Hamburg

Warum viele G20-Schäden immer noch nicht beseitigt sind

Scheiben des Ikea-Markts in Altona wurden bei den Krawallen während des G20-Gipfels eingeschlagen. Der Schaden ist noch nicht beseitigt

Scheiben des Ikea-Markts in Altona wurden bei den Krawallen während des G20-Gipfels eingeschlagen. Der Schaden ist noch nicht beseitigt

Foto: picture alliance/Bodo Marks/dpa

Vor allem bei Banken ist der Austausch des zerstörten Sicherheitsglases zeitaufwendig. Bisher 262 Anträge bei Härtefallfonds.

Hamburg.  Zimmernummer 54 – das ist das neue Zuhause von M. Lelic. Seit fünf Wochen lebt die 42-Jährige in einem Hotel. Wann sie wieder in ihre vier Wände in Schnelsen zurückkehren kann, steht in den Sternen. In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli verlor sie ihr Heim. Ein in einem Papiercontainer gelegter Brand fraß sich über ein Werbebanner an der Hauswand hinauf in den Dachstuhl. Dorthin, wo Lelic schlief. Dass sie überhaupt heil aus der Wohnung kam, sei ein Wunder, wie sie sagt.

Es war der Freitag, der sich in das Gedächtnis vieler Hamburger eingegraben hat. Am frühen Morgen waren Randalierer durch Altona gezogen, hatten unter anderem Autos an der Elbchaussee angezündet. In der Nacht zuvor demolierten Vermummte Geschäfte an Waitzstraße und Osterstraße. Die G20-Spuren sind bis heute noch zu sehen.

Lelic arbeitet als Filialleiterin eines Fotogeschäfts in Blankenese und erlebte, wie viele Geschäftstreibende aus Angst vor einem Mob am Freitagnachmittag die Läden verrammelten. Damals belächelte sie die Aufregung. Heute sieht sie das anders. „Ich habe das unterschätzt“, sagt sie. Aus ihrer Sicht hängen der gelegte Papierkorbbrand, der ihr das Zuhause raubte, und die Gewalt am G20-Wochenende zusammen. Die Polizei möchte das auf Abendblatt-Anfrage nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren. Sie verweist auf die laufenden Ermittlungen.

Zahlreiche Banken während G20 beschädigt

Gerade das setzt Lelic besonders zu. „Warum muss ich mich nach alldem Unglück rechtfertigen?“, fragt sie. Sie weist darauf hin, dass es einen Brand­anschlag auf das Porschezentrum in Schnelsen gab und in der besagten Nacht weitere Papiercontainer in der Gegend brannten. Letzteres bestätigt auch die Polizei. Aber erst, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind, wird klar sein, ob Lelic zu den Betroffenen zählt, die vom eigens angelegten Härtefallfonds profitieren können.

Zeitaufwendig ist indes auch die Beseitigung der zahlreichen Schäden. Das zeigt sich nicht nur im Schanzenviertel – wo die Randalierer am meisten zerstörten –, sondern auch an der Großen Bergstraße, der Oster- und Waitzstraße. Viele der demolierten Schaufenster sind sechs Wochen nach den Krawallen nicht ausgetauscht. An der Waitzstraße etwa sind bei der Commerzbank, der HypoVereinsbank und Volksbank noch die Schaufenster kaputt. „Wir sind von Dienstleistern abhängig“, erklärt ein Sprecher der HypoVereinsbank.

Noch am selben Tag sei der Auftrag für die Reparatur vergeben worden. Aber es handle sich um Maßanfertigungen aus Sicherheitsglas. Wann die Scheiben ausgetauscht werden, kann er nicht sagen. Das Team der Commerzbank hofft, dass die Filiale Ende August wiederhergestellt ist.

Auch die Volksbank plant, die Scheiben bis Ende des Monats auszutauschen. Weitere Filialen hatte es an der Großen Bergstraße und der Osterstraße getroffen. „Wir gehen insgesamt von einer Schadenshöhe von etwa 50.000 Euro aus“, sagt Sprecherin Heidi Melis. Jedoch sei die Prüfung aller Schäden noch nicht abgeschlossen.

Neue Ikea-Scheibe kommt aus Frankreich

Auch viele Einzelhändler warten auf die Reparatur der Fensterscheiben. Die Einzelanfertigungen für die Ikea-Filiale in Altona kommen einem Sprecher zufolge aus Frankreich und haben eine Lieferzeit von bis zu acht Wochen. Eine lange Wartezeit gibt es auch für die Schaufenster der Schmuckkette Bijou Brigitte an der Osterstraße. „Die Reparatur wird nächste Woche erfolgen“, sagt eine Sprecherin. Zudem befinde sich das Unternehmen in Kontakt mit dem Härtefallfonds.

Der Fonds richtet sich an Geschädigte der G20-Ausschreitungen, deren Sachschäden nicht durch Versicherungen gedeckt sind. Insgesamt 40 Millionen Euro hatten Stadt und Bund bereit- gestellt. Bis Freitag waren davon rund 176.000 Euro ausgezahlt. „Das Schadensvolumen ist deutlich geringer ausgefallen als zunächst befürchtet“, sagt Ralf Sommer, Vorstandsvorsitzender der Hamburgischen Investitions- und Förderbank (IfB), bei der der Fonds eingerichtet ist. Viele Schäden seien bereits durch Versicherungen gedeckt. „So müssen wir häufig nur die Selbstbehalte erstatten“, sagt Sommer. Insgesamt sei mit Sachschäden von bis zu 20 Millionen Euro zu rechnen.

135 Anträge wegen beschädigter Autos

Bislang sind 262 Anträge auf Zahlungen eingegangen. Doch noch immer werden weitere gestellt. „Nach den bisherigen Erfahrungen erreichen uns Anträge auch deshalb später, weil die Geschädigten noch die endgültige Schadenshöhe feststellen müssen und Klärungen mit Versicherern vorgenommen werden“, sagt Senatssprecher Jörg Schmoll. Bewilligt und ausgezahlt wurde bislang in 117 Fällen. Unter den Entschädigten sind 93 Privatpersonen und 24 Unternehmen. IfB-Chef Sommer zufolge werde in der Regel noch am Tag der Antragsvorlage Kontakt zum Antragsteller aufgenommen.

Die Mehrheit der bislang eingegangen Anträge bezieht sich auf Schäden an Autos (135), es folgen Gebäudeschäden (93) und sonstige Schäden (52). Die IfB geht davon aus, dass „der überwiegende Teil der Schäden bis Ende September reguliert sein sollte“. Insgesamt dürfte aus dem Fonds eine Summe im mittleren einstelligen Millionenbereich erstattet werden.