlich startete der erste Autoreisezug überhaupt bereits 1930 von hier aus seine Fahrt in Richtung Basel. Zumindest bis zum Jahr 2023 werden die Autoreisezüge von Hamburg-Altona aus in Richtung Süden starten. Aber die geplante Verlegung des Bahnhofs nach Diebsteich könnte doch noch das Aus für die Autoreisezüge in Hamburg bedeuten.

Alternativen werden gesucht

Laut der Deutschen Bahn werde derzeit zusammen mit den Betreibern der Autozüge nach Alternativen gesucht. Eine Verladestation für Fahrzeuge sei nach der Verlegung am Diebsteich nicht vorgesehen. Auch die Stadt beschäftigt das mögliche Ende der Autoreisezüge. Christian Füldner von der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation sagt: „Das Angebot wird von zahlreichen Kunden genutzt, fällt aber vor dem Hintergrund des Gesamtverkehrsaufkommens nicht ins Gewicht.“ Gleichwohl stelle das Autoreisezug-Angebot eine wünschenswerte Ergänzung zum Verkehrsangebot dar. Die Behörde begrüße auch, dass Betreiber und Deutsche Bahn bereits jetzt in Gesprächen über andere mögliche Standorte für die Autoverladung befinden.

Genauere Informationen zu den Abfahrtszeiten und Preisen der drei Anbieter, die derzeit ab Altona fahren, gibt es im Internet unter www.autoreisezug-planer.de.

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